Weder Rassismus noch Anti-Rassimus

Folgend die beiden Texte „Thesen über den Rassismus“ und „Weder Rassismus noch Anti-Rassimus“ und eine Einleitung, entnommen aus der 1. Ausgabe der anarchistischen Zeitschrift „Grenzenlos“, Zürch, Juni 2011.

Mit der Anheizung des rassistischen Klimas in der Schweiz, um eine allgemeine Verschärfung der Kontrolle durchzudrücken und die Ausgebeuteten unter sich selbst gegeneinander auszuspielen, sahen wir in den letzten Monaten und Jahren auch, wie sich die „anti-rassistische Opposition“, mit ihrer in den demokratischen Kriterien wurzelnden Logik, breitmachte und teilweise auch unter Gefährten Boden fand. Diese Denkensweise, die die bestehende Logik bloss umkehrt, anstatt aus ihr herauszutreten, die Beschränktheit des „Anti-“, kennen wir nur zu gut. Wieso sollten wir beispielsweise bekräftigen, Anti-Faschisten zu sein, wenn wir dann aber auch bekräftigen müssten, Anti-Monarchen und Anti-Demokraten zu sein, während wir doch schlicht und einfach Anarchisten sind, wieso sollten wir bekräftigen, dass wir Anti-Christen sind, wenn wir dann aber auch bekräftigen müssten, Anti-Islamisten und Anti-Zionisten zu sein, während wir schlicht und einfach Atheisten sind?
Jenseits dieser Wortspielereien ist es jedoch wichtig, die Funktion zu begreifen, die der Rassismus und der Anti-Rassismus im fortgeschrittenen Kapitalismus einnehmen, in dem sich zwei einander entgegenlaufende Tendenzen zu reiben beginnen: einerseits der haltlose Imperialismus der Ware, der dabei ist, alle Menschen gleichermassen zu entwurzeln und zu entleeren, sie also einander gleich macht, und andererseits die trotzdem bestehende Notwendigkeit, die Menschen getrennt zu halten, sie in Kategorien zu unterteilen, die gleichzeitig Märkte für die Ware und Kanalisierungen der Konflikte sind. Diese beiden Tendenzen werden einerseits durch den Rassismus (die Notwendigkeit zur Unterteilung) und andererseits durch den Anti-Rassismus (vor der Ware sind alle gleich) repräsentiert. Beim heutigen Rassismus handelt es sich also, angesichts eines eigentlichen Auflösungsprozesses der kulturellen Unterschiede in einem globalen Gesellschaftsprojekt, um eine aus wirtschaftlichen und regierungstechnischen Gründen künstlich genährte Unterteilung. Gleichzeitig ist die Gleichheit, auf die sich die Anti-Rassisten beziehen, während sie sich um Integrationshilfe, Rechte und Toleranz bemühen, ohne Herrschaft, Ausbeutung und Entfremdung als solche zu kritisieren, eine demokratische und ökonomische Art von Gleichheit: die gleiche Eingliederung und Entleerung der Individuen. Jene Gleichheit aber, die wir uns wünschen, ist die gleiche Freiheit für alle, ihre individuelle Differenz zu entfalten, und ist nur möglich, wenn es nichts mehr gibt, worin man sich zu integrieren hat, wenn es niemanden mehr gibt, der Rechte verteilt, wenn wir uns nicht mehr tolerieren, sondern jenseits aller Kategoriern als Individuen anerkennen, als Freunde sowie als Feinde. Und diese Unterteilung hat nichts mit irgendeiner äusserlichen Eigenschaft zu tun, sondern einzig damit, ob unsere Entscheidungen zur Freiheit oder zur Unterdrückung tendieren.

Thesen über den Rassismus

I

Der Rassismus ist gegenwärtig die einzige Diskrepanz, die vom politischen Spektakel zugelassen wird: er ist also, auf eine in der Praxis bestätigte Weise, zu einem rein spektakulären Thema geworden. Seine monopolhafte Stellung innerhalb der falschen Debatten ermöglichte die Beseitigung jeglicher wirklichen sozialen Frage, indem er sie alle ersetzte. Er repräsentiert fortan die Debatte in einer Epoche ohne Debatte. Er simuliert die Kritik in einer Epoche ohne Kritik. Er ist zu einem besonders geschätzten Ersatz des Denkens geworden, angesichts dessen wirklichen Verschwindens.

II

Der Rassismus ist schon immer eine vergiftete Sache gewesen, unweigerlich dazu erkoren, Träger und Übermittler des falschen ideologischen Bewusstseins zu sein. Denn der Rassismus bestimmt im Allgemein die Position jener, die sich ihm entgegenstellen, und somit sehen sich auch seine Feinde dazu verleitet, sein Spiel zu spielen. Der Dummkopf, der auf einen Schwarzen los geht, weil er schwarz ist, ermutigt durch das Exempel einen anderen Dummkopf, der den Schwarzen in Schutz nehmen wird, weil er schwarz ist. Auf diese Weise verschwinden alle wirklichen Beurteilungsfaktoren eines Individuums zu Gunsten einer leeren formalistischen Opposition, und enthält und beherrscht – im tatsächlichen und im übertragenen Sinne – die rassistische Position die antirassistische. Den Schwarzen bleibt nur noch, das Delirium zu vollenden, indem sie die Anderen als « dreckige Weisse » behandeln und wohl noch rassistischer werden, als die Weissen. Der Antirassismus war selten, äusserst zaghaft und nur in Theorie allgemeingültig; in der Praxis hingegen gestaltet er sich weitläufig nach dem amerikanischen Modell, welches sich in einer schmutzigen Ausgeglichenheit zwischen Rassismen äussert, die scheinbar fähig sind, sich untereinander als Rassismen zu tolerieren. Die Wirklichkeit ist nicht mehr relevant, wie beispielsweise die unsagbare Grobheit im Umgang, die gewisse Linke unter den Migranten mit dem Vorwand zu rechtfertigen neigen, dass diese « kulturell bedingt » sei; und die endlos und unausbleiblich die rassistischen Proteste nährt. In einem derart verzogenen Kontext ist der Antirassismus nicht mehr bloss das gute Gewissen jener, die ein spezifisches Elend im allgemeinen Elend aufheben wollen: die Antirassisten meinen, dass die Schwarzen gleich gut behandelt werden sollen wie die Weissen, übergehen jedoch in Stille die Tatsache, dass als Voraussetzung erforderlich ist, dass die Weissen selbst zunächst gleich schlecht wie die Schwarzen behandelt werden – wodurch die Schwarzen schliesslich gleich gut behandelt werden, wie Schwarze.

III

Die rassistischen Kategorien gelten schon seit langem nicht mehr nur im Bezug auf die Hautfarbe oder Ethnie und haben sich auf andere empirische Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, Gewicht, erotische Neigungen oder auf sogenannte „kulturelle“ Eigenschaften, wie Religion, Sprache oder Dialekt, regionale Herkunft, Ernährung oder traditionelle Kopfbedeckung ausgeweitet. So gedenkt die Verwaltungslogik über die lebendige und individuelle Intelligenz zu triumphieren. Da sind wir nun, beim Ergebnis dieser erbärmlichen Logik angelangt: Es ist nicht nur, dass uns Beamte und Ideologen registrieren, als ob wir Repräsentanten der verschiedenen Kategorien wären, sondern dass dichte Massen tapferer Soldaten auf die Türen der Registrierbüros des Spektakels zudrängen, um ihre Einschreibung zu fordern. Eine Einschreibung, die sie gefügig als etwas betrachten, das ihre „Natur“, ihre „Wurzeln“ aufzeigt, kurz gesagt, als das, was sie auszeichnet und unterscheidet, wozu sie sich bekennen können, als das, was sie sind. Unvermeidlich tauchen andere Soldaten auf, die sie bestreiten und beschliessen, sie zu hassen. Die Balkanisierung der Menschheit ist eine bewährte Methode, um sie zu trennen: sie hat noch grosse Tage vor sich. Die beiden Lager, die sie einteilt, die Rassisten und die Antirassisten, reihen sich für ein Gefecht auf, das kein Ende hat, da es keine Perspektive hat.

IV

Dieses Verwirklichungsstadium der Verwaltungslogik ist im Grunde vor allem der positive Rassismus: die Zeit gibt sich nicht mit dem negativen Rassismus zufrieden (der Hass auf den Anderen), sondern organisiert eine noch viel bedeutsamere Verbreitung seines identitären Korrelats, die Begeisterung für das, als was man sich selbst betrachtet. In gewisser Hinsicht ist der positive Rassismus die schlichte Umkehrung des negativen Rassismus, er ist aber auch die Form, unter der letzterer brütet, bevor er offen ausbricht. Er ist seine illusorisch friedliche Version, seine bloss vorübergehende Höflichkeit. Der positive Rassismus wurde zuerst von den assoziierten Antirassisten im Stil von SOS Rassismus im Bezug auf Opfer des negativen Rassismus ausgeübt, die sie dummerweise (und christlicherweise) zu idolisieren begannen; dann hat dieser positive Rassismus eine egozentrische Form angenommen, und zwar in dem Masse, wie eben diese Opfer, ständig misshandelt und gleichzeitig umschmeichelt, die Schmeicheleien schliesslich ernst nahmen (dadurch, dass sie misshandelt wurden, seien sie die Zukunft der Menschheit!), und sich nun endgültig für die Grössten halten. Doch die beiden Formen des Rassismus sind bloss, unter unterschiedlichen Umständen, Ausdruck des Mangels an Individualität, zu dem die Lohnsklaven und Arbeitslosen verdammt sind, Individualität, die sie in irgendeinem, zum überziehen bereiten „kulturellen“ Trugbild fixfertig vorzufinden suchen, während es doch nötig wäre, sie in einem ganzen Leben voller Freiheit zu kreieren.

V

Kein Individuum, das den kleinsten Funken Liebe für die Freiheit in sich trägt, kann sich auf vorbestimmte Weise definieren. Eine solche Definition, das heisst, die Akzeptierung und Verteidigung der eigenen „Ursprünge“, ist, als Billigung und Verdopplung der eigenen objektiven Entfremdung, die Manifestation selbst der subjektiven Entfremdung des Individuums. Die „Wurzeln“ werden von Feiglingen, Ermüdeten und Unterworfenen geliebt, von jenen, die darauf warten, zu sterben: sie sollen als Erklährung und als Entschuldigung für ihren Zustand von lebenden Toten herhalten. Es handelt sich dabei um die anti-menschlichste menschliche Position, um die anti-philosophischste philosophische Position, um eine Vorstellung von Freiheit, die am meisten einer Gefängniszelle gleicht. „Das ist meine Kultur!“, sagt der Unbewusste, der nicht nachdenken will, und der es auch uns verbieten will. Was diese „Kultur“ betrifft: in der universellen Ideologie unserer Zeit ist sie nichts mehr weiter, als eine den Teilbereichen jeglicher Art beigegebene, radikal unkritische Kaution. Um ihre rein apologetische und warenförmige Mission zu erfüllen, umfasst sie alle altertümlichen Praktiken und alle neusten Moden, das Ganze geschickt vermischend, bis es nur noch ein undeutlicher Brei ist. Seit Platon und Aristoteles weiss man, dass der Geld- und Warenhandel dem Inhalt gegenüber gleichgültig sind und ihn tatsächlich gleichgültig machen; die alte Kultur, auch wenn sie « bourgeoise » war, interessiert die Ware nicht im geringsten, das, was sie interessiert, ist, unter dieser neuen, jeglichen Inhalts entleerten Bezeichnung, eine unendliche und unbegrenzt vergrösserbare Masse an sinnentleerter Gadgets zu verkaufen, die jedoch fähig sind, eine Rolle als Identitätsstütze anzunehmen. Kurz gesagt, das einzige, was noch verkauft wird, ist Identität. Die « Kultur », die in der Epoche der Aufklärung Öffnung durch Erkenntnis bedeutete, teilt heute systematisch gleiche Interessen mit dieser rückbezüglichen Bewegung, mit dieser Illusion eines « Ursprungs » oder einer « Natur » in Reichweite aller Geldbeutel. Sie ist « Blut und Boden », aber gerade nur so weit, wie es geht, um nicht den Dritten Weltkrieg auszulösen.

VI

Um eine Opposition gegen die rüpelhafteren reaktionären Führer vorzutäuschen, wirft die rechtschaffene politische Kaste Europas ihnen bloss ihren Rassismus vor (ihren Antisemitismus, beim Beispiel Haider). So werden Neonazis von Demokraten zurechtgerückt, welche sich darauf beschränken, sie zu bitten, ihre Sprache zu korrigieren, um am Bankett zugelassen zu werden: sie brauchen bloss ihre rassistische Manie zurückzulassen, damit auch sie Demokraten werden können. Der Nazismus würde sich auf den Antisemitismus reduzieren, und auf nichts als diesen. Wenn Hitler nicht sechs Millionen Hebräer massakriert hätte, wäre er wahrscheinlich als Demokrat beurteilt worden. Die verschiedenen nationalistischen Führer riskieren also nichts: erst machen sie mit einer öffentlich und absichtlich inakzeptierbaren Manie auf sich aufmerksam und heben sich somit aus dem Knäuel von Machtanwärtern hervor; dann verlassen sie diese Manie mehr oder weniger und steigen siegreich wieder ins politische Spiel ein, um den Rest ihres Programmes zu realisieren, das auf diese Weise stillschweigend zugelassen wird. Dabei wird ihnen niemand vorwerfen, für einen Polizeistaat, einen ultra-liberalen Kapitalismus, eine identitäre Ausbeutung der stupiden nationalen Folklore, einen starken moralischen Konservativismus, oder eine totale Unterwerfung durch die Arbeit, das Geld und das Kapital zu sein: denn diese Neigungen teilen alle, von der Rechten bis zur Linken.

VII

Noch bevor er eine Meinung und eine Form von falschem Bewusstsein ist, existiert der Rassismus in den Taten, denen die Meinung, wie üblich, und auch wenn sie sie zu kritisieren glaubt, nur nachfolgt. Die individuelle und kollektive Realität wird von der gesamten sozialen Praxis durch ein Netz von tatsächlichen Unterteilungen organisiert, die illusorisch als rechtliche Unterteilungen präsentiert und erfahren werden. In diesem untauglichen Kontext sieht sich jeder einzelne Mensch verleitet, aus der Notwendigkeit eine Tugend zu machen und sich mit seiner parzellären Realität zu indentifizieren. An Stelle eines Zusammenlebens, in dem das Individuum selbst die bevorzugte zentrale Realisierung und somit das mehr oder weniger bewundernswerte Ergebnis der kombinierten sozialen Fähigkeiten ist, kennen wir nur eine verfallene Welt, in der das Individuum als Nebensache, als zusätzlicher Kostenaufwand, als vernachlässigbare Begleiterscheinung im Hinblick auf die Valorisierung des Kapitals gilt. Denn dieses muss die menschliche Realität in rational ausbeutbare Begrenzungen fassen: womit die wohlbekannte zerstreuende Macht der Ware an ihre intrisischen Grenzen stösst, zumindest in Sachen Unterteilung der Kundschaft und angemessener Spezialisierung der Produkte. Denn Kategorien sind ebenso sehr auch Märkte. Wenn sich die Ware gezwungen sah, alle Chinesischen Mauern des Planeten niederzureissen, die Anzeichen gemacht hätten, ihr zu widerstehen, kann sie sich dennoch nicht gegenüber einer ununterteilten Menschheit wiederfinden, in Bezug auf welche sie sich nicht verorten könnte; und dies hat sie mit derselben praktischen Notwendigkeit verstanden. Die alten Diskrepanzen, wenn auch unter einer veränderten, degradierten und simulierten Form, müssen für das Fortbestehen der sozialen Warenordnung erhalten werden, und sei es nur, um die Vereinigung des weltweiten Proletariats, im Elend und eines Tages in der Revolte, zu verhindern. Ausgehend von dieser Tatsache, jene ihrer Aufrechterhaltung am Infusionstropf, haben die alten Diskrepanzen ihre spontane, ursprüngliche Natur verloren, und ihre Verfechter sehen sich zu einer zwanghaften, verkrampften, theatralischen Existenz verdammt. In Wirklichkeit zielen all ihre Anstrengungen darauf ab, sie mit einer hoffnungslos verlorenen Dimension wiederzuvereinigen. Der Rassismus selbst hat seine Funktion geändert. Von « politisch » und « totalitär », ist er zu einem unmittelbaren Agenten des Kapitals geworden. Als identitäre Reaktion beabsichtig er, die grösste Schwäche des Kapitalismus im fortgeschrittenen Stadium zu ersetzen: Das Kapital hat keine andere Kultur anzubieten, als kaufen und verkaufen: diesen Brocken ist es heute dabei, immer offener auszuspucken, während es hofft, dass die ganze Bevölkerung mittlerweile genug entstellt ist, um sich damit zufriedenzugeben.

VIII

Wie wir bereits sagten, das menschliche Wesen wird nicht durch seine « Wurzeln », durch seine Herkunft, durch seine vergangenen Bestimmungen definiert, sondern definiert sich selbst, aktiv, durch die Art und Weise, auf die seine soziale Existenz, das heisst, sein Leben und sein Zusammenleben mit anderen Individuen und mit deren Gemeinschaft im Allgemeinen es konkret definieren und diese von ihm selbst definiert werden. Der Mensch existiert nur wirklich, wenn er seine Freiheit, sich die Umgeben zu erschaffen, die er sich wünscht, in allen Zügen ausschöpft; wenn er also die Welt verändert; wenn er ohne ohne Kompromiss das Joch des Privateigentums und der Ökonomie von sich schüttelt; wenn er gemeinsam mit jenen lebt, die diesem Projekt zustimmen und sich bewusst und offen daran beteiligen. Anders gesagt, keiner von uns und unseren Zeitgenossen existiert wirklich als freies Individuum, denn die Freiheit kann nur zum Preis unserer heutigen Lebensweise existieren: unserer Zeit entgeht die gesamte Freiheit, ohne Ausnahme.

Was den Rassismus betrifft, er ist nur eine Ausflucht, um den Mangel eines Lebens in Freiheit fernzuhalten. Dank dem Rassismus, und dem Anti-Rassismus, versucht sich ein breiter Teil der Menschheit mit dem Elend zufriedenzugeben, in dem er verfault, während er sich zu diesem Elend als das seinige bekennt (oder ein leicht verändertes Elend fordert, mit dem er sich schliesslich identifizieren könnte). Doch kann die Selbstemanzipierung der Menschheit passieren, ohne die Selbstauflösung ihrer entfremdeten Kategorien?

IX

Es ist von grösster Wichtigkeit, diesen rationalen Kern des Rassismus hervorzuheben und ihn diesem letzteren gegenüberzustellen. Denn die Zurückweisung der rassistischen Kategorien wird nicht von selbst kommen: kein Kranker lässt seine Symptome zurück, ohne vorher ihre verdeckte Wahrheit hochgehen zu lassen. Die rassistische Denkensweise ist für einen Menschen unentbehrlich, der von seinem Mangel an Freiheit, von seiner Bedingung als Sklave tief geschwächt ist. Ein auf so wenig reduzierter Mensch hat gar nicht die Mittel, um seinen illusorischen Trost fallenzulassen: « Sklave, vielleicht, aber von Rasse! ». Es ist völlig unnütz, zu versuchen, ihn von der Dummheit einer solchen Sichtweise zu überzuegen, denn diese Dummheit ist für ihn Lebenswichtig – eine « lebensnotwendige Lügen », wie Nietzsche sagte. Nur durch das Wiederfinden des Geschmacks für ein Leben in und von Freiheit, wird er diese Trugbilder vekümmern lassen.

X

Es ist also nicht der Anti-Rassismus, der den Rassismus zum Verschwinden bringen wird, von dem er in Wahrheit nur das falsche Gegenüber ist, und ebensowenig wird es der Geist der Toleranz tun, diese Einschläferung des Geistes. Nur die Subversion der bestehenden Ordnung ist fähig, die Individuen einander wieder näher zu bringen; jeden sich sebst, seiner lebendigen Natur und seiner Selbstverwirklichung wieder näher zu bringen; und jene, die « sich täuschen vor Wut » wieder zu den eigentlichen Zielen zu bringen.

Weder Rassismus noch Anti-Rassismus

[Italien, 1991]

Was bedeutet es, sich Fragen über das Phänomen des Rassismus zu stellen, das in den post-industriellen Gesellschaften des reichen und demokratischen Westens um sich greift, sich über die Motivationen zu befragen, die hinter den als Gegenmittel ergriffenen Massnahmen der jeweiligen Regierungen stecken? Meiner Meinung nach bedeutet es, sich die Frage nach den wirklichen Gründen, die ihn hervorbringen, und nach dem, was sich um sie herum dreht, zu stellen, denn alle bisher über diese Angelegenheit aufgestellten Thesen scheinen mir ungenügend, wenn nicht irreführend.

Das erste Problem beim Angehen solcher Fragen ist es also, aus der üblichen Denkensweise heraus zu treten, sich den Spiegeln zu entziehen, die absichtlich die Realität verzerren, wie die soziologischen Ideologien und Analysen, die voll mit psychologischem Idiotismus sind, und alles, was zur Bildung und Vermehrung von „Wegwerf“-Diskursen beiträgt. Dabei gehe ich von folgender Voraussetzung aus: «Richtig und Interessant ist nicht, zu sagen: dies ist aus dem entstanden, sondern: dies könnte so entstanden sein» (Wittgenstein).

Die Auflösung eines Gemeinplatzes

Beginnen wir mit der Behauptung, dass zwischen den heutigen Formen von Rassismus und jenen, die ihnen in der Vergangenheit vorangingen, weder eine historische Kontinuität noch ein ideologischer Zusammenhang besteht. Und dies nicht nur, weil sie in zwei völlig unterschiedlichen sozio-ökonomischen und politisch-kulturellen Kontexten entstanden sind. Die heutigen Formen des Rassismus werden von einem technologischen Entwicklungsprozess des Kapitals und der fortgeschritteneren Staaten genährt. Innerhalb der post-industriellen Gesellschaften löst dieser Prozess alle traditionellen Formen sozialen Lebens auf und durchbricht mit ihnen auch alle Kommunikationsstrukturen breiter proletarisierter Gesellschaftsschichten. Gleichzeitig, im Hinblick auf die Drittweltländer, zerstört er, indem er sie einverleibt, alle kulturellen Formen, Sitten und traditionellen Bräuche der dortigen Völker und löst somit ihre Identität auf – im Rahmen der Verwirklichung eines Herrschaftsprojekts auf globaler Ebene.

Die alten Formen von Rassismus hingegen entstanden aus einer Krise des Kapitals und der damaligen imperialistischen Staaten, die in der Massenvernichtung durch den Zweiten Weltkrieg ihren Auslass fand. All jene, die sich auf diese Art von Rassismus beziehen, um den heutigen zu erklären, verfälschen die Realität der Fakten und verschleiern immer wieder die wirklichen Ursachen.

Ein weiterer Aspekt, der hervorsticht, ist eine deutliche zahlenmässige Disproportion zwischen einerseits dem vom Phänomen erreichten Ausmass, das breite Bevölkerungsschichten miteinbezieht, und der Zustimmungsbasis, über die die neofaschistische oder neonazistische Rechte verfügt. Was diese letzteren betrifft, zählt man die nostalgischen Überbleibsel vergangener Regieme und die jungen kahlgeschorenen Bulldoggen, so kommt man auf eine ziemlich unbedeutende Zahl. All dem fügt sich noch ein weiterer Aspekt hinzu: ein deutlicher Unterschied zwischen den alten, grob und erklärt geäusserten Formen von Rassismus, Formen, die von allen verabscheut werden, und den neuen, subtil tückischen, schleichenden, anonymen Formen, die, so sehr sie auch alle auf präzisen sozio-ökonomischen Diskriminanten beruhen, psychologisch nicht ideologisiert wurden.

Eine irreversible Anklageschrift

Einer der Punkte, auf die sich die heutigen Formen von Rassismus stützen, bildet die geschickt diskriminierende Handlung. Auf institutioneller Ebene wird diese von jenen Demokraten umgesetzt, die den edlen Charakter ihres Verhaltens gegenüber ausländischen Arbeitern durch die Anwendung von Formen sozialer Fürsorge betonen, die sich gut neben die Freiwilligenarbeit von religiösen Organisationen und Jugendfraktionen der verschiedenen Parteien und Gewerkschaften stellen lassen. Unter einem anderen Aspekt diskriminieren diese selben Demokraten die proletarisierten Gesellschaftsschichten der lokalen Bevölkerung. Diese werden somit angeregt, ihre Wut gegen die ausländischen Arbeiter zu richten, die in ihren Augen, in Anbetracht des geringen Interesses der Regierenden gegenüber den Grundbedürfnissen der proletarisierten Schichten (Arbeit, Wohnraum, Sozialhilfe, usw.), quasi als Bevorteilte gelten.

Diese Situation kreiert einen induzierten Krieg unter proletarisierten Massen, der in allen Lagern eine Entwicklung ohne soziale Konflikte begünstigt, die sich gegen die Strukturen der Herrschaft richten würden. Und zwar deshalb, weil der Konflikt ins Innere der armen Massen selbst übertragen wurde, die nun gegeneinander ausgespielt werden.

So wurden die materiellen, sozio-ökonomischen und politisch-kulturellen, aber auch die psychisch-ideologischen Bedingungen dieses neuen Rassismus, auch wenn es paradox erscheinen mag, eigens von den demokratischen Kräften geschaffen. Dieselben, die auf den Plätzen den anti-rassistischen Protest der Bevölkerung kanalisieren und leiten, und gleichzeitig die auf institutioneller Ebene zu ergreiffenden Massnahmen aufzeigen, um diese Welle zu bremsen.

Die totalitär-demokratische Mentalität

Seit wir dieses post-industrielle Zeitalter betraten, sprechen alle von einer multikulturellen, vielförmigen und diversifizierten Gesellschaft als Zeichen eines progressiven Fortschritts der sozialen Emanzipation in globaler Hinsicht, ohne jedoch den schrecklichen Kolonialisierungsprozess wahrzunehmen, der in den Gesellschaften im Gange ist, die gegenwärtig in einer einzigen globalen Gesellschaft neueingegliedert werden. Ein Prozess, der es ermöglicht, jede reelle Differenz zwischen den verschiedenen Völkern und den verschiedenen Kulturen zu vernichten. Ganz zu schweigen von den völlig von ihrer eigenen Identität losgelösten Individuen. Wenn die Nazis auf ihre Art die genetischen Differenzen zwischen den verschiedenen Völkern eliminieren wollten, so bereiten sich die Demokraten darauf vor, dasselbe Werk zu verrichten, während sie sich damit begnügen, die Köpfe der Individuen zu entleeren.

Wenn diese post-industrielle Gesellschaft in ihrem Innern völlig von den technologisierten Apparaten des Staates und des Kapitals dominiert zu sein scheint, die die Bewegungen der Individuen, die ohne ihr Mitwissen zur äussersten Prothese dieser monströsen und despotischen, wissenschaftlich organisierten Gesellschaftsmaschinerie geworden sind, bis ins kleinste Detail kontrollieren und verwalten, dann müssen wir die Mentalität analysieren, die eine solche Situation herbeigeführt hat.

Um es mit Adorno zu sagen: der Demokrat betrachtet die zwischen den Individuen existierenden effektiven oder imaginären Differenzen als Schandflecken, und wenn diese vorliegen, so ist das ein Zeichen für einen mangelnden oder noch nicht abgeschlossenen „sozialen Homogenisierungsprozess“. Es bedeutet, dass es noch etwas gibt, das nicht gänzlich integriert ist, etwas, das der feinverästelten Kontrolle des totalitären Systems entgeht. « Die Technik, die in den Konzentrationslagern angewendet wurde, neigte dazu, die Gefangenen ihren Aufsehern anzugleichen » (Adorno). Überträgt man dieses Konzept ins Innere der Gesellschaft, so bedeutet das, dass die Ausgebeuteten umso mehr dazu neigen, sich jenen anzugleichen, die sie kontrollieren, je schwerer die Unterdrückungsverhältnisse werden.

Wenn der Progressist und der Demokrat bekräftigen, dass alle Individuen, ob weiss, schwarz, gelb, oder was auch immer, genau gleich seien, mit dem Ziel, Diskriminierungen oder unterschiedliche Behandlungsweisen zu verhindern, beschränken sie die Frage, ohne es zu merken, nicht nur auf das im herrschenden Systen gebräuchliche Kriterium, sondern verhüllen auch die Tatsache, dass es in Wirklichkeit nicht so ist, denn jeder Mensch hat seine eigene Logik, sein eigenes Bildungsgut, seine eigene Art, dieselben Konzepte zu verstehen. Deshalb wird er ausgehend von eben diesem Gleichmachungsanspruch erniedrigt und vergewaltigt. Auf diesem Kriterium basiert der Prozess sozialer Vereinheitlichung, der stets von jedem Totalitarismus in die Gänge geleitet wurde und der, neben der Hemmung von allen, die sich gerne nach ihren wirklichen und wahren Neigungen verhalten würden, darauf abzielt, immer und egal wie, jene zu terrorisieren, die sich anders verhalten.

Toleranz ist in dieser Gesellschaft zum Pflichtwort geworden, worauf sich alle Dinge bemessen. Ausserhalb von ihr gilt man als Barbar, Tier oder ähnliches. So ist man natürlich immer mehr geneigt, alles zu zermalmen, zu vergewaltigen und zu vernichten, was nicht ins Integrationsschema passt. Im Namen des Fortschritts und der Zivilisation der Sitten fühlt man sich dazu autorisiert, soziale Lobotomisierungsprozesse gegen diese oder jene Gruppe in Gang zu setzen, die sich ihrer Integrierung nicht fügen will.

Der repressive und erschreckende Horizont des demokratischen Ideals, das auf einer erklärt reaktionären und autoritären oder auch progressistischen und autoritativen Mentalität basiert, reicht soweit, dass er alle Individuen gleich haben will, mit dem einzigen Ziel, sie wissenschaftlich verwalten zu können. So wird das demokratische Ideal zu einem polizeilichen Ideal, wovon die Diktatur nur eine rohe Variante ist, die noch nicht von der Logik rationalisiert und durchgeplant wurde, die nun allumfassend geworden ist und alles in einem einzigen Rationalitätskriterium verschlingt.

Dieser demokratisch-totalitäre Kolonisierungsprozess treibt als Konsequenz alle Individuen dazu, dieselben Dinge zu tun, wenn auch auf andere Weise, und zwar insofern wie sie sich in derselben Logik bewegen. Jedes Individum wird zu einer Verbindungseinheit des Systems, von dem es rezykliert und nach den vorherrschenden Normen integriert wurde. Wenn alle einander gleichartig sind, dann entspricht das dem Ende jeglicher Opposition, was dem System eine ungeteilte Zustimmung verschafft.

Was man sich, basierend auf diesem Kriterium, unter sozialer Gleichheit vorstellt, ist nichts anderes, als die Planung einer herrschenden Gesellschaft, mit der entsprechenden Verflachung und Reduzierung eines jeden auf eine ideale „Figur“, die die Zunichtemachung und Wiedereingliederun symbolisiert. Die soziale Gleichheit als eine in den irreduziblen Differenzen eines jeden Individuums beschlossene Sache vorauszusetzen, erscheint dem Demokraten als etwas unbegreifliches, da es sich dabei um eine unverwaltbare Realität handeln würde, die sich nicht auf ein einziges Kriterium von System und Logik reduzieren lässt. Dies ist seine rationalisierte Angst vor der Freiheit.

In dieser Logik nährt und motiviert der Demokrat die heutigen Formen von Rassismus, während er gleichzeitig unbewusst auf einen fortschreitenden Identitätsverlust unter ethnischen Gruppen, sozialen Bevölkerungsschichten und Individuen antwortet, die sich alle auf die eine oder andere Weise bedroht fühlen.
Rassismus und Antirassismus werden in der Wirtschaft des Herrschaftsprojekts die beiden Pole einer Notkampagne sein, die dazu dient, Repression, Kontrolle und Zustimmung ohne übermässige Hürden durchzusetzen.

Die Rolle der grossen Informationsmittel

Wir haben die Durchbrechung der Kommunikationsstrukturen in den unterschiedlichen proletarisierten Gesellschaftsschichten angesprochen. Man muss diesen Bruch aber auch auf die kleinen, beispielsweise die ländlichen Gemeinschaften ausweiten, in denen die vom Kapital und von den fortgeschritteneren Staaten herbeigeführte technologische Revolution die gesamte soziale Struktur über den Haufen warf, indem sie die Ordnung der Dinge auf allen Ebenen radikal veränderte und ganze Kulturbeständer verschlang, die somit zerstört wurden.

Es ist klar, dass für die aufgelösten und in peripheren Zonen der Metropolen zerstreuten sozialen Gruppen und Schichten, ebenso wie für die kleinen Land-, Berg- oder Fischergemeinschaften, die Rolle der neuen Kolonial-Kommunikationsstrukturen wesentlich ist. Ihre multimediale Funktion, die von den Herrschaftsapparaten realisiert wurde, garantiert die Bemächtigung und Reglementierung aller Lebens- und Beziehungsformen – von der gesellschaftlichen bis zur zwischenmenschlichen Ebene.

So sind die Radiohör- aber vorallem die Fernsehstunden angestiegen, wobei mittlerweile „non stop“ gesendet wird, mit einer regelrechten Fernseh-Abhängigkeit zur Folge. Die Kommunikation zwischen den Mitgliedern des Familienkerns wird immer seltener. Ihr Platz wurde vom Fernseher eingenommen, der folglich die einzelnen Mitglieder isoliert. Diese grossen Informationsmittel üben eine terroristische Rolle aus, die darauf abzielt, die Ausländer als Menschen eines anderen Planeten darzustellen. Die Leute sehen sich auf diese Weise bedroht und werden folglich dazu angetrieben, sich gemeinsam in Organisationsformen zusammenzuschliessen, die oft auf der Aufteilung des Territoriums, auf rüpelhaften Aspekten und auf Frustrationshandlungen basieren, von welchen insgesamt das Gefühl einer unbewussten Bedrohung durchscheint, die scheinbar vom „Ausländer“ ausgeht.

Der Rassismus ist ein Phänomen, das sich ausgehend vom Verlust jeglicher Reflexionsfähigkeit des Menschens vergrössert, wie des Schreibens, des Diskutierens, des Lesens, ein Verlust, der parallel zum Erwerb grösserer Interessen für die oberflächlichen oder symbolischen Aspekte verläuft, wie Hautfarbe, Sitten, Bräuche und andere regressive Kommunikationsformen. Die grossen Informationsmittel treiben grosse Massen von Entwurzelten dazu an, sich als Statisten gegenüber Ereignissen zu fühlen, die die Sozialisierung nur durch ein Nachahmungsprinzip und nicht durch Bewusstwerdung antreiben können. Diese Mobilisierung wurde so zur Basis der Integration ins System, ohne dass dieses letztere in Frage gestellt wird. Daher die Entwicklung eines fiktiven Konfliktzustands innerhalb der ausgebeuteten Massen. Das Binom Rassismus-Antirassismus bildet das Schema solcher Konflikte, ein Schema ohne Ausweg. Sich am einen oder anderen dieser beiden Pole zu beteiligen, bedeutet, das Gesamtschema zu nähren, ohne es auflösen zu können, indem der Kreis einer schädlichen Beziehungsbildung durchbrochen wird.

Pierleone Porcu

[Aus der italienischen Zeitschrift Anarchismo, nr. 67, 1991]

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