Flyer: Gegen die Arbeit

FTitelblattolgender Flyer (A4 – 8 Seiten) wurde am 1. Mai in Zürich verteilt.
Die .pdf-datei zum ausdrucken befindet sich hier. (
2 A3-Seiten je vorne und hinten. Dann falten)

Inhalt:
– Gegen die Arbeit, Zürich, 01.05.2010
– Der 1. Mai und seine Geschichte, Zürich, 01.05.2010
– Lebensminimum, Potlatch IV, Paris 1954
– Auszüge zum Pariser Mai 68 und dem Dezember Aufstand in Griechenland
– Wie mit dem Arbeiten aufhören in 10 Punkten, Machete 1, 01.2008

 

 



 

Gegen die Arbeit


1. Mai der “Tag der Arbeit“, wie man stolz zu sagen pflegt; der Tag, an dem alle mal wieder, ob mit Wurst und Brot oder mit Stock und Stein, etwas “Arbeiterkampf“ feiern – was auch immer man darunter versteht. Vom gemässigten Linken bis zum Anarcho-Syndikalisten (kurzum: alles, was sich an der Arbeit festhält) graben sie ihre Banner aus, um auf der Strasse etwas Anwesenheitspolitik zu betreiben. Nun, wir haben kein Banner, wohinter wir Leute versammeln, wir haben kein politisches Programm, womit wir werben, wir fordern weder ein Recht auf Arbeit, noch wollen wir sie verschönern oder auf ein Minimum reduzieren, wir wollen die Arbeit, mit ihrer Ethik und ihrer Logik, zerstören, und zwar ein für alle mal!

Was bedeutet dieses Wort, um das sich schon die ganze Menschengeschichte dreht, dieser Angelpunkt fast aller bisherigen sozialen und revolutionären Kämpfe und zentraler Aspekt unseres alltäglichen Lebens? Fern davon, bloss die schöpferische Tätigkeit des Menschens zu bezeichnen, ist Arbeit ein Werkzeug in den Händen derjenigen, die erstere unterwerfen und verwalten wollen, um sich ihre Erträge selbst zu Nutzen zu machen. Insofern der Mensch das grundlegende Bedürfnis besitzt, sich selbst und seine Umgebung zu erschaffen, so wurde die Arbeit eingeführt, um dieses Bedürfnis zu knechten. Für die Zerstörung der Arbeit zu kämpfen, bedeutet jene einfache Feststellung nicht hinzunehmen: Unser Schaffen gehört uns nicht.

Die äusseren Formen der Ausbeutung wandelten sich oft im Laufe der Zeit, doch wesentlich ist sie immer dasselbe geblieben: Die Ausschöpfung des Lebens, um im Gegenzug ein mehr oder weniger gesichertes “Überleben“ anzubieten; die Enteignung jeglicher Autonomie, um die Individuen an ihre Beherrscher zu binden; die Sicherung und Ausweitung der Macht des Kapitals.

Die Ethik der Arbeit

Es scheint eine unantastbare Gegebenheit zu sein: Man Arbeitet.
Die Rechtfertigung dafür ist ebenso simpel wie allgegenwärtig. Als Teil dieser Gesellschaft hat jeder seinen Beitrag zu leisten. Noch vor jeglichen überlebenstechnischen Gründen geht es dabei um eine Frage der Moral.
Hier und heute, in dieser generalisierten Vereinzelung der Menschen, sollen wir uns einer Gesellschaft verpflichtet fühlen, deren letzte, kümmerliche Formen von Gemeinschaft sich nurmehr durch Waren und Autorität behaupten. Wir können in den hierarchischen Strukturen Verantwortung für das “Gemeinwohl“ übernehmen und gemeinsam in der unendlichen Auswahl von Konsumgütern “Freiheit“ geniessen – so spricht die Ideologie der verkehrten Welt.
Und falls wir uns davon nicht mehr täuschen lassen, dann können wir uns noch immer einreden, dass wir unsere Arbeit mögen und uns in dieser spezialisierten Sinnlosigkeit entfalten (ja, es steht schlecht um die Begierden).
Hat auch das nicht funktioniert, so lässt uns die Gesellschaft gut spüren, dass wir nichts wert sind, solange wir nicht arbeiten, und dass wir besser daran täten, so bald wie möglich zurück in die Reihen zu treten – so wie alle anderen…

„Wer nicht arbeitet, kriegt nichts zu essen.“ In einer Gesellschaft, in der anonyme Arbeit für einen anonymen Markt verrichtet wird, um immer entfremdetere Bedürfnisse zu befriedigen, die der Kapitalismus aufgrund seiner Fortschrittslogik stets neu kreiert, ist diese Aussage nichts weiter als eine Absurdität. Arbeit ist zunächst die Erzeugung von Mehrwert, in welcher Form auch immer. Es geht längst nicht mehr darum, die Mittel für unser Überleben zu beschaffen – und darum, die Qualität unseres Lebens zu steigern, ging es noch nie!
Denken wir nur daran, wie viele Leute aufgrund der blossen Existenz von Geld arbeiten (Finanzwesen, Bürokraten, Verwaltung, etc.), denken wir an all die sinnlosen Produkte und Dienstleistungen, an das falsche Problem der Arbeitslosigkeit, an Beschäftigungstherapien, an das krampfhafte Erforschen von neuen Marktlücken,…
Tatsache ist, dass man uns um alles in der Welt beschäftigt halten will, durch Arbeit und Konsum. Damit wir keine Gelegenheit haben, zu erkennen, dass das Wesentliche, was uns von den Überlebensmitteln trennt, die Moral ist, mit der wir uns selbst untersagen, sie den Ausbeutern zu entreissen; und dass die Möglichkeit, die uns einer Steigerung der Lebensqualität näher bringt, in einem gelebten Aufstand liegt, der sich endlich der Arbeit und ihrer Welt entledigt.

In der allgemeinen Unterwürfigkeit – meist eher durch Fatalismus („es ist nun mal so“) als durch konkreten Zwang – gibt es eine besonders erbärmliche Gestalt: Den ehrlichen Arbeiter.
Er zieht es vor, sich ein Leben lang zu unterwerfen, um dafür bei Tagesende ein “reines Gewissen“ zu haben. Stolz kriecht er vor seinem Boss, während das Einzige, woran er sich noch festhalten kann, die soziale Rolle ist, die ihm seine Arbeit verschafft. Sich selbst völlig fremd geworden, versucht er die Substanzlosigkeit seines Lebens mit der Anhäufung von Waren zu kompensieren. Heutzutage ein ehrlicher Arbeiter zu sein, hat mit Ehre nichts zu tun, es ist eine Selbsterniedrigung, eine Idiotie, eine Schande und eine Feigheit. Bei der Arbeit sowie in der “Freizeit“ bleibt er Sklave derselben Ethik:
Leben um zu arbeiten, arbeiten um zu leben.
Nun, falls ihr euch von der Arbeit nicht so sehr beleidigt fühlt, und die direkte Unterdrückung persönlich wenig spürt; wenn ihr, trotz all der oberflächlichen Klagegesänge, ohne die Arbeit nicht leben könnt, weil ihr euch schrecklich langweilen würdet; wenn es euch gelingt, die tägliche Disziplin am Arbeitsplatz zu ertragen und die ständigen Vorwürfe von schwachköpfigen Kleinbossen zu respektieren; wenn ihr nie die Verlockung verspürt, das Geld oder die Nahrung dort zu holen, wo es sie im Überfluss gibt, um euch endlich dem Leben selbst zu widmen; dann haben wir euch hier nicht viel zu sagen. Doch an alle anderen:
Wieso sollten wir jemals arbeiten?

Die moralischen Schranken einmal überwunden, mit etwas Wagemut, Fantasie und spielerischem Elan, bieten sich tausend Möglichkeiten, der Arbeit zu entkommen. Durch Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe können diese Möglichkeiten mit jeder weiteren Person, die sich dazu entscheidet, anwachsen. Und wenn wir dem noch etwas Gespür für Subversion hinzufügen, wenn wir der Ethik der Arbeit unsere persönliche Ethik entgegenstellen, eine, die mit jeglicher Form von Ausbeutung unversöhnlich ist, dann mögen daraus Verhaltensweisen entstehen, die direkt in die Herzen unserer Feinde treffen.

Die Logik der Arbeit

Die zynische Verlogenheit, die uns glauben machen will, selbst die Profiteure unserer Arbeit zu sein, während sie einzig und allein den Zwecken der Herrschenden dient, wurde im Laufe der Geschichte immer wieder erkannt und bekämpft. Viel schwieriger scheint es jedoch, auch in die Logik der Arbeit einzusehen, und ihr zu entfliehen. Die völlige Entfremdung von den Zwecken und Produkten unserer eigenen Arbeit, erlaubt ihr, verdeckt und unter dem Schleier der Gewohnheit zu operieren.
Die Logik der Arbeit könnte im Grunde folgendermassen zusammengefasst werden: Jegliche bedeutsame Aktivität muss einen Zweck und ein Ziel haben. Demzufolge muss jegliche Aktivität aufgrund ihres Produktes beurteilt und bewertet werden. Dieses Endprodukt hat Vorrang vor dem kreativen Prozess, so dass die inexistente Zukunft über die Gegenwart herrscht. Die unmittelbare Befriedigung der erschaffenden Freude ist unbedeutend, das einzige was zählt, ist das Gelingen oder das Scheitern…
So ist es nicht erstaunlich, dass in der Welt eben dieser Logik die Effizienz das allgemeine Bewertungskriterium ist, vor allem auch von uns selbst. Wir haben eine Leistung zu erbringen, um unser Selbstwertgefühl zu steigern. Das ziellose Entfalten der eigenen Individualität wird auf dem Altar der Produktion und der sozialen Reproduktion geopfert. Der lebendige Fluss von leidenschaftlichen Beziehungen wird in Rollen kanalisiert und eingedämmt, die im Räderwerk der sozialen Maschinerie ihren Platz einnehmen. Losgetrennt von Bedürfnissen, die weder durch die Arbeits- noch durch die Warenwelt diktiert werden, erfahren wir tagtäglich die Entfremdung, die uns die eigene Aktivität und das eigene Leben entreisst.
Eben dieses Gefühl, dass uns das Leben durch die Finger rinnt, ist seit jeher der Auslöser für Revolten. Doch die Vorstellung von einer Revolution ist allzuoft innerhalb der Logik der Arbeit geblieben. Die Revolution als eine Aufgabe mit einem Zweck, einem Ziel… eine perfekt funktionierende Gesellschaft hervorzubringen. Sie hat einen Anfang und einen Schluss. Sie hat Erfolg oder sie scheitert, sie wird zum Gewinner oder Verlierer. Jedenfalls… nimmt sie ein Ende.
Ohne dass es ihr jemals gelang, der Logik der Arbeit zu entkommen, ist bis anhin jede Revolution fehlgeschlagen. Selbst diejenigen, die siegreich waren… vor allem diejenigen, die siegreich waren.
Wieso nicht einer Aktivität, anstatt aufgrund ihres Endprodukts, aufgrund dessen einen Wert beimessen, was sie zu dieser Stunde ist? Revolution nicht als Aufgabe, sondern als eine Art von Spiel, im weitesten Sinne des Wortes. Als eine Erkundung, ein Experimentieren… ohne Anfang noch Ende… ein unendlicher Aufbruch zu neuen Entdeckungen, neuen Erfahrungen und neuen Abenteuern.

Ein alter Traum

Sei es während der Bauernaufstände gegen die Sklaverei im Mittelalter; zu Zeiten, als die englischen Ludditen die ersten industriellen Webereien mit Hämmern zerschlugen; im Innern der Pariser Kommune, dem ersten umfassenden, aufständischen Versuch eines selbstorganisierten Lebens in der Stadt, oder während des jahrelangen Experimentierens mit anarchistischen Ideen in Katalonien inmitten des spanischen Bürgerkriegs: Der alte Traum, sich der unterwürfigen Arbeit zu entledigen, um das Leben mit den eigenen Hände zu gestalten, tritt immer wieder meuternd zu Tage.

Wir schreiben diesen Kämpfen nicht zu, auf die Zerstörung der Arbeit abgezielt zu haben; sie richteten sich meistens vielmehr gegen das Elend, das die Arbeit umgab. Vielleicht war es eben die Fähigkeit, sich ihrer Logik gänzlich zu entziehen, an der es mangelte…

Während dieser Epoche befand sich die Welt der Arbeit in starkem Wandel. Die Industrialisierung brachte mit den Fabriken und Maschinen ein neues Ausmass der Trennung zwischen dem Menschen und seiner Tätigkeit mit sich, zugleich aber auch eine Konzentrierung der Arbeiter und des Willens, ihr Elend zu bekämpfen. Man könnte vom Höhepunkt der internationalen “Arbeiterbewegung“ sprechen. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren übersät mit Versuchen einer revolutionären Umgestaltung des alltäglichen Lebens. Doch das Kapital ist sich der Gefährlichkeit von Fabriken- und Arbeitervierteln bewusst geworden, und über Jahrzehnte fand und findet eine Restrukturierung der gesellschaftlichen Organisation der Ausbeutung statt. Die Produktionszentren wurden über das Land verteilt und die Vereinzelung der Arbeiter vorangetrieben. Nachdem man sie erst den ländlichen Gemeinschaften entriss, um sie in den Städten zusammenzupferchen, begann man nun damit, diese gefährlichen Milieues zu zersetzen, in denen sich ein Klassenbewusstsein und die Möglichkeit, sich seines Schaffens wieder selbst zu bemächtigen, konkretisierte. Nachdem sie dem “ersten proletarischen Ansturm gegen die Klassengesellschaft“ standhielten, kümmern sich die Polizisten und Architekten, Soziologen und Psychologen, Bosse und Politiker nun umso intensiver darum, diesen alten Traum, wo auch immer er sich zeigt, von Grund auf zu ersticken.

Die Bedingungen begannen sich also zu verändern und Jahrzehnte waren nötig, bis sich die freiheitsstrebenden Herzen in dieser neuen Situation zurechtfanden und sich revolutionäre Ideen verbreiteten, die dieser neuen Zeit entsprachen.
Doch mit dem wildesten Generalstreik der Geschichte, der im Mai 68 ganz Frankreich lahmlegte, wurde deutlich, dass der Kampf zwischen den Eignern und den Verdammten dieser Welt noch längst nicht ausgefochten war. Auch Italien und England sahen sich in den folgenden Jahren durch unzählige Streiks, Fabrikbesetzungen und Revolten an den Rand eines offenen Klassenkrieges gedrängt. Zum Schrecken der Herrschenden durchbrach erneut die Idee, die Welt auf den Kopf zu stellen, um sie endlich jedem einzelnen zurückzugeben, den Lauf jener Geschichte, die sie doch so gerne hätten vergessen machen wollen. Doch auch diese stürmische Welle, mit all ihren Erfahrungen von Selbstorganisation und wilden Revolten, zerbarst an den Felsen der sozialen Normalität. In der nachfolgenden Ebbe hat das Kapital seine Lehren aus aus den Forderungen der Bewegung gezogen; vor allem aus jenen, die von Reformisten und Stalinisten dominiert und durch Gewerkschaftsbürokraten im Zaum gehalten wurden. Indem man diesen im Rahmen einer Verfeinerung der Herrschaft entgegenkam, wurde Schritt für Schritt die Integrierung der Arbeiterbewegung in die bürgerliche Gesellschaft vollendet.

Indessen kümmerten sich die Mediokraten eifrig um die allgegenwärtige Rechtfertigung der herrschenden Verhältnisse und darum, das Ende der Geschichte auszurufen. Dies führte dazu, dass heute Generationen heranwachsen, die sich gar keine andere Welt mehr denken können, die keine Träume mehr haben, in welche sie die Energie ihrer Wut und unterdrückten Verlangen stecken können. Die Techniken der Macht werden subtiler, was die Ausbeutung nicht erträglicher, aber weniger greifbar macht. So entlädt sich die soziale Unzufriedenheit oft durch ansteigende Gewalt unter den Ausgebeuteten selbst, anstatt sich gegen Ordnung, die sie verursacht zu wenden.
Wir finden uns also erneut vor einer grundlegenden Änderung der Lebensbedingungen wieder, und wenn wir heute von Revolution sprechen wollen, dann haben wir einiges neu in Betracht zu ziehen.
Rund um uns herum spitzen sich die sozialen Konflikte wieder zu. Die französischen Banlieues explodieren immer wieder, massive Aufstände erheben sich im ständig brodelnden Griechenland, in Brüssel liefern sich Jugendliche alle paar Wochen Strassenkämpfe mit der Polizei,… mögen sie anstatt der Willkür eines Bürgerkriegs, einem revolutionären Ansturm auf die Welt, die uns erdrückt, entgegengehen.

Eine neue Realität

In den totalitären Warendemokratien des Westens noch von einer Klassengesellschaft zu sprechen, erscheint beinahe schon lächerlich. Der klassische Arbeiter wird zunehmends durch den Bürokraten und das Anwachsen des “Dienstleistungssektors“ verdrängt, und die klare Gegenüberstellung von Ausbeuter und Ausgebeutetem hat sich meist in tausend Wirrungen verflüchtigt. Jeder ist irgendwie Meister und Diener zugleich. Man wird weniger von einem Boss herumkommandiert, als von einem Sekretär verwaltet.

Während die Identität des “Arbeiters“ seit längerem, gemeinsam mit jener des “Konsumenten“, in der Figur des “Bürgers“ verschmolz, verliert hier auch die Arbeit immer mehr ihre starren Strukturen. Redefreiheit und die Art sich zu kleiden, eine Vielfalt von Jobs, aus denen man aussuchen kann, keinen grossen intellektuellen Anspruch, standardisierte Sicherheitsmassnahmen, Robotisierung grundlegender Prozesse, zunehmende Trennung zwischen den unterschiedlichen Arbeitsbereichen – all dies ist darauf ausgerichtet, ein Modell zu bilden, das sich deutlich von jenem der Vergangenheit unterscheidet.
Der Kapitalismus selbst hat seinen veralteten Apparat demontiert. Die Methoden, auf die der bewusste Arbeiter einst zurückgriff, um die Härte der Arbeit zu reduzieren und der brutalen und direkten Ausbeutung standzuhalten, hat das Kapital nun selbst zu normalen Prozessen gemacht. Es ist das Kapital, das jetzt das Aufbrechen der Arbeitseinheiten vorschlägt, wenn es dies nicht sogar aufzwingt. Mit reduzierten, flexiblen Arbeitsstunden, selbst definierten Projekten, Partizipation in der Entscheidungsfindung, Miteinbeziehung sozialer und ökologischer Aspekte, etc. verbreitet sich eine Verwirrung, die uns glauben machen will, dass die Interessen der Chefs auch die unsrigen sind. Wir sollen uns mit dem Unternehmen identifizieren, uns freuen, wenn das Geschäft gut läuft, und zusätzliche Anstrengungen liefern, falls es gerade schlechter geht.

Doch die genannten Bedingungen sind vor allem jene, der “privilegierteren“ Schichten, um in der verkehrten Sprache der Arbeitswelt zu sprechen. Für die Armen sieht die Realität etwas anders aus. Auch hier lösen sich die starren Strukturen… zugunsten einer möglichst flexiblen Ausbeutung. Prekarität, Temporärarbeit, ständiges Umherziehen und soziale Isolierung sind die Perspektiven für jene, die als Puffer für die ökonomischen Schwankungen zu dienen haben. Gleichzeitig gibt es all die Unerwünschten, all jene, für die diese Ordnung keine andere Rolle vorgesehen hat, als sich der bedingungslosen Versklavung hinzugeben, oder zu krepieren. Arme, Arbeitslose, Migranten, Illegale, Ausgestossene, Gefangene…

Nur durch das Verbinden der Kämpfe von jenen, auf denen das existentielle Elend dieser Ordnung am härtesten lastet, mit einer Kritik des sozialen und emotionalen Elends, das in der reinlich funktionierenden Arbeits- und Warenwelt herrscht, können wir zu revolutionären Kämpfen gelangen, die erneut die Gesamtheit der bestehenden Verhältnisse in Frage zu stellen vermögen.

Das sichtbare Scheitern jeglicher anti-kapitalistischen Reform der Arbeit, welche bloss dazu verhalf, der Ausbeutung angepasstere und somit standfestere Formen zu geben, und schliesslich dem Kapital die Grundlage verschuf, um die Arbeiter auf eine differenziertere Weise zu unterwerfen, macht deutlicher denn je, dass der Kampf gegen die Ausbeutung ein Kampf für die Zerstörung der Arbeit sein muss.
Wir haben gesehen wie jede fordernde Kritik bloss zu einer Verfeinerung der Herrschaft führte. Nun, da die grossen Massenbewegungen verschwunden sind, die in den seichten Programmen, die aus ihnen hervorkamen, soviel revolutionäres Potential ertränkten, wieso sollten wir uns davon aufhalten lassen, nach Teilzugeständnissen zu suchen?
Die Arbeiter, die während eines Generalstreiks ein Transparent mit der Aufschrift “Wir fordern nichts“ trugen, hatten verstanden, dass das Scheitern in der Forderung selbst liegt. Wenn wir den revolutionären Bruch mit dem Bestehenden anstreben, dann ist dies das Ende aller Zugeständnisse. Es bleibt der Revolte überlassen, sich allem zu entledigen.

Aller Komplexität der heutigen Ausbeutungsmechanismen zum trotz, hängt ihr Funktionieren noch immer von der Entscheidung eines jeden einzelnen ab, seine Tatkräftigkeit entweder in ihre Erhaltung oder in ihre Zerstörung zu stecken.

„Arbeitet nie!“

Dies ist der beste Ratschlag, um der Normalität zu entkommen. Alles weitere liegt an jedem selbst zu erkunden.
Unser Denken kann sich nur aus der bornierten Logik der Arbeit befreien, wenn wir den sozialen Zwängen Zeit und Raum entreissen, um mit anderen Ideen zu experimentieren. Dies ist unmittelbar mit einem Kampf verbunden. Doch jemand der sich von der Arbeit befreit, während er in der Warenlogik gefangen bleibt, wird entweder zum Kleptomanen oder Berufs-Bankräuber. Arbeit und Konsum sind zwei Phasen desselben Prozesses. Das Dilemma kann nur gelöst werden, indem man sein eigenes kreatives Projekt erfindet. Das geistige Elend der Kunst und ihres Milieues ist dabei unter allen Umständen zu vermeiden, vielmehr geht es um die Erschaffung jedes einzelnen Moments unseres Lebens. Anders ausgedrückt, es ist notwendig, darüber nachzudenken, was man mit seinem Leben tun will und wie man sich die notwendigen Mittel beschafft, um es zu realisieren – ohne zu arbeiten. Wenn wir die Arbeit zerstören wollen, dann müssen wir Wege des individuellen und kollektiven Experimentierens erforschen, und somit Ideen und Handlungen finden, die uns ermöglichen, den notwendigen Raum und die notwendige Zeit dafür zu erkämpfen.
Wir müssen lernen, während des Lebens und mit ihm zu spielen und die Regeln dieses Spiels selbst zu bestimmen.
Wir sind uns der Notwendigkeit von Abmachungen, um zusammenzuleben bewusst. Freiheit bedeutet nicht eine Abwesenheit von Regeln. Doch jene Regeln, die durch Kontrolle und Strafen aufgezwungen werden, sind Sklaverei. Und Arbeit war das, ist das und könnte niemals etwas anderes sein. Die einzigen Regeln, die diesen Namen verdienen, sind für uns jene, die frei und gegenseitig gemacht und festgelegt wurden, und nicht die, die einseitig von denjenigen auferlegt wurden, die die Macht, Gesetzte zu erlassen, und die Gewalt, um deren Respektierung durchzusetzen, besitzen.

Jenseits der Grenzen der herrschenden Moral und Gesetzlichkeit liegt eine Möglichkeit, die uns nicht gegeben wird, eine, die wir uns nehmen müssen: Ein Zusammenleben ohne Herrschaft und ohne Ausbeutung, in dem wir uns nicht durch erzwungene Taten am überleben halten, sondern uns durch freie Handlungen die Mittel beschaffen, um das Leben in all seinen Tiefen zu geniessen. Insofern wir heute bereits ein Leben wollen, das nicht auf Arbeit sondern auf unseren Leidenschaften beruht, wollen wir letztere zunächst der Erschaffung eines Aufstandes widmen, der sich jeglicher Form von Ausbeutung entledigt.

Wir können die Gewohnheit wählen, das Bestehende und seine Sicherheiten. Und an Sicherheiten, diesem sozialen Gift, kann man sterben. Vielleicht nicht an Hunger, dafür aber an Langeweile…
Oder wir wählen den Aufstand, das Unbekannte, das im Leben eines jeden hervorbricht, das Unbekannte von Stimmungen, in denen es sich zu verlieren gilt, von nie erforschten Gedanken, von stets unterdrückten Leidenschaften…

Es ist ein alter und einfacher Traum, doch er fordert die Umwälzung der gesamten Welt: Das freie Kreieren von uns selbst, und der Situation, die uns umgibt.

Auf dass dieser Traum erneut berstend durch die Tore der Geschichte einfällt.
 
 

 

Der 1. Mai und seine Geschichte

Obschon uns die Absurdität der heutigen Verdrehungen gelegentlich selbst den Magen verdreht, will dieser kurze Beitrag nicht versuchen, diesen Tag mit neuer Bedeutung zu füllen. Schon aufgrund seines Traditionscharakters kommt ihm vor allem eine repräsentative Rolle zu. Losgelöst von einem spezifischen sozialen Kampf, ist das 1. Mai Fest heute ein Tag, an dem sich das ganze linke Spektrum zu einem tristen Tanz von Bannern und Fahnen versammelt. Ein Jahrmarkt von Meinungen – von staatstreuen Programmen bis zu revolutionären Parolen. Es ist die deutliche Zurschaustellung des Warencharakters der Ideologien…
Als Termin im Kalender des linken Politikers oder militanten Aktivisten, ist es eine weitere Ablenkung davon, dass Subversion ebenso alltäglich sein muss, wie die Strukturen der Herrschaft überall sind.

Trotzdem halten wir es für angemessen, kurz auf den Ursprung dieses Tages, und auch auf die Bedeutung der damit verbundenen Kämpfe zurückzukommen:

Am 1. Mai 1886, nach einer Arbeiterversammlung auf dem Heymarket in Chicago, begann ein mehrtägiger Generalstreik, zu dem die nordamerikanische Arbeiterbewegung seit Anfang Jahr aufrief.
Der Tag wurde in Anlehnung an die Massendemonstration vom 1. Mai 1856 in Australien gewählt, die damals ebenfalls den Achtstundentag forderte.
Zu dieser Zeit verbrachte der durchschnittliche Arbeiter 12-14 Stunden in der Fabrik und konnte sich davon gerade ein Abendessen leisten.
Am 3. Mai führte der Streik zu massiven Konfrontationen zwischen Demonstranten und der Polizei, wobei sechs Arbeiter getötet und einige weitere verletzt wurden. In der darauf folgenden Nacht versammelten sich mehrere tausend Streikende zu einer Protestkundgebung, welche die Polizei wiederum zu stürmen versuchte. Die Lage eskalierte am nächsten Tag, als ein Unbekannter eine Bombe aus der Menge warf, die einen Polizisten sofort tötete und viele Umstehende verletzte. Sechs weitere Polizisten starben an den Folgen. Die Polizei eröffnete das Feuer und während der anschliessenden Unruhen, die als Haymarket Affair in die Geschichte eingingen, wurden mehr als 200 Arbeiter verletzt und schätzungsweise 20 getötet.
Acht Anarchisten, die die Kundgebung organisiert haben sollen, wurden festgenommen und der Verschwörung angeklagt. Vier von ihnen wurden hingerichtet, einer beging in seiner Zelle Suizid. Die drei noch lebenden wurden sechs Jahre später begnadigt.
Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen 1889 wurde in Gedenken an diese Ereignisse der 1. Mai als “Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen, an welchem in allen Ländern für die Einführung das Achtstundentags demostriert werden soll.

Das, was mittlerweile als Errungenschaft gefeiert wird, ist im Grunde nichts anderes, als eine Anpassung des Kapitals an neue Verhältnisse – wenn auch unter dem Druck einer Arbeiterbewegung. Anfangs des 20. Jahrhunderts musste die wachsende Automatisierung der Produktion zwar die Anhäufung von Kapital gewährleisten, sie führte jedoch auch zu immer grösserer Arbeitslosigkeit. In Anbetracht dessen, dass die grosse Weltwirtschaftskrise entstand, weil zu viel produziert, aber zu wenig konsumiert wurde, drängte sich auf, dass die Arbeitseinteilung geändert werden musste. Im selben Masse wie man die Arbeitsstunden zurückschraubte, dehnten sich die Stunden des Konsums aus. Im Grunde bestand der Tag also noch immer aus gleichviel toter Zeit. Doch somit konnte zugleich der hohen Arbeitslosigkeit, der Unausgeglichenheit zwischen Massenproduktion und -konsumtion, sowie der Wut der Arbeiter entgegengewirkt werden.
Für die Reduzierung der Arbeitszeit zu kämpfen, bedeutet, von einem revolutionären Standpunkt aus betrachtet, also nichts anderes, als dem Kapital beim Aufkommen von Widersprüchen zu einer Lösung zu verhelfen. So wie es im Grunde bei jeder Forderung der Fall ist.
Das heisst nicht, dass in diesen Arbeiterkämpfen keine essentiellen Erfahrungen mit Selbstorganisation, Sabotageakten oder Aufständen gemacht wurden. Dies waren jedoch stets Momente, die der Macht der Gewerkschaften entglitten. Ebensowenig soll das heissen, dass in Teilkämpfen nicht immer auch ein Potential besteht, zu einer revolutionären Infragestellung der Gesamtheit zu gelangen. Dies sind jedoch stets Momente, in denen es nicht darum geht zu fordern, sondern anzugreifen und sich zu nehmen…
 

 


 

Lebensminimum

Es kann nie oft genug gesagt werden: die Forderungen der Gewerkschaftsbewegung sind heute zum Scheitern verurteilt; weniger wegen der Spaltung und der Abhängigkeit dieser anerkannten Organismen, als wegen der Dürftigkeit ihrer Programme.
Den Arbeitern kann nicht oft genug gesagt werden, dass ihre unersetzbaren Existenzen auf dem Spiel stehen, Existenzen, in denen alles geschehen könnte; dass es ihre schönsten Jahre sind, die da verstreichen, ohne echte Freude, ohne dass sie auch nur einmal zu den Waffen gegriffen hätten.
Nicht um die Forderung, das „Existenzminimum“ zu garantieren oder zu erhöhen, geht es, sondern darum, dass aufgehört werden muss, die Massen auf dem Lebensminimum zu halten. […]
Das Regime […] weitet seine Gefängnisse immer weiter aus, in denen es weiter nichts zu gewinnen gibt, aber ausser Ketten auch nichts zu verlieren.
Das Leben ist jenseits davon zu gewinnen.
Nicht die Frage der Lohnerhöhung ist zu stellen, sondern die der Lebensbedingungen der Bevölkerung im Westen.
Wir müssen uns weigern, im Innern des Systems zu kämpfen, um Teilzugeständnisse zu erlangen, die unverzüglich vom Kapitalismus in Frage gestellt oder anderswo zurückgenommen werden. Es gilt, radikal die Frage des Überlebens oder der Zerstörung dieses Systems zu stellen.
Nicht über mögliche Einverständnisse ist zu diskutieren, sondern über unakzeptierbare Realitäten. […] Der soziale Kampf darf nicht bürokratisch, sondern muss leidenschaftlich sein. Um die desaströsen Ergebnisse der professionellen Gewerkschaftsbewegung zu beurteilen, braucht man lediglich die spontanen Streiks vom August 1953 zu analysieren; die Entschlossenheit der Basis, die Sabotage durch die streikbrecherischen Gewerkschaftsorganisationen; die Kapitulation der C.G.T., die den Generalstreik weder herbeizuführen noch zu benutzen verstand, als er sich siegreich ausbreitete. Stattdessen müssen wir uns einiger Tatsachen bewusst werden, die die Diskussion mit Leidenschaft beseelen könnten: der Tatsache beispielsweise, dass wir überall auf der Welt Freunde haben und dass wir uns in ihrem Kampf wiedererkennen. Aber auch die Tatsache, dass das Leben verstreicht und dass wir keine Kompensation erwarten, mit Ausnahme derer, die wir selber erfinden und aufbauen müssen.

Es ist alles nur eine Sache des Mutes.

Potlatch IV, 13. Juli 1954

 


 
 
Wie mit dem arbeiten aufhören in zehn Punkten

1. Es wollen. Alles was den Willen dazu stärken kann, ist in Erwägung zu ziehen. Jegliche gesundheitlichen Gefahren und insbesondere jene, für die Kreativität: Unterwürfigkeit, mangelnder Elan, Vergütung.


2. Alles unterbrechen. Halbe Massnahmen sind wirkungslos, bei der geringsten Lust nach Konsum wird der Arbeitende sein Quantum wieder erhören. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es einfacher ist, anstatt stufenweise aufzuhören, es ganz und auf einen Schlag zu tun.

3. Den Moment auswählen. Wenn möglich sofort. Die heutige Zeit, mit all dem austauschbaren Elend ihrer Lebensbedingungen, bietet sich besonders an. Entscheide dich in Folge einer Entlassung, wobei das unmittelbare Bedürfnis oft von selbst verschwindet, die Arbeit nicht wieder aufzunehmen.

4. Sich mit bevorzugten Personen umgeben. Es ist wirkungsvoll zusammen mit seinen Angehörigen, mit seinen Freunden oder mit seinen Arbeitskollegen aufzuhören, um einander psychologisch zu unterstützen. So kann häufig auch vermieden werden, in einer Stimmung von Angst zu leben (was spätestens während der Entgiftung zu vermeiden ist). Lass dein Umfeld wissen, dass es erleichtern kann, mit dem Arbeiten aufzuhören.

5. Die Versuchung beseitigen. Lass die Arbeit und ihr Zubehör (Auto, Fernseher, Wecker) aus deiner Umgebung verschwinden. Umgib dich nicht mit Uhren, weder auf dir selbst noch sonstwo. Begib dich nicht in Situationen, in denen du die Gewohnheit hast, die Leere der toten Zeit mit einer beliebigen Beschäftigung (schlechte Lektüre, Kino, Shopping) zu füllen.

6. Das Bewusstsein und das Unterbewusstsein beeinflussen, durch Bekräftigung der eigenen Entscheidung mit dem Arbeiten aufzuhören und positives Beharren auf dem erwünschten Gewinn. Zögere nicht mehrmals am Tag mit lauter Stimme zu wiederholen, „ich entschied mich, mit dem Arbeiten aufzuhören, und meine Gesundheit bessert sich Tag für Tag“, oder irgendeine andere positive Formel.

7. Tief durchatmen, um das Nervensystem zu entspannen und mit Sauerstoff zu versorgen. Tatsächlich verzehren die Nervenzellen eine vier mal höhere Anzahl Sauerstoff als die anderen Zellen des Körpers: Dies ist der Grund, wieso schlechte Luft besonders deprimiert. Mach drei bis vier tiefe Atemzüge, immer wenn du das Verlangen zu Atmen verspürst; langsam und die Lungen gut entleerend. Loszuziehen und die Luft zu wechseln ist herzlich zu empfehlen.

8. Jegliche Ausbesserungsangebote zurückweisen, um sich einzig der Gesamtheit zu widmen. Sprich durch die Zähne. Überbeanspruche den Enthusiasmus, vorallem während der ersten Tage; suche nach den aufregendsten Anreizen (brich mit allen sozialen Zügeln). Trinke genug zwischen den Mahlzeiten, um die Beseitigung der Düsterkeit zu fördern. Gib den gesünderen Aktivitäten vorrang: Denjenigen, an welchen du dich direkt beteiligst; den natürlichen, lebendigen Bedürfnissen und jenen, die reich an Genuss sind (Liebe); den vollkommenen Momenten, die reich an Befriedigung sind (Reisen, Feste). Die Siestas sind wichtig um die Nervosität zu vermeiden, die im Laufe der Entgiftung häufig ist. Dem kann man gewisse subversive Literatur hinzufügen, um während des Entgiftungsverlaufs dem sehr wichten Bedürfnis nach der Zerstörung des Systems entgegenzukommen. Reduziere den Stress, die Furcht und das Zögern…

9. Ausreichend Schlafen. Lege dich spät nieder, denn die Stunden nach Mitternacht sind jene, in denen alles möglich ist.

10. Die Zirkulation radikalerer Ideen und ihre Überwindung fördern, um gegen die Ungewissheiten zu kämpfen, die während des Abbrechens der Lohnarbeit häufig ist.
 
 
Und wer siegreich bleiben will, weiss das erste Stellenangebot zurückzuweisen
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