Überhaupt keine Demokratie

Überhaupt keine
Demokratie

Angesichts des erstickenden Gewichts der Staatlichkeit, die alle gesellschaftlichen Beziehungen gestaltet, existieren heute zweifellos keine direkt und horizontal ausgerichteten Denk- und Handlungsweisen unter Individuen, ebensowenig wie menschliche Beziehungen, die sich frei nennen können. Der mediatisierte Bezug der Menschen zueinander verläuft durch Kontrollinstitutionen, die das soziale Leben in den Käfig der Norm, der Verpflichtung und zu befolgender linearer Abläufe zwängen, in dem der Akt des Delegierens zur einzigen auszuführenden Funktion wurde, wenn man fortbestehen will.

Die Tatsache, sein Leben fortwährend per Mittelsperson oder per Prokura zu leben, verschafft der von der Demokratie erreichten unangefochtenen Herrschaft ein Ausmass, das die wirkliche Kontrolle des Staates über die Gesellschaft materialisiert. Im verlockenden Spektakel seiner austauschbaren und selbstauferlegten Rollen scheint es, als ob alle Ideologien in einer Art gegenseitiger Kollaboration nebeneinander existieren, wobei die Täuschung ihre Akteure/Zuschauer dazu einlädt, in einem miserablen obligaten Spiel all die Illusionen zu konsumieren, die das alltägliche Routineleben produziert.

Den „vernünftigen“ Gefährten, den Rationalisten und Materialisten, schien es also immer logischer, die Kritik am repräsentativen demokratischen System dadurch zu entwicklen, dass sie sich dem Konzept der Direkten Demokratie als wahre Garantie der Freiheit hingaben, da es ja ausserhalb vom Prinzip der Demokratie nur die brutalsten Diktaturen geben kann. Die Logik des Stück für Stück dringt in ihre Gedankenwindungen ein und gibt ihnen das Gefühl, den eigenen Bestrebungen endlich eine Ordnung gegeben zu haben. Unter dem Ansporn dieses ungezügelten Verlangens nach politischem Realismus, kamen so auch einige Anarchisten zur Schlussfolgerung, dass es notwendig sei, in der revolutionären Phase durch die Realisierung der direkten Demokratie zu gehen, um zur Anarchie zu gelangen, indem sie sich die Illusion machen, die proletarischen Massen würden unsere Bestrebungen besser verstehen, wenn wir nicht mehr des „Utopismus“ bezichtigt werden.

Doch sehen wir, wo deren Umsetzung hinführen würde:

Vorausgesetzt, die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel wäre realisiert und innerhalb der Vollversammlungen, der Gemeinschaften, usw. gelte das Prinzip der direkten Demokratie, so würden sich die Entscheidungen dennoch auf die reelle Macht einer Mehrheit stützen, die demzufolge einer üblicherweise widerspenstigen Minderheit die eigenen Entscheidungen auferlegen müsste. Die Durchsetzung davon würde dazu führen, ein Wachorgan ins Leben zu rufen, um zu kontrollieren und zu verhindern, dass sich dem irgendjemand aktiv entgegenstellt. Darüber hinaus müsste eine dieser „Mehrheit“ interne Minderheit die gute Umsetzung der Entscheidungen kontrollieren. Die Delegation würde also wiederhergestellt, auch wenn behauptet wird, jeder Delegierte sei in jedem Moment widerrufbar.

In Realität sind die Menschen leider nicht nur daran gewöhnt, aus den Händen zu geben, was sie direkt selbst machen könnten, darüber hinaus würde die Enthebung von der eigenen Verantwortung sie dazu verleiten, die Delegation beizubehalten und sie permanent werden zu lassen.

Mit der Zeit würden sich dann die Gemeinschaftsvollversammlungen ihrer Entscheidungsfunktionen entleeren, und es geschähe, was in Russland mit den Sowjets geschehen ist. Der Staat würde sich wieder herrichten und sich im besten Falle wieder der repräsentativen Demokratie zuwenden, nun aber rationeller und den Interessen jener Macht besser entsprechend, von der man sich befreit zu haben glaubte.

Es ist also gut erkenntlich, inwiefern die Direkte Demokratie ein Projekt gesellschaftlicher Organisation ist, das wieder in die alte Welt der Politik eintritt und die materiellen Grundlagen zur Wiedereinrichtung eines neuen Staates schafft.

Wenn also das institutionalisierte Denken der repräsentativen Demokratie dogmatisch und autoritär ist, so ist an eine direkte Demokratie zu denken nichtsdestoweniger autoritativ, das heisst, es erzeugt neue Formen sozialer Autorität.

Die Anarchie aber ist ein Gesellschaftsprojekt, das, indem es nach der wirklichen Abschaffung des Polizisten in all seinen Erscheinungsformen strebt, die Delegation ausschliesst und das Prinzip der Souveränität des Individuums verfechtet, jedes bereits erdachte Modell einer Gesellschaft aberkennt, um den Individuen, die sie zusammensetzen, eine denkende, selbstorganisierte und horizontale Gesellschaft zurückzugeben, in der ihre Beziehungen zum Anwachsen der Freiheit aller werden. Die Möglichkeit zum freien Experimentieren wäre der Vergleichsfaktor, an dem das Beste ermessen und entdeckt werden kann. Die generalisierte Selbstverwaltung wird die Menschen dazu bringen, von sich aus die eigene Individualität einer reichen und träumenden Gesellschaft zu öffnen. Der Egoismus wird mit dem einhergehen, was ihm am meisten Freude bereitet: der Solidarität. Die Menschen würden somit den Geschmack zurückfinden, sich das wiederanzueignen, was ihnen gehört: das Leben.

Die Anarchie bleibt also in der Logik des Alles und Jetzt und lässt keine Kompromisse zu, die ihren wahren Sinngehalt entstellen würden: Für viele Gefährten, die von demokratischem Juckreiz geplagt sind, wäre es gut, darüber nachzudenken.

Anarchismo e sovversione sociale,
ed. Centrolibri 1983

Deutsche Übersetzung publiziert in der 2. Ausgabe der anarchistischen Zeitschrift „Grenzenlos“.

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