In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern

Dieser Text aus Italien, ist in einem Buch, gemeinsam mit der Übersetzung von 5
anderen italienischen Texten erschienen, das unter "inoffenerfeindschaft@riseup.net" angefragt werden kann.

Im Anhang befindet sich der Text in Brochürenform.

 

Aus der Einleitung zum Buch:

Mit Texten ist es manchmal wie mit Lebewesen. Einige weisen die Eigenart auf, uns nicht aufgrund dessen zu erreichen, was sie uns mitteilen, lehren oder zu denken geben, sondern, weil wir in ihnen, durch eines dieser mysteriösen Bande, die sowohl Zeit wie Sprachbarrieren durchdringen, etwas antreffen, das wir bereits fühlten. Dieses sonderbare Gefühl, wenn eine Sensibilität einer unbekannten Duftnote begegnet, worin man unmittelbar einen Teil von sich selbst erkennt. Dieser Enthusiasmus, vor sich auf einem Blatt Papier das niedergeschrieben zu sehen, was wir durch Intuition und Erfahrung bereits anders oder ungeschickter formulierten.
Ai ferri corti con l‘Esistente, i suoi difensori e i suoi falsi critici ist so ein Text. Dieses anonyme Pamphlet erschien vor etwas mehr als zehn Jahren und wurde bereits von verschiedenen Gefährten ins Spanische und ins Portugiesische, ins Englische, ebenso wie ins Französische und Niederländische übersetzt. Nun existiert er also auch auf Deutsch. 

 

 

 

 

 

 

 

 

I


«
Jeder kann dem Umherirren in der Sklaverei
dessen, was er nicht
kennt, ein Ende setzen – und,
das Angebot leerer Worte
zurückweisend,
in offener Feindschaftdem Leben entgegentreten.

»

C.
Michelstaedter



Das
Leben ist nichts anderes, als eine beständige Suche nach etwas,
woran man sich festhalten kann. Man steht morgens auf, um sich ein
paar Stunden später wieder ins Bett zu legen, wie traurige Pendler
zwischen Lustlosigkeit und Müdigkeit. Die Zeit vergeht und treibt
uns mit Sporen an, die immer weniger lästig scheinen. Auch die Last
der sozialen Pflichten scheint uns nicht mehr den Rücken zu brechen,
so dass wir sie überall mit uns tragen. Wir gehorchen, ohne uns noch
die Mühe zu machen, ‘Ja‘ zu sagen. Der Tod wird durch das Leben
gesühnt, schrieb der Dichter aus einem anderen Schützengraben.

Wir
können ohne Leidenschaft und ohne Träume leben – dies ist die
grosse Freiheit, die uns diese Gesellschaft bietet. Wir können
ungehemmt sprechen, vor allem über all die Dinge, von denen wir
nichts verstehen. Wir können alle Meinungen der Welt vertreten,
selbst die gewagtesten, und hinter dem Gewirr von Stimmen
verschwinden. Wir können unseren Lieblingskandidaten wählen und im
Gegenzug das Recht einfordern, uns beschweren zu dürfen. Wir können
jederzeit den Kanal wechseln, falls er uns dogmatisch zu werden
scheint. Wir können uns zu festgelegten Zeiten amüsieren und mit
immer höherer Geschwindigkeit traurig identische Landschaften
durchqueren. Wir können uns wie junge Hitzköpfe aufführen, bevor
wir eimerweise eiskalten, gesunden Menschenverstand verabreicht
bekommen. Wir können nach belieben heiraten; so heilig ist die Ehe.
Wir können uns sinnvoll betätigen und, falls wir wirklich kein
Schreibtalent haben, Journalisten werden. Wir können auf tausend
Arten Politik machen und sogar von exotischen Guerillas sprechen. In
der Karriere sowie im Gefühlsleben können wir uns, falls wir es
nicht schaffen, selbst zu befehligen, noch immer durch Gehorsamkeit
profilieren. Auch durch Gehorsamkeit können wir zum Märtyrer
werden, denn allem Anschein zum trotz, benötigt diese Gesellschaft
noch immer Helden.

Unsere
Dummheit wird bestimmt nicht grösser als jene der Anderen
erscheinen. Falls wir nicht fähig sind, uns zu entscheiden, kein
Problem, dann lassen wir eben die Anderen wählen. Anschliessend
werden wir Position beziehen, wie man im Jargon der Politik
und des Spektakels sagt. An Rechtfertigungen mangelt es nie,
besonders nicht in einer Welt, die sie alle schluckt.

Auf
diesem grossen Jahrmarkt der Rollen haben wir alle einen loyalen
Verbündeten: das Geld. Demokratisch par excellence, schaut es
niemandem ins Gesicht. In seiner Begleitschaft kann uns keine Ware
und keine Dienstleistung dieser Welt verwehrt werden. Wer auch immer
sein Besitzer ist, er fordert mit der Kraft einer ganzen
Gesellschaft. Natürlich, dieser Verbündete gibt nie genug von sich
selbst und vor allem gibt er sich auch nicht allen. Doch seine
besondere Hierarchie vereinigt in ihren Werten das, was sich in den
Lebensbedingungen entgegensteht. Wenn man es besitzt, hat man allen
Grund dazu, wenn es mangelt, hat man nicht weniger Milderungsgründe.

Mit
etwas Übung könnten wir ganze Tage ohne die geringste Idee
verbringen. Die tägliche Routine übernimmt das Denken für uns. Von
der Arbeit bis zur “Freizeit” dreht sich alles um den Erhalt des
Überlebens. Es gibt immer irgendetwas, woran wir uns festhalten
können. Im Grunde liegt die erstaunlichste Eigenschaft der heutigen
Gesellschaft darin, die “kleinen Alltagskomforte” und die zum
greifen nahe Katastrophe nebeneinander existieren zu lassen. Parallel
zur technologischen Verwaltung des Bestehenden, schreitet auch die
Ökonomie mit der verantwortungslosesten Unkontrollierbarkeit voran;
man wechselt von Unterhaltung zu Massenmassakern mit der
disziplinierten Leichtfertigkeit von vorberechneten Gesten. Der Kauf
und Verkauf des Todes erstreckt sich über den gesamten Raum und die
gesamte Zeit. Risiko und gewagter Aufwand existieren nicht mehr; es
bleibt nur noch die Sicherheit oder das Desaster, die Routine oder
die Katastrophe. Überlebende oder Untergehende. Lebende, niemals.

Mit
etwas Übung könnten wir mit geschlossenen Augen von Zuhause zur
Schule, vom Büro zum Supermarkt oder von der Bank zur Diskothek
gehen. Langsam begreifen wir die ganze Weisheit jener Worte eines
alten Griechens: « Auch die Schlafenden halten die Ordnung der Welt
aufrecht.

»

Es
ist Zeit mit diesem Wir zu brechen, mit dieser
Wiederspiegelung der einzigen Gemeinschaft, die gegenwärtig
existiert, jener der Autorität und der Waren.

Ein
Teil dieser Gesellschaft hat alles Interesse daran, dass die
Herrschaft dieser Ordnung fortbesteht, der andere daran, dass alles
so bald wie möglich kollabiert. Sich für eine Seite zu entscheiden,
ist der erste Schritt. Doch überall herrschen die Resignierten –
die wirkliche Basis zur Übereinkunft beider Seiten –, die
Verbesserer des Bestehenden und dessen falsche Kritiker. Überall,
auch in unserem Leben – dem echten Ort des sozialen Krieges
–, unseren Träumen und unserer Entschlossenheit, sowie in unseren
kleinen, alltäglichen Unterwerfungen.

All
dem muss in offener Feindschaft entgegengetreten werden, um endlich
das Leben selbst herauszufordern.



II


«
Die
Dinge, die notwendigerweise gelernt sein müssen, um sie zu tun,
erlernen wir, indem wir sie tun.

»

Aristoteles


Das
Geheimnis liegt darin, wirklich zu beginnen.

Die
gegenwärtige soziale Organisation schiebt nicht nur jegliches
Ausleben der Freiheit hinaus, sondern verhindert und verdirbt es
auch. Um zu erfahren, was Freiheit ist, gibt es keinen anderen Weg,
als mit ihr zu experimentieren. Und um mit ihr zu experimentieren,
braucht man den nötigen Raum und die nötige Zeit.

Die
wichtigste Grundlage einer freien Handlung ist der Dialog. Nun, ein
wirklich gemeinsamer Diskurs muss in sich zwei Voraussetzungen
vereinen: Ein reelles Interesse der Individuen an den Fragen, die in
der Diskussion aufgeworfen werden (das Problem des Inhalts) und eine
freie Suche nach möglichen Antworten (das Problem der Methode).
Diese beiden Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein,
da der Inhalt die Methode bestimmt und umgekehrt. Von Freiheit
kann nur in Freiheit geredet werden. Was nützen die Fragen,
wenn wir nicht frei darauf antworten können? Was nützt es zu
Antworten, wenn die Fragen falsch sind? Der Dialog existiert nur,
wenn die Individuen ohne Mediation miteinander sprechen können, das
heisst, wenn ihre Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn der
Diskurs einseitig geführt wird, ist eine Kommunikation unmöglich.
Wenn jemand die Macht besitzt, die Fragen zu bestimmen, wird deren
Inhalt genau seinen Zwecken entsprechen (und die Antworten werden in
ihrer Methode die Zeichen der Unterwerfung tragen). Einem Untertan
können ausschliesslich Fragen gestellt werden, deren Antworten seine
Rolle als Untertan bestätigen, und aus eben dieser Rolle entnimmt
der Herrscher die zukünftigen Fragen. Die Versklavung besteht also
darin, weiterhin zu antworten, denn die Fragen der Herrschenden
enthalten in sich selbst bereits die Antwort.

In
diesem Sinne sind Marktforschungen identisch mit Wahlen. Die
Souveränität des Wählers entspricht der Souveränität des
Konsumenten und umgekehrt. Wenn die Passivität des Fernsehens eine
Rechtfertigung braucht, spricht man von Audienz; wenn der
Staat eine Legitimierung für seine eigene Macht braucht, spricht man
vom souveränen Volk. In beiden Fällen sind die Individuen
bloss Geiseln eines Mechanismus, der ihnen das Recht zu Reden
zugesteht, nachdem er ihnen die Möglichkeit, es zu tun
entzogen hat. Wo bleibt der Dialog, wenn man bloss zwischen dem einen
oder anderen Kandidaten wählen kann? Wo bleibt die Kommunikation,
wenn man bloss zwischen unterschiedlich identischen Waren und
Fernsehprogrammen wählen kann? Der Inhalt der Fragen wird
bedeutungslos, denn die Methode ist falsch.

«
Nichts gleicht einem Repräsentanten der Bourgeoisie mehr, als ein
Repräsentant des Proletariats

»,
schrieb Sorel 1907. Das, was sie einander gleich machte, war die
schlichte Tatsache, ein
Repräsentant
zu sein. Heute dasselbe über rechte oder linke Wahlkandidaten zu
sagen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Banalität. Die
Politiker brauchen nicht originell zu sein (darum kümmern sich die
Werbefachleute), es reicht, wenn sie diese Banalitäten
zu
verwalten

wissen. Die schreckliche Ironie ist, dass die Massenmedien als
Kommunikations-Mittel
definiert werden und der Abstimmungszirkus als
Wahl
(was im ursprünglichen Sinn des Wortes für eine freie und bewusste
Entscheidung steht).

Der
Punkt ist, dass die Macht keine andere Handhabung zulässt. Selbst
wenn man es wollte (womit wir uns bereits inmitten der “Utopie”
befänden, um mit den Worten der Realisten zu sprechen),
könnte nichts Bedeutendes von den Wählern verlangt werden, denn die
einzige, freie Handlung – die einzige, wirkliche Wahl
die sie vollbringen könnten, wäre mit dem Wählen aufzuhören.
Jemand, der sich an Wahlen beteiligt, kann sich gar nichts anderes
als belanglose Fragen stellen, denn authentische Fragen lassen
Passivität und Delegation nicht zu. Lasst uns das genauer erklären.

Nehmen
wir an, der Kapitalismus soll durch ein Referendum abgeschafft werden
(ungeachtet der Tatsache, dass eine solche Forderung innerhalb der
heutigen, sozialen Verhältnisse unmöglich ist). Bestimmt
würden die meisten Wähler für den Kapitalismus stimmen, und zwar
aus dem schlichten Grund, dass man sich, während man gerade
gemütlich das Haus, das Büro oder den Supermarkt verlässt, gar
keine Welt ohne Waren und ohne Geld vorstellen kann. Doch
selbst wenn dagegen gestimmt würde, würde sich nichts ändern, denn
eine solche Forderung muss die Wähler ausschliessen, um
authentisch zu sein. Eine ganze Gesellschaft kann nicht per Anordnung
umgewälzt werden.

Dieselbe
Überlegung kann auch auf weniger radikale Fragen angewandt werden.
Nehmen wir das Beispiel eines Wohnviertel: Was wäre (wir befinden
uns wieder inmitten der “Utopie” ), wenn sich die Bewohner über
die Organisation ihrer Lebensräume (Häuser, Strassen, Plätze,
usw.) aussprechen könnten? Lasst uns gleich klarstellen: Die Wahl
der Bewohner wäre von Anfang an und unvermeidlich eine
begrenzte; die Viertel sind das Ergebnis einer Verlagerung und
Konzentrierung der Bevölkerung zugunsten der ökonomischen
Anforderungen und der sozialen Kontrolle. Versuchen wir uns trotzdem
eine andere Organisation dieser Ghettos vorzustellen. Ohne
Furcht widerlegt zu werden, könnte man behaupten, dass die Mehrheit
der Bevölkerung diesbezüglich dieselben Ideen wie die Polizei haben
würde. Und falls dem nicht so wäre (wenn eine Praxis des
Dialogs, wenn auch eine begrenzte, das Verlangen nach einer neuen
Umgebung entstehen liesse), dann würde man die Ghettos explodieren
sehen. Wie versöhnt man in der heutigen sozialen Ordnung das
Interesse des Autoherstellers mit dem Willen der Bevölkerung zu
atmen
; das freie Umherziehen der Individuen und die Angst der
Besitzer von Luxusgeschäften; die Kinderspielplätze und den Beton
von Parkplätzen, Banken und Einkaufszentren? Und all die leeren und
verlassenen Häuser in den Händen von Spekulanten? Und die
Wohnblöcke, die den Kasernen so schrecklich ähneln, die den Schulen
so schrecklich ähneln, die den Krankenhäusern so schrecklich
ähneln, die den psychiatrischen Kliniken so schrecklich ähneln? Das
Verschieben einer kleinen Mauer in diesem Schreckenslabyrinth,
bedeutet das ganze Projekt in Frage zu stellen. Je weiter wir uns von
einer polizeilichen Betrachtung der Umwelt entfernen, desto näher
rückt eine Konfrontation mit der Polizei.

«
Wie kann man im Schatten einer Kapelle frei denken?

»,
schrieb während des Pariser Mai eine anonyme Hand auf die heilige
Stätte der Sorbonne. Diese einwandfreie Frage ist von umfassender
Bedeutung. Jede wirtschaftlich und religiös gedachte Umgebung kann
nichts anderes als wirtschaftliche und religiöse Wünsche
auferlegen. Eine geschlossene Kirche wird weiterhin das Haus Gottes
bleiben. In einem verlassenen Einkaufszentrum werden die Waren weiter
quasseln. Der Hof einer unbenutzten Kaserne enthält
noch
immer

den Marschschritt der Soldaten. In diesem Sinne hatten diejenigen
Recht, die sagten, dass die Zerstörung der Bastille ein
sozialpsychologischer Akt war. Keine Bastille kann auf eine andere
Art genutzt werden, denn die Mauern würden weiterhin die Geschichte
von gefangenen Körpern und Sehnsüchten erzählen.

Die
Zeit der Leistungen, der Verpflichtungen und der Langeweile vermählt
sich mit den Räumen der Konsumption in einer ununterbrochenen
Trauerhochzeit. Die Arbeit reproduziert das soziale Umfeld, welches
die Resignation bei der Arbeit reproduziert. Man liebt die Abende vor
dem Fernseher, weil man den ganzen Tag im Geschäft und in der U-Bahn
verbracht hat. Das Schweigen in der Fabrik lässt das Geschrei im
Stadion wie versprochenes Glück erscheinen. Die Schuldgefühle in
der Schule sind ein Bekenntnis für die idiotische
Verantwortungslosigkeit des Samstagabends in der Disco. Die Werbung
des Club Med lässt nur die Augen von Mc Donald’s Besuchern
träumen. Et cetera.

Man
muss mit der Freiheit zu experimentieren wissen, um frei zu sein. Man
muss sich befreien, um mit der Freiheit experimentieren zu können.
Innerhalb der gegenwärtigen sozialen Ordnung verhindern Zeit und
Raum das Experimentieren mit der Freiheit, weil sie die Freiheit zu
experimentieren unterdrücken.

Doch
wer hat gesagt, dass wir – indem wir es praktizieren – zu den
Arbeitslosen nicht von Sabotage, von der Abschaffung des Rechts oder
der Weigerung den Anwalt zu bezahlen sprechen können? Wer hat
gesagt, dass die Ökonomie im Verlauf eines Streiks auf der Strasse
nicht woanders kritisiert werden darf? Das zu sagen, worauf
der Feind nicht gefasst ist und da zu sein, wo er uns nicht erwartet.

Dies
ist die neue Poesie.



 

 

 

Der Ganze Text ist hier digital aufzufinden.
Oder hier als Brochüre herunterzulaen.
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