Res communis oder res nullius?

[Ein Text aus Italien]

Res communis oder res nullius?

Es ist bereits zu einem wiederkehrenden, unvermeidlichen, fast schon obsessiven Refrain geworden. In jedem Diskurs dringt es durch, in allen Debatten nimmt es Platz, überall wird es beigemischt. Wo immer es eine Situation von Kampf, ein Schimmer von Dissens, ein Funke von Konflikt gibt, könnt ihr sicher sein, dass irgendjemand damit anfangen wird, euch vom Gemeingut zu erzählen. Zu Beginn diente die Wiederausgrabung dieses Begriffs – der, wie wir bereits sehen konnten, von katholischer Herkunft ist – nur dazu, „natürliche“ Elemente wie das Wasser zu bezeichnen. Dann, kaum hatte jemand bemerkt, wie gut dieser Refrain funktioniert, wie gut er fähig ist, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und in der Hit-Parade der politischen Zustimmung aufzusteigen, hat sich sehr schnell alles in „Gemeingut“ verwandelt. Und etwas überall verbreiteten sich Bürgerkomitees und -wahllisten zu seiner Verteidigung.

Es ist der Bürgerprotest [ital.: Cittadinismo] in seiner Quintessenz, das heisst, die Rekuperation der subversiven Spannungen zu reformistischen Zwecken. Das, was uns umgibt, wird nicht mehr als die vergiftete, und daher zurückzuweisende Frucht eines schändlichen sozialen Systems wahrgenommen und präsentiert, das als solches zerstört werden muss. Heutzutage wird es vielmehr wahrgenommen und präsentiert, als handle es sich um einen Reichtum, der allen gehört und daher zu akzeptieren ist, der von einigen wenigen in Gefahr gebracht wird und darum beschützt werden muss. So ist man, mit kleinen Schritten, fast schon ohne es zu merken, durch den Kampf für das „Gemeingut“ von der Beschützung dessen, was uns von der Natur grosszügig geschenkt wird, zur Beschützung dessen übergegangen, was uns hassenswert vom Staat aufgezwungen wird.

Mit etwas grausiger Fantasie ist die Metropole nicht mehr jenes „tentakelhafte“ städtische Agglomerat, das erdacht und konstruiert wurde, um den Anforderungen der Kontrolle und der Ausbeutung zu entsprechen, das jegliche Freiheit vernichtet, indem es macht, dass die Individuen, die sie bewohnen, in der Entfremdung versinken. Nein, auch die Metropole ist nun zu einem Gemeingut geworden. Die Universität ist nicht mehr das Zentrum der Abrichtung der jungen Köpfe, das professionelle Vorzimmer der Lohnsklaverei, die Startrampe für eine Karriere, die ein Synonym für tiefste Erniedrigung ist. Nein, die Universität ist zu einem Gemeingut geworden. Die Arbeit ist nicht mehr die Ausbeutung des menschlichen Wesens, die Schlimmste aller Polizeibehörden, die keusche Version der Prostitution. Nein, selbst die Arbeit ist nun zu einem Gemeingut geworden. Die Demokratie ist nicht mehr jene Form von Oligarchie, die den Autoritarismus rechtfertigt, der sich mit der Heuchelei eines nicht existierenden Willens der Mehrheit einnistet, das Alter Ego (in Form von Zuckerbrot) der Diktatur (in Form des Schlagstocks). Nein, die Demokratie ist auch ihrerseits zu einem Gemeingut geworden. Hat man es etwa nicht mit einem Hauch von Lächerlichkeit geschafft, sogar den Tourismus, diese Industrie der Freizeit, als Gemeingut zu deklarieren.

Wie man sieht, wird durch die Rhetorik des Bürgerprotests das, was radikal in Frage gestellt und zurückgewiesen werden müsste, als das seine verinnerlicht und akzeptiert. Dies getan, bleib nur noch, sich gegen eine schlechte Verwaltung zu stellen, der man „legitime“ Vorwürfe macht und die man anklagt, während man somit die Überzeugung verstärkt, dass der institutionelle Horizont der einzig vorstellbare ist.
Und denkt nicht, dass die Wachhunde des Bestehenden die einzigen sind, die auf die Lobpreisungen des Gemeinguts anstimmen. Aber nein! Auch einige Subversive waren bezaubert von der theatralen Gegenüberstellung von Gemeingut und öffentlichem Gut. Das Gemeingut ist das, was allen gehört, während das öffentliche Gut das ist, was dem Staat gehört. Und dies erklärt die militanten Einladungen, sich in Verteidigung des ersteren, das es auszuweiten gilt, zu mobilisieren, Partei zu ergreifen, gegen die Arroganz des zweiteren, das es zu reduzieren gilt.

Wir stehen heute vor einem wahrhaften ideologischen Betrug. Die Unterscheidung zwischen Gemeingut und öffentlichem Gut ist eine juridische Unterscheidung, welche die Negation strikt aus dem Diskurs verdrängt: nämlich das Niemandsgut, das res nullius. In der Sprache des antiken Rechts verstand man unter res nullius alles, was niemandes Eigentum war und somit allen zum freien Gebrauch zur Verfügung stand. Dies war der Unterschied zum res communis, dem Gemeingut. Das res nullius lag ausserhalb des Rechts, und gewissermassen stand seine Reglementierung noch aus; die betreffliche Sache gehörte allen, denn es wurde (noch) nicht festgelegt, wem die Eigentümerschaft zukommt. Das res communis lag innerhalb des Rechtes, die Sache gehörte allen, denn so wurde es vom Gesetz festgelegt.
Das die im Sterben liegende Linke dem katholischen Denken hinterherläuft, indem sie eine legale und institutionelle Vergemeinschaftung der Reichtümer fordert, das kann man gut verstehen. Aber von jenen, die danach streben, diese Welt umzustürzen, von jenen, die jegliche Gesetze beseitigen wollen, wäre von diesen nicht, wenn man überhaupt eine solche Sprache verwenden will, die Verteidigung des res nullius und nicht des res communis zu erwarten?

Die Produkte dieser Welt, als Widerspiegelungen ihrer tödlichen Ordnung, gehören uns nicht und wollen wir auch nicht fordern. Sie sind widerwärtig, „nach dem Abbild“ ihrer Meister. Das, was wir wollen, das, wonach es uns verlangt, ist völlig verschieden von dieser von Arbeit und Metropolen, Demokratie und Universität heimgesuchten Welt. Was die Schätze der Natur betrifft, oder auch des Genies des menschlichen Wesens, wenn sie zur freien Verfügung von allen im Allgemeinen stehen, dann weil sie niemandem im Besonderen gehören. Sie sind niemandes Sachen, ausserhalb des Gesetzes, ohne Eigentümerschaft. Res nullius, eben.

Lassen wir doch die Priester und Militanten der Linken sich bemühen, eine juridische Anerkennung zu erweitern und zu fordern. Wir, gegen jeglichen politischen Realismus, streben danach, sie gänzlich zu beseitigen.

[Übersetzt aus dem Italienischen. Publiziert auf Finimondo, 15.9.2012]

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