FERMENTO: Programm Oktober-November

Folgend das neue Programm für Oktober-November in der anarchistischen Bibliothek FERMENTO, an der Rosengartenstr. 10 in Zürich. Das Programm findet sich hier als PDF. Es enthält ausserdem eine Rezension des Buches von Zo d’Axa „Leben ohne zu warten“, und einen Artikel über Severino Di Giovanni, übersetzt aus der italienischsprachigen Zeitung „L’adunata dei Refrattari“ von 1931.

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– Abendessen (Gegen Spende)
Mi, 24. Oktober, Ab 20:00

– The Battle Of Algiers
Film; Aufstandsversuch in Algerien Mitte 50er gegen die französische
Kolonialmacht [Untertitel: Englisch]

Mi, 31. Oktober, Ab 20:00

– Diskussion über den Einladungstext und die Beiträge zum internationalen anarchistischen Treffen (Einladung und Beiträge sind im Fermento auffindbar)
Sa, 3. November, Ab 19:00

Bibliothek geschlossen!
Sa, 10. November,

– Diskussion ausgehend vom vergangenen anarchistischen Treffen
Sa, 17. November, Ab 19:00

– Abendessen (Gegen Spende)
Mi, 21. November, Ab 20:00

– Severino Di Giovanni
Präsentation über das Leben und die Ideen des Anarchisten; anschliessende Diskussion (ein Artikel dazu befindet sich auf der Rückseite)
Sa, 28. November, Ab 20:00

 

 Leben ohne zu warten

Zo d‘Axa

 

« Die autoritäre Gesellschaft ist uns verhasst, wir bereiten das Experiment einer freiheitlichen Gesellschaft vor.
Obwohl wir nicht wissen, was diese Gesellschaft uns bringen wird, wünschen wir uns diesen Versuch – diese Veränderung.
Anstatt in dieser veralteten Welt stecken zu bleiben, in der die Luft zu dick zum Atmen ist und die Ruinen einstürzen, als wollten sie im aufgewirbelten Staub alles verhüllen, beeilen wir uns, auch den Rest einzureissen. »

Zo d‘Axa

 

Dieses Buch, das 1895 in Frankreich zum ersten Mal publiziert wurde, kann als einfacher Augenzeugenbericht einer Epoche oder auch als kurzer autobiographischer Roman gelesen werden. Mit etwas mehr Bedacht jedoch, lassen sich darin einige Perlen, einige Ideen erkennen, die dazumals wie heute eher selten scheinen. In einer Zeit, in welcher der Anarchismus oft idealistische, manchmal fast schon religiös anmutende Charakterzüge annahm, hebt sich Zo d‘Axa, der Autor und Akteur dieser Geschichte, als Ketzer der anarchistischen Bewegung hervor, der sich hartnäckig weigert, sich auf den „Glauben“ an irgendeine abgeschlossene Theorie, an irgendeine rettende Zukunft zu stützen, um seine Revolte nur für die Gegenwart, für das Unmittelbare, für die « stolze Freude des sozialen Kampfes » zu leben. So schrieb er in der von ihm gegründeten Pariser Wochenzeitschrift „l‘Endehors“ [„der Ausserhalb-Stehende“]: « Weder einer Partei noch einer Gruppe zugehörig. Ausserhalb. Gehen wir – als Individuen, ohne den rettenden und blind machenden Glauben. Unser Ekel vor der Gesellschaft bringt keine unabänderlichen Überzeugungen hervor. Wir kämpfen aus Freude am Kampf und ohne den Traum einer besseren Zukunft zu träumen. Was geht uns das Morgen an, das erst in einigen Jahrhunderten sein wird? Was gehen uns die Grossneffen an! AUSSERHALB aller Gesetze, aller Regeln und aller Theorien – sogar der anarchistischen –, vom jetzigen Augenblick an, sofort, wollen wir uns unseren Gefühlen des Mitleids und des Zorns, unserer Wut und unseren Instinkten hingeben – mit dem Stolz, wir selbst zu sein »

Umgeben von einer anarchistischen Bewegung, die sich manchmal selbst in einem dichten Netz aus Dogmen, Vorschriften und Normen verwickelte, kommt Zo d‘Axa schliesslich zum Punkt, zu sagen: « Ich bin kein Anarchist ». Wie um zu sagen: wenn dies Anarchisten sind, dann kann ich es nicht sein. Eine Schlussfolgerung, zu der auch heute manche Leute gelangen können, in Anbetracht gewisser Ausdrücke des Anarchismus, die sich in Ideologien einsperren und sich kaum von der Tätigkeit von „Politikern“ unterscheiden. Aber sollte die Haltung eines Zo d‘Axas nicht gerade das Fundament des Anarchismus sein? Jene Haltung, die jede fixe Idee, jede abgeschlossene Theorie, jeden ideologischen Glauben hartnäckig zurückweist, um die eigenen Ideen und Praktiken in einer stetigen Spannung mit dem alltäglichen Leben, mit dem eigenen alltäglich geführten Kampf zu entwickeln und zu vertiefen?

Schon immer hat ein grosser Teil der anarchistischen Bewegung die Anarchie als Heilmittel für alle Übel der Menschheit hingestellt, als ein rettendes Reich voller Liebe, Glück und Gleichheit. Um es zu schaffen, die Massen davon zu überzeugen, ihnen zu folgen, sahen sich viele Anarchisten verleitet, die Revolution als ein erlösendes Licht darzustellen, das über der Welt aufgeht, als ein Jubel von Glückseligkeit. Zo d‘Axa hielt solche Versprechungen für Scharlatanismus und Marktschreierei. Er empfand nicht das Verlangen nach einem übergeordneten Ideal, das es zu erreichen gilt. Er weigerte sich, den Ausgebeuteten ein Paradies zu versprechen, das den Referenzpunkt des Willens bildet, auf die Realität einzuwirken und das Leben zu verändern. Der Antrieb für seine Revolte war schlicht und einfach der Abscheu gegenüber dem, was ihn umgab. Jedes Alternativprojekt einer gesellschaftlichen Organisation, die sich auf antiautoritäre Prinzipien stützt, war ihm also völlig fremd, denn: man kann nicht versprechen, und noch weniger halten, was man nicht kennt. Daraus folgt, dass auch die Art und Weise, wie er sich ausdrückte, bereitwillig ohne jene sozio-ökonomischen Analysen auskam, die einer gewissen Art von revolutionärer Propaganda so lieb ist, die objektive Bestätigungen, realistische Vorschläge und effiziente Resultate nötig hat.

Eine Welt ohne Herrschaft, in all ihren Ausdrucksformen, ist unmöglich vorauszusehen. Jeder Versuch, sie vorauszuplanen, würde darauf hinauslaufen, ein Ritual zu vollführen, um sich die Angst vor dem Unbekannten auszutreiben. Wie ein Kind in der Dunkelheit, dass laut singt, um sich Mut zu machen. Viele, die diese Gesellschaft untergraben wollen, sind daran gewöhnt, komplexe theoretische Gesellschaftsentwürfe zu konstruieren, um die Panik zu überwinden, die sie ergreift, wenn sie an ein Leben ohne all die Sicherheiten denken, welche uns die niederträchtigen Gewohnheiten von heute zu liefern vermögen. Aber bis zu welchem Punkt sind diese vorgeplanten Projekte eines gesellschaftlichen Wiederaufbaus nur das Echo des Gesangs des verängstigten Kindes? Oder schlimmer noch, inwiefern sind diese plausiblen, besonnenen und rationalen Projekte schlichte Köder, um die Zustimmung der Leute zu erheischen?

 Entgegen diesem „politischen“ Anarchismus, der so vernünftig mit dem „gesunden Menschenverstand“ argumentiert, hält Zo d‘Axa « [seinen] Enthusiasmus für eine grosse Sehnsucht offen ». Eine Bekräftigung, die man auch aus den Seiten des Endehors immer wieder herauslesen kann: « Die Aktion ist Schwester des Traumes ».  Denn verfällt ein Agieren, das keine Träume zu realisieren hat, so irrational sie auch seien, nicht zwangsläufigen in den tristesten Aktivismus? Genauso wie ein Träumen, das als Konsequenz daraus nicht bedeutet, zu agieren, in den plattesten Ästhetismus verfällt.

Muss nicht gerade diese Spannung zum Irrationalen die Triebkraft für jedes revolutionäre Bestreben sein, das nicht in der gegenwärtigen Realität stecken bleiben will? « Es gab in meiner Natur schon immer eine grosse Schwäche: Die Liebe für das Fantastische, für die aussergewöhnlichen und unglaublichen Abenteuer, für die Unterfangen mit unbegrenzten Horizonten und deren Resultat niemand voraussehen kann. » Ein tiefer Abgrund trennt eine solche Haltung von der Haltung des anarchistischen Syndikalisten Luigi Fabbri, der, wie immer gegen die Akte der individuellen Revolte polemisierend, « diesen Rausch nach neuen Dingen, diesen Geist der Gewagtheit, diese Begierde nach dem Aussergewöhnlichen, welche die überempfindlichsten Gemüter in den anarchistischen Reihen angetreiben hat » verurteilte, da « dies jene Elemente sind, die am meisten dazu beitragen, die Idee zu diskreditieren. »

Aber waren es nicht schon immer diejenigen, die – wenn auch alleine vorangehend – das versuchten, was unmöglich schien, alle Dogmen missachteten und sich von jener „grossen Schwäche“ für das Fantastische treiben liessen; waren es nicht schon immer eben diese „Ketzer“, welche neue Wege eröffneten?

« Leben und dieses Leben im hochmütigen Vergnügen des gesellschaftlichen Kampfes ertasten.
Das ist mehr als eine Laune des Geistes: es ist eine Wesensart – und zwar sofort.
Lange genug hat man die Menschen vorangetrieben, indem man ihnen die Eroberung des Himmels ankündigte. Wir wollen noch nicht einmal darauf warten, bis die ganze Erde erobert ist. […]
Und wenn einige auf dem Weg stehenbleiben, wenn es Menschen gibt, die nichts wachrütteln kann, wenn es zu Sklaven geborene Menschen, unverbesserlich heruntergekommene Völker gibt, dann um so schlimmer für sie! Verstehen heisst, voranzugehen. Und die Freude besteht darin, zu handeln. Wir haben nicht genug Zeit, um auf der Stelle zu treten: das Leben ist kurz. Individuell wollen wir den Stürmen entgegenlaufen, die uns fordern. »

 

 Dieses Buch kann im Fermento ausgeliehen werden .

 

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Der nachfolgende Auszug stammt aus der italienischsprachigen Zeitung “L’Adunata dei Refrattari”, die 1931, nach der Hinrichtung von Di Giovanni, einen langen Artikel veröffentlich­te, der von seinem Leben und seinem Kampf erzählte. Wir publizieren hier die Übersetzung eines Teils von diesem Artikel, um uns in der Präsentation weniger auf die historischen Fakten, und mehr auf die Ideen konzentrieren zu können, die Di Giovanni in seinen Artikeln entwickelte.

 

Severino Di Giovanni

Severino di Giovanni ist am 17. März 1901 in Chieti geboren. Von seiner Jugend weiss man wenig. Ein Gefährte, der uns aus Buenos Aires schrieb, sagte uns, dass er von klein an intelligent, lebhaft und unduldsam gegenüber der Familienautorität war, und dass ihn die Eltern für einige Zeit in eine Anstalt in Ancona brachten. Wo seine angeborenen Rebellionstriebe natürlich systematisch kultiviert werden mussten, um die Gestalt einer bewussten Revolte gegen die soziale Tyrannei anzunehmen.

Noch als junger Mann heiratete er Teresa Santini, von der er vier Kinder hatte. 1922 emigrierte er nach Argentinien, wo er wenig später als Schriftsetzer angestellt wurde.

„Wer sich an ihn erinnert, zur Zeit, als er noch nicht auf der Flucht war – schrieb der oben erwähnte Gefährte –, weiss, mit wieviel Leidenschaft er sich der Propaganda der anarchistischen Ideen widmete und erinnert sich gut daran, dass, wenn sein Temperament ungestüm war, die Liebenswürdigkeit seines Charakters ihn für alle zu einem willkommenen Gefährten und teuren Freund machte.“

 Am Tag nach seiner Verhaftung schrieb eine sozialistische Zeitung von Buenos Aires über ihn: „Heute spricht man von einem grossen, vierschrötigen Severino Di Giovanni, der eine aussergewöhnliche physische Kraft besitzt, elegant gekleidet ist… Damals war er eher schmächtig, mit dem müden Gesicht eines jungen Mannes, dem es nicht immer gelang, genug Geld für das Essen zusammenzukriegen. Er kleidete sich ziemlich nachlässig, niedriger denn ein gewöhnlicher Arbeiter: Jacke und Hosen, die den langen Gebrauch gleich auf den ersten Blick verrieten, ein Unterhemd, um den Oberkörper zu bedecken, ein Foulard um den Hals, eine schief sitzende Mütze und die klassischen proletarischen Zapatillas an den Füssen. Wie Al Capone sah er gewiss nicht aus. Mit regelmässigen Gesichtszügen, Blond mit kastanienbraunem Ton und mit leicht rötlicher Hautfarbe, hatte er nur in den Augen, die meeresblau waren, ein intensives, fast schon fiebriges Licht… Wir sahen ihn zum ersten Mal an den antifaschistischen Kundgebungen. Natürlich war er gegen alle politischen Tendenzen des Antifaschismus. Für ihn waren die Sozialisten, die Demokraten und sogar die Kommunisten dem Faschismus gleich. An die Kundgebunden ging er, um anarchistische Zeitungen und Revues zu verteilen und zu verkaufen, und manchmal um sein Uneinverständnis mit den Rednern zu äussern… Und da seiner Meinung nach der organisierte Antifaschismus der verschiedenen Tendenzen die Massen irreführte, begann er eines Tages mit der Herausgabe einer kleinen anarchistischen Zeitung namens „Culmine“. Diese schrieb, setzte und druckte er in den freien Momenten selbst, während er dem Schlaf die Stunden raubte.“

 Das erste Mal, dass er mit der Polizei etwas zu tun hatte, war 1925 bei der Jubiläumsfeier der Missgestalt von Savoyen. Die ganze koloniale Arroganz war im Colon Theater versammelt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt regnete es von der Höhe einer Galerie einen Schwarm von Flugblättern auf das Publikum hinab, in denen die Theorie der Schändlichkeiten des dritten Köngis von Italiens abgehalten wurde. Die faschistischen Schläger stürzten sich auf die Störenfriede mit der Absicht, handgreiflich zu werden. Aber sie traffen auf Di Giovanni und steckten einiges von ihm ein, woraufhin sie sich stattdessen damit zufriedengeben, ihn der Polizei auszuhändigen, die sich, da er aus legitimer Selbstverteidigung handelte, darauf beschränkte, seinen Namen im „Handbuch der Orden Social“ einzutragen.

„Culmine“ setzte ihre Herausgabe unterdessen fort und, wenn sie als litterarisches Werk keine grossen Ansprüche hatte, so erinnern sich die Gefährten daran, dass die Ideen in ihren Zeilen mit einer Leidenschaft und einer absoluten Ehrlichkeit, und mit einem Mut verteidigt wurden, die alles andere als gewöhnlich waren. Die Agitation für Sacco und Vanzetti; mit der Bewegung von grossen Volksmengen, die auf die Plätze strömten, drängte sie die Frage der aufständischen Aktion auf, deren Notwendigkeit Severino Di Giovanni offen verfocht. Die Attentate auf einige amerikanische Einrichtungen in Buenos Aires erzürnten die politische Polizei der Hauptstadt, die  nun begann, die Anarchisten ohne Unterlass zu verfolgen, besonders diejenigen, die sich, mit weniger Rücksicht auf sich selbst, exponierten. Und Di Giovanni war einer der ersten, die Zielscheibe der Festnahmen und Verhaftungen der Polizei waren. Im Mai 1928, infolge des Dynamitattentats gegen das italienische Konsulat in Buenos Aires, von der Polizei verdächtigt – die selbst Agostino Cremonesi verhaftete, aufgrund der blossen Tatsache, einige Zeit lang Verwalter der „Culmine“ gewesen zu sein –, von den anarcho-syndikalistischen Redakteuren der „Protesta“ offen denunziert, musste er sich auf die Flucht begeben.

Ab diesem Moment beginnt sich sein Leben mit der Legende zu vermischen. Von der sogenannten Zivilgesellschaft verbannt, akzeptierte er als Ganzes sein Schicksal und stürzte sich kopfüber in den Kampf, ohne Pardon zu geben noch darum zu beten. Seine Familie ist Zielscheibe der systematischen Verfolgungen der Polizei und er sieht sich gezwungen, sich von ihr zu lösen. Er begegnet neuen Zuneigungsbeziehungen, über welche die hinterlistige Reportage des Haferfutterjournalismus später mit sadistischen Skandalgelüsten spekulieren wird: „Sie eilten zur Mutter seiner Kinder, Teresa Santini, in der Hoffnung, ihr Anschuldigungen und Offenbarungen entreissen zu können, die sich eignen würden, die Schandkampagne, die die Presse gegen ihn führte, noch mehr zu vergiften – schreibt unser Korrespondent –, aber vergebens. Die Ehefrau hat erklärt, dass Severino, solange er nicht gezwungen war, sie aufgrund der Verfolgungen durch die Polizei zu verlassen, immer ein guter Ehemann für sie und ein guter Vater für die Kinder war, denen er auch während der Flucht, dann und in dem Masse, wie es ihm die Umstände ermöglichten, unablässig etwas von dem zukommen liess, was zum Leben erforderlich ist.“

Wagemutig bis zum Unwahrscheinlichen – fährt unser Korrespondent fort –, hat Severino nie auf jene hören wollen, die ihm rieten, vorsichtiger zu sein, sich aus Buenos Aires zu entfernen, oder immerhin an die eigene Unversehrtheit zu denken. Er wusste, mit welcher Verbissenheit die Polizei nach ihm suchte; er wusste, dass alle Beamten ein Photo von ihm in der Tasche trugen, welches von der Autorität breit verteilt wurde, aber er sorgte sich nicht darum. Er vertraute auf sich selbst, auf die eigene Kraft, auf den eigenen Mut, der Verwegenheit war, und er hörte nur auf die Stimme des eigenen Bewusstseins, das ihm, im Übermut seiner unbändigen Leidenschaft, die unaufschiebbare Notwendigkeit der Revolte und des Kampfes wiederholte, wenn die anarchistische Idee sich jemals unter den Menschen behaupten soll.“

Und sein Leben dieser letzten drei Jahren ist, wie im Übrigen sein ganzes kämpferisches Leben, eine beständige Bekräftigung. Er konnte keine mündliche oder journalistische Propaganda mehr machen. Aber er konnte noch schreiben. Und er schrieb mit der halben Welt, während er Initiativen lancierte, Buchherausgaben vorschlug, einige selber unternahm, wie die Herausgabe der „sozialen Schriften“ von Elise Reclus, die bis zur zweiten Ausgabe gelang und mindestens sechs davon umfassen sollte…

Und er kämpfte, während er das Leben jeden Tag in den schwierigsten Unterfangen herausforderte, im brennenden Nest seiner Verfolger selbst; während er seinen Namen, seine Ehrlichkeit selbst den Verleumdungen aller Gerichte exponierte, die seinen grossartigen Wagemut beleidigten. Und drei Jahre lang triumphierte er mit seiner blossen Kühnheit und mit der ehrlichen Leidenschaft seines Glaubens über alle Hinterhalte der Polizei und über alle Dolchstosse, die ihm der subversive Sanfedismus unerbittlich in den Rücken versetzte.

Der Staatsstreich vom 6. September hatte alle Oppositionen versprengt oder unterworfen. Die Militärdiktatur des General Uriburu war besonders gegen die Arbeiterbewegung unerbittlich. Zeitungen – eine Tageszeitung inbegriffen –, gewerkschaftliche, politische und kulturelle Organisationen wurden in wenigen Stunden verbannt und beseitigt. Die in Massen verhafteten Militanten wurden  deportiert, wenn sie von fremder Herkunft waren, auf die Grenzinseln oder an Bord der Kriegsschiffe verbannt, wenn sie einheimisch waren. Andere retteten sich mit dem Exil.

Von der revolutionären Presse, die bis wenige Tage zuvor noch aufblühte wie in keinem anderen Land auf der Welt, bleiben nur noch winzige, unregelmässig und ungewiss erscheinende Blättchen, um davon zu zeugen, dass der Glaube, der sich nicht ergibt, noch immer lebendig war. Von den Hunderten und Tausenden kämpfenden Arbeitern blieben nichts als kleine, auf der Flucht lebende Kerne übrig, des Morgens ungewiss, aber mehr denn je entschlossen, den Strafen des Kriegsgesetzes zu trotzen, das vom neuen Regime eingeführt und aufrechterhalten wird.

Unter diesen Kernen befanden sich, wie immer, wo es von den Worten zur Aktion überzugehen galt, Severino Di Giovanni, Paulino Scarfó und ihre Freunde; mehr denn je aktiv, mehr denn je entschlossen.

„Bis wenige Tage bevor er fiel – schreibt unser Korrespondent – wiederholte mir Severino Di Giovanni, dass es gar nichts anderes zu tun gäbe. Von dem Moment an, da einem jede Freiheit geraubt, die Ausübung der elementarsten Rechte versperrt, die Propaganda unserer Ideen in allen Formen verboten wird, während unsere Gefährten einer nach dem anderen verhaftet und abgeschoben, oder ins Gefängnis oder in die öde Tatenlosigkeit der Insel geschickt werden, bleibt uns nur etwas zu tun: uns zu bewaffnen und uns zu entschliessen, mit Gewalt die Rechte und die Freiheit einzufordern, die man uns abstreitet, mit der Aufopferung unseres Lebens, wo es nötig ist, aufzuzeigen, dass nicht alle Menschen sich ergeben, dass die Sache der Freiheit noch immer Verfechter hat, und dass die Anarchisten dem Kampf, der sich mit so viel Härte aufdrängt, bis zur letzten Konsequenz entgegenzutreten wissen. Seine Logik war eine gute Logik, an die er sich sein Leben lang treu hält“.

 Die Figur von Severino Di Giovanni enthüllt eine Natur, die zweifellos aussergewöhnlich ist. Um es zu schaffen, weiterhin an vorderster Linie zu bleiben, Herz und Geist einer erstaunlichen Bewegung von äusserst verschiedenen Initiativen, mussten für fast vier Jahre neben der unbezwinglichen Leidenschaft des Glaubens, eine ungewöhnliche Intelligenz und Schlauheit zusammenlaufen, um ihn zu unterstützen. Aber die Fantasie der Müssiggänger und die Arglist der Feinde, die daran interessiert sind, ihre eigene Unfähigkeit, sich des Unauffindbaren zu bemächtigen, zu entschuldigen, haben es geschafft, eine Legende um seinen Namen zu kreieren, die aussergewöhnlicher ist, als die Realität menschlicherweise sein könnte, indem sie Severino Di Giovanni, der so viele Jahre lang ihren hartnäckigen Fahndungen entkam, als eine fantastische Persönlichkeit mit übermenschlichen Eigenschaften von Allgegenwart und Unfassbarkeit hinstellten, am Kopf einer  nicht weniger fantastischen Bande von unbekannten Störern der Ordnung und der friedlichen Verdauungen der guten Bourgeoise. Natürlich hatte die Polizei in den Akten ihres Archives nichts gegen ihn in der Hand. 1925 wurde er verhaftet; ein zweites Mal 1927 nach dem Attentat gegen die City Bank, bezüglich dessen er jegliche Verantwortung abstritt und wieder freigelassen werden musste. Nie wurde er weder vor Gericht gestellt noch verurteilt. Ihm werden ferner das Attentat von 1928 gegen das Italienische Konsulat zugeschrieben, mehr aufgrund öffentlicher Fingerzeige, als aufgrund glaubwürdiger Zeugenaussagen; und die Ermordung von Montagna aufgrund einer angeblichen Aussage des sterbenden Montagna. Aber für die grosse Öffentlichkeit, die sich von der Polizeireportage der unterwürfigen Presse nährt, ist Severino Di Giovanni zum Helden einer endlosen Reihe von Verbrechen geworden, unter welchen zum Zeitpunkt seiner Verhaftung folgende erwähnt werden: Das Attentat auf das Konsulat von Italien (1928); die Attentate gegen die City Bank, die Boston Bank, die Kathedrale und die Ford Agentur; der Angriff gegen die Banco Provinciale di San Martin, jener der via Leandro N. Alen und gegen die Autobusgesellschaft „La Central“; die Ermordnung von Emilio Lopez Arango (1929), von Agostino Cremonesi und von Giulio Montagna; der Angriff auf den Kassierer der „Obras Sanitarias“ (3/10/1930) und jener auf die Firma Braceras; der Angriff auf die Banca di Avellaneda; der Überfallversuch auf den Zellenwagen, um Alessandro Scarfò und Gomez Oliver zu befreien (1930), die sich jedoch nicht darin befanden; die Dynamitattentate gegen drei Eisenbahnzentren des vergangenen Januars; und dann Vertrieb von Falschgeld, klandestinen Publikationen, etc.

Natürlich wird all diese Schuld in den Polizeiromanen der grossen Presse nicht nur ihm und persönlich zugeschrieben; sondern der „Bande“, deren angeblicher, absoluter und unnachgiebiger Chef er war. Was die „Bande“ betrifft, so war sie eine Gruppe von Menschen, die von einer tiefen Leidenschaft für die anarchistischen Ideen und von einem unbezwinglichen Willen angetreiben waren, den eigenen Wagemut und das eigene Leben herauszufordern, um ihr Aufkommen zu begünstigen. Und was den absoluten und unnachgiebigen Chef betrifft, so „ist das eine reine Legende – schreibt unser Korrespondent –, Severino Di Giovanni vereinte mit der wachen Intelligenz und mit dem Überzeugungsvermögen einen grossen Wagemut und die ungestüme Haltung, die den selbstsicheren Temperamenten eigen ist. Aber, dass er der „Chef“ einer Gruppe von Menschen sei, die ihm blind unterworfen und gehorsam sind, daran würde keiner von jenen, die seine Gefährten gekannt haben, überhaupt erst denken. Sie waren Menschen mit einem eigenen, hoch entwickelten Charakter und Bewusstsein, und sie mochten sich der Vernunft ergeben, nie aber sich im Schatten eines Befehls beugen. Sie waren, wie er, Anarchisten, und wenn sie zusammen agierten, so taten sie das nur, weil ihre Temperamente ähnlich waren, weil sie gemeinsam in der Wahl der Mittel und in der Vorstellung der Ziele übereinstimmten. Ihre Beziehungen waren beherrscht vom gemeinsamen intensiven anarchistischen Bestreben, das keine Hierarchien irgendeiner Art zuliess.“

„L‘Adunata dei Refrattari“,
Samstag 28. März 1931

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«Die Schönheit selbst liegt in der Vielfältigkeit der Aktivität. Meiner Ansicht nach, lebt das Individuum, das den Kampf zum Ziel und zum Ideal hat, auf blühende Weise. Heute gründet es eine Zeitschrift, Morgen macht es ein Buch, dann einen Artikel. Für die Ausführung dieser Projekte braucht es Mittel, und es enteignet jene, die unterdrückend und zu Unrecht besitzen. Dies ist das Individuum auf Kriegsfuss. Ein illegaler Bandit gegen legale Banditen.»

Severino di Giovanni

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