Von einigen Notwendigkeiten

Von einigen Notwendigkeiten

[Dies ist einer der Texte, die als Diskussionsbeitrag für das internationale Treffen unter Anarchisten und Anti-Autoritären vom 15. und 16. Oktober 2011 in Brüssel verfasst wurden. Er befindet sich mit 3 weiteren Texten in der 2. Ausgabe der Zeitschrift „Grenzenlos“. Das Original ist in deutscher Sprache.]

Wir befinden uns zweifelsohne an einem Punkt, an dem es viel abzuwerfen, zu übersteigen und neu zu erfassen gilt, um uns aus dem Sumpf zu ziehen, in den uns die Fortschritte des Kapitals und die Irrwege der Befriedung getrieben haben. Um zurückzuerlangen, was sich eigentlich von selbst versteht: dass wir als Anarchisten eine revolutionäre, und somit eine aufständische Perspektive haben, das heisst, Projekte, die lokal und international konkret in diese Richtung arbeiten.
Während der letzten Jahre äusserte sich da und dort das Bedürfnis nach « dem Neuen, das auf sich warten lässt », nach « Hypothesen, die es noch zu formulieren gilt », nach Projektualitäten, die endlich die etablierten Grenzen übersteigen. Ja vielleicht nach etwas, das sich jenseits der spezifischen Kämpfe entwickelt, die wir in unseren Kontexten führen (und zweifellos weiterhin führen sollten), etwas, um die Debatte und Agitation allgemeiner um jene Ideen wieder aufzufrischen, die uns schliesslich grundlegend sind: die Anarchie und die soziale Revolution.
Was verstehen wir heute darunter? Wie sprechen wir davon? Wie kann die Anarchie wieder eine lebendig diskutierte, revolutionäre Möglichkeit gegenüber dem gegenwärtigen Elend werden? Wenn das klassische Model des Aufstands und der Revolution längst obsolet wurde, wie betrachten wir heute die Perspektive einer fundamentalen sozialen Umwälzung? Wie könnte heute eine revolutionäre Praxis aussehen, unser qualitativer Beitrag als anarchistische Minderheit innerhalb der sozialen Konfliktualität? Im Alltag, sowie in den Unruhen, die bestimmt weiterhin, mit oder ohne unser zutun, um uns herum ausbrechen werden?
Die Diskussionen und Hypothesen, die Agitation und die Projektualitäten, die sich um diese Fragen drehen, sind meiner Meinung nach etwas, das wir über den eigenen spezifischen Kontext hinaus, auf internationaler Ebene entwickeln sollten. Die Büchermesse in Brüssel 2011 könnte ein Anstoss dazu sein, ich denke aber, dass dazu zunächst einige Dinge notwendig sind…

Von der Selbstbeschränkung und der Aufständigkeit

Während der vergangenen Jahrzehnte hat sich in den anti-autoritären Umfeldern eine Art Selbstbeschränkung breitgemacht, eine gewisse Haltung, die den Eindruck erweckt, die eigenen Ideen und ihr revolutionäres Potential nicht wirklich ernst zu nehmen. Wer aus dem Vertrauen in seine Ideen, auch die Verantwortung für sie übernimmt, indem er konkrete Handlungsvorschläge ausarbeitet, wird oft misstrauisch angeschaut. Wer eine eigene Projektualität entwickelt und gar davon spricht, dass wir fähig sein könnten, Aufstände zu provozieren, erntet skeptische Blicke. Solche Ereignisse seien etwas, dass uns fern läge, etwas, dass von den « objektiven Bedingungen » abhinge. Mit diesen und andern Argumenten verbreiten die Skeptikter ein Bild vom Aufstand als abstraktes zukünftiges Ereignis und das Vergessen davon, dass das Vorbereiten und Ausprobieren von kleineren und grösseren aufständischen Versuchen unter Anarchisten seit jeher eine Methode zur Propagierung ihrer revolutionären Absichten war. Gewiss, unter jenen Anarchisten, die ihr Verlangen nach Freiheit nicht mit den “milieus libres” zufriedenstellen konnten und auch nicht mit dem Warten auf das zahlenmässige Anwachsen irgendeiner Organisation. Unter jenen, die stets glaubten, dass die Revolte ansteckend ist, ebenso wie die Solidarität, und die ihre Ideen im Kampf als Teil der Unterdrückten verbreiten wollten, anstatt darauf zu warten, bis irgendwelche abstrakten « Unterdrückten » zu kämpfen beginnen.
Aufständisches Agieren ist also gewiss nicht die Erfindung einiger italienischer Gefährten, die es vielleicht etwas allzu sehr schematisierten  – um nicht zu sagen ideologisierten (denn, wie man dazu auch stehen mag, nicht die Formulierungen einer Theorie, sondern die Individuen entscheiden, sie auf ideologische, bzw. schematische Weise zu verwenden oder nicht). Der « anarchistische Insurrektionalismus », wie er in Italien in den 80ern und 90ern theoretisiert und praktiziert wurde, entstand aus dem Verlangen, auch in Zeiten sozialer Befriedung eine aufständische Praxis zu bewahren, in Zeiten, in denen in den meisten anderen Ländern eine offensive anarchistische Diskussion und Bewegung quasi abwesend war. Darin lag seine Qualität, die besonders in den letzten 10-15 Jahren viele Kameraden in diesen anderen Ländern inspirierte. Darin liegen aber heute auch seine Grenzen: in der Tatsache, dass jene Methode, die von gewissen Kameraden relativ exklusiv theoretisiert wurde, in einem spezifischen Kontext entstand. Ein Kontext, der seine eigenen Anforderungen stellte und seine eigenen Möglichkeiten bot, die ich persönlich zu wenig kenne, um von möglichen « Fehlern » zu sprechen. Jedoch ein Kontext, der heute gewiss nicht mehr derselbe ist.
Vielleicht wäre es angebrachter, die reichhaltigen Erfahrungen dieses « Insurrektionismus » kritisch zu evaluieren, anstatt das Wort einfach unter den Tisch zu kehren…

Von der Sprache

Für eine lebendigere internationale Diskussion unter Anarchisten scheint es mir nötig, zunächst eine Sprache zu finden, die diesem Bedürfnis entspricht. Eine Sprache, die weder beabsichtigt, die Differenzen zu Gunsten einer falschen Einheit zu verwässern, noch sie auf eine solche Art und Weise zuzuspitzen, dass jegliche gemeinsame Debatte unmöglich wird. Eine Sprache, die vermeidet, sich in metaphorischen Schweifungen oder in rethorischem Hick-Hack zu verlieren, sondern versucht, die Dinge klar und deutlich auf den Punkt zu bringen. Denn nur so können brauchbare Hypothesen entstehen und nur so können wir Projekte ermöglichen, die nicht trotz, sondern durch die Differenzen leben, die schliesslich zwischen jedem einzelnen Individuum bestehen. Und zwar indem diese Differenzen als Konflikte innerhalb dieser Projekte Raum haben. Als eine Art Motor für die Kritik und die Selbstkritik. Wichtig ist schliesslich, dass die Konflikte klar und deutlich auf den Tisch gebracht werden. Denn im Grunde verweisen doch allzu viele auf irgendwelche persönlichen Geschichten, die sich im rhethorischen Gefecht entladen…

Ein weiterer Punkt ist die Sprache in unserer Agitation. In Zeiten, in denen die Bedeutung der Worte mehr denn je von der Macht verzerrt wurde, sollten wir uns vielleicht lieber gut überlegen, wieviel Interpretationsspielraum wir in unseren Flugblättern und Plakaten durch schwerverständliche Konzepte oder Passpartout-Begriffe übriglassen wollen. Allzu oft vergessen wir, dass für jene, die sich bisher wenig mit subversiven Ideen auseinandersetzten, die Referenzen der Worte vor allem die Referenzen der Macht sind. Wenn wir die Verzerrungen der Macht vertreiben und wieder eine eigene Sprache finden wollen, dann denke ich, sollte diese eine einfache und deutliche Sprache sein, eine, die die Dinge gerade heraus sagt, eine, die sich unter den Enteigneten teilen lässt.

Ich möchte auch hier nochmal kurz nach Italien abschweifen, wo in den letzten Jahrzehnten eine anarchistische Agitation präsent war, die viele Kameraden in anderen Ländern inspirierte, unter anderem auch im « Schreibstil ». Nur um kurz die Frage aufzuwerfen, inwiefern vielleicht die Repression, die dort in den letzten Jahren stets sehr spürbar war, auch auf die Wahl der Worte einwirkte? Auf die Tendenz beispielsweise, auf die Bildsprache zurückzugreifen, anstatt die Dinge deutlich auszusprechen?
Und ich bin gewiss kein Gegner von Poesie, im Gegenteil, doch liegt die Poesie der Armen nicht oft gerade in ihrer Einfachheit? Wo bleibt die einfache Schönheit jenes « Unkontrollierten der Eisenkolonne », die zügellose Direktheit eines « Libertad », die unvoreingenommene Verständlichkeit eines « Malatesta »?

Nichts anzubieten?

Wir haben kein Programm, das passive Anhängerschaft ermöglicht, wir haben keine Patent-Lösung, der man sich verschreiben kann, es gibt keine Form, keine Praxis, keine Lebensweise, die wir preisen könnten, als ob sie an sich die Freiheit enthielte. Wir wollen nicht wie die Syndikalisten den Streik, wie die Kollektivisten das Assemblea, oder wie die Verherrlicher des bewaffneten Kampfes die Waffe als ultimativen Weg zur Erlösung verkaufen, weil wir denken, dass erst das Wieso und das Wie der gewählten Mittel ihre Qualität ausmacht. Ebenso kämpfen wir nicht, um irgendwann irgendeinen erhofften, vordefinierten Zustand zu erlangen, denn so opfern wir nur unser Leben im Jetzt auf und werden unvermeidlich enttäuscht. Freiheit als Ideal ist eine Spannung, etwas anzustrebendes, aber im Grunde nichts zu erreichendes, nichts das man errichten und vollenden kann, sie ist ein soziales Verhältnis zwischen Individuen in ständiger Konstruktion, kein Modell, kein Schema. Das Verlangen nach ihr sucht sich je nach Situation seine Ausdrucksformen. Darum könnte man wahrlich sagen, dass wir nichts anzubieten haben. Und sei es nur schon dadurch, dass uns das Verhältnis von Angebot und Anhänger anwidert. Doch aus der weiter oben schon erwähnten Selbstbeschränkung hat sich eine Art Karikatur dieser durchaus richtigen Feststellung entwickelt: das Misstrauen gegenüber jeglicher Bekräftigung einer Idee, eines Vorschlags, eines Projektes, indem darin sogleich die politische und missionarische Logik gesehen wird. Diesem Misstrauen scheint das Verlangen fremd, die eigenen Träume in die Realität zu tragen, die eigenen Ideen zu bekräftigen, um sie mit anderen zu teilen, mit ihnen zu experimentieren, sie weiterzuentwickeln, neue zu schmieden und andere wieder zu verwerfen, während man seinen Weg geht und nach und nach seine eigene Projektualität, seine revolutionäre Perspektive entwickelt.
Nein, die Tatsache, dass wir nichts anzubieten haben, heisst gewiss nicht, dass wir keine Vorschläge zu machen haben. Denn als Anarchisten haben wir gute Vorschläge, die wohl vielversprechendsten, die ich kenne, um dem Leben die Freude zurückzugeben und die Mauern einzureissen, die unsere Vorstellung und Empfindung von Freiheit einschränken. Und dennoch Vorschläge ohne Garantie, ohne Sicherheit. Vorschläge, über die jeder, der sich von ihnen inspirieren lässt, die eigene Verantwortung trägt. Denn nur so lassen sich Komplizen finden, Individuen, die aus eigener freier Entscheidung die selbe Richtung einschlagen wie wir.
Darum lasst uns diese Selbstbeschränkung überwinden und mit dem Selbstbewusstsein von Revolutionären bekräftigen, dass wir Ideen haben, um das Elend zu beseitigen, dass das Leben für so viele Menschen geworden ist, Ideen, reich an unzähligen Erfahrungen, in konstanter Weiterentwicklung, Ideen, die wir allen vorschlagen können.
Wenn auch klar ist, dass der Diskurs in unseren spezifischen Kämpfen ein revolutionärer Diskurs ist, denke ich dennoch, dass dafür Projekte nötig sind, die unsere Ideen relativ unabhängig von diesen Kämpfen sozial in Umlauf bringen. Projekte, die der Frage Raum geben, Wieso und folglich Wie wir kämpfen und leben wollen, die die Ideen von Herrschaftslosigkeit, vom Individuum, von der Affinität, von der Selbstorganisation, von Autonomie, von Solidarität, von Freiheit nicht nur ansprechen und bekräftigen, sondern immer wieder und auf verschiedenste Arten ausführen und vertiefen.

Von der revolutionären Projektualität und vom Internationalismus

Wenn ein Revolutionär jemand ist, der eine eigene Projektualität, eine vielleicht vage, aber persönliche Vorstellung der nächsten Schritte hat, die angebracht sein könnten, um die Verbreitung subversiver Ideen und aufständischer Situationen zu begünstigen, nicht jemand mit einem Programm, sondern jemand, der, das Unmögliche in Aussicht, Schritt für Schritt das Mögliche ertastet; wenn ein Revolutionär jemand ist, der sich viel bewegt, der die internationale Situation, die verschiedenen Konflikte und Diskussionen kennt, und dennoch, oder gerade dadurch seinen eigenen Kontext am besten kennt, jemand, der eine Perspektive entwickelt und versucht, subversive und offensive Projekte in dieser Perspektive zu verwirklichen; wenn ein Revolutionär jemand ist, der von der Liebe für emanzipatorische Ideen, von der Würde, die immer wieder in den Revolten aufflammt, und von einer Ahnung der zerstörenden, umwälzenden und kreativen Kraft, die nur die soziale Revolution entfesseln kann angetreiben wird – so scheinen mir die Revolutionäre heute selten geworden zu sein.
In vielen Ländern kann man heute sagen, dass es nicht an Unruhen mangelt, sondern vielmehr an revolutionären Praktiken. Diese liegen meiner Meinung nach weniger darin, den “sozialen Bewegungen” zu folgen und den Unruhen schlicht aufzuspringen, die sich sowieso schon entwickeln, sondern darin, bei solchen Unruhen vorbereitet zu sein und in ihnen als Revolutionäre agieren zu können, das heisst, in praktischer sowie in inhaltlicher Hinsicht dazu beizutragen, dass sie weiter gehen.
Dieser Mangel ist die unweigerliche Konsequenz der Selbstbeschränkung und folglich der Perspektivenlosigkeit, die sich in den letzten Jahrzehnten verbreitete. Und, um es zu wiederholen, eine Perspektive ist kein Programm, kein Plan, sondern eine gewisse Vorstellung der Möglichkeiten. Darum die Notwendigkeit, aufständische Hypothesen zu entwicklen, die unserer jetztigen Situation entsprechen und  diese Vorstellung nähren könnten.
Die Ausgangslage dazu scheint in Ländern, in denen die anarchistische Bewegung in den vergangenen Jahrzehnten wenig bis keine Kontinuität hatte eine andere, manchmal sogar eine fruchtbarere, als in Ländern wie Italien und Spanien, wo die Diskussion zwar relativ ununterbrochen war, heute aber oft in diversen alten Konflikten feststeckt oder zur Spezialisierung nach Thematiken tendiert, die scheinbar den Anarchismus überwiegen. Darum die Wichtigkeit, diese verschiedenen Kontexte, die verschiedenen Erfahrungen, Überlegungen und Perspektiven zu verschmischen. Wenn der Internationalismus wieder aufleben soll, dann muss auch der Austausch, das Reisen und die gegenseitige Bekanntschaft unter den Kameraden wieder aufleben, die versuchen, eine revolutionäre Projektualität zu entwickeln. Ein solcher Internationalismus hätte keinen formellen Ausdruck nötig, und nicht Mal so sehr eine Häufung der punktuellen Begegnungsmomente durch internationale Treffen (deren Bedarf sich fortwährend zeigen wird), sondern vor allem mehr Projekte und Begegnungen jenseits der Grenzen, sowie ein konstantes gegenseitiges Bezugnehmen in der Praxis und in unseren Schriften. Er wäre die wirkliche Beseitigung der Grenzen aus unseren Köpfen…

Vorschlag

Mein Vorschlag wäre es, die Erschaffung verschiedener anarchistischen Zeitungen ins Auge zu fassen, die jeweils nach Land oder nach Sprachraum verbreitet werden. Zeitungen, die unabhängig voneinander verfasst werden, aber regen Austausch, Bezug und Debatte unter sich pflegen. Deren Artikel würden sich sowohl an die internationale anarchistische Bewegung, wie an die Leute auf der Strasse wenden. Somit wäre die Ambition nicht eine theoretische Komplexität, sondern vielmehr eine Einfachheit und Deutlichkeit im Ausdruck. Das Gewicht läge darauf, eine Sprache für unsere Ideen zu finden, zu versuchen, diese Ideen aus allen möglichen Winkeln zu beschreiben und zu vertiefen. Sei es durch Analysen oder Hypothesen, durch Vernunft oder Leidenschaft, durch alltägliche Ereignisse oder durch grosse Träume, durch Revolten von heute oder solche von gestern, durch unsere Worte oder solche, die längst verhallten, schliesslich durch all das, worin wir in dieser verdorbenen Welt ein Funke von jenem Leben sehen, das wir uns wünschen. Die Ambition wäre also vor allem, die Denkbarkeit von jenem völlig anderen zu stimulieren, das die Freiheit sein könnte – um jenseits aller Grenzen wieder eine revolutionäre Perspektive zu verbreiten.

Erinnern wir uns aber auch daran, dass zu Zeiten, als der Internationalismus lebendig war, in verschiedensten Ländern diverse anarchistische Zeitschriften kursierten, die die Debatte nährten. Wenn wir die heutige Leere betrachten, was Zeitschriften und Geschriebenes im Allgemeinen betrifft, wenn wir die häufige Vagheit in unseren Diskussionen betrachten, dann drängt sich auf, dass es wohl zunächst die Hemmung zu durchbrechen gilt, die eigenen Ideen in klare Worte zu fassen. Beim obigen Absatz schlug ich vor, solche Zeitschriften ins Auge zu fassen, damit meine ich, ihre Entwicklung in die Gänge zu leiten, ihr aber die nötige Zeit zu geben, um fruchtbar zu sein. Denn wenn sie die blosse Frucht der wenigen « Schreiberlinge der Bewegung » wären, scheint mir ihr Potential verfehlt…

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