„Der politische Kampf“ von Giuseppe Ciancabilla

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Giuseppe Ciancabilla

Der politische Kampf

Dieser Text erschien 1899 in der italienischsprachigen
anarchistischen Zeitung L‘Aurora. Er steht im Kontext von
zwei weiteren Artikeln von Ciancabilla mit dem Titel
„der ökonomische Kampf“ und „der individuelle Kampf“. 


I

Es scheint uns unnütz, zu erklären – da alle es bereits wissen –, dass wir unter dem Namen des politischen Kampfes denjenigen verstehen, den wir gegen die Regierung kämpfen.
Es scheint uns viel nützlicher, zu definieren und zu präzisieren, was die Regierung ist, welche Interessen sie vertritt, und folglich, mit welchen Waffen wir sie heute bekämpfen sollten, und vor allem, wie wir verhindern sollten, dass sie nicht morgen, nachdem wir sie besiegten, unter einer neuen, wenn auch abgeschwächten Form von Unterdrückung wieder auftaucht.
Viele sozialistische Schulen, darunter speziell die legalitäre Schule, definieren die Regierung als den direkten Auswuchs der ökonomischen Macht, als die ausschliessliche Vertretung der ökonomischen Interessen der Bourgeoisie, der Besitzerin und Ausbeuterin des individuellen Eigentums; ja sie bezeichnen die Regierung sogar, mit einer häufig benutzten Phrase, als das Dach des ökonomischen Gerüsts der kapitalistischen Gesellschaft.
In Anbetracht dieser Auffassung des Regierungswesens erweist es sich als offensichtlich, dass der einzige radikal revolutionäre Akt, der zum Aufkommen ihrer idealen Gesellschaft führen wird, für diese sozialistischen Schulen darin besteht, das individuelle Eigentum abzuschaffen und die Produktions- und Tauschmittel zu vergemeinschaften. Da sie die Regierung als die ausschliessliche Vertretung der bourgeoisen Interessen betrachten, folgern sie daraus logisch, dass die Regierung und für einige auch der Staat, wenn die Borgeoisie einmal beseitigt ist, von selbst aufhören würden, zu existieren.
Wir sagten, dass nur von einigen und nicht von allen angenommen wird, dass der Staat aufhören wird, zu existieren, denn heute, da die sozialistisch-demokratische oder legalistische Doktrin mit ihren versöhnlerischen Anpassungen gegenüber dem aktuellen System der Dinge immer mehr ihren ursprünglichen sozialistischen Charakter verliert, haben tatsächlich viele unter den aufrichtigsten Legalisten keine Probleme damit, die künftige Existenz eines neuen Staates gutzuheissen, welcher der proletarische Staat sein wird. Die Diskussion läuft auf die künftige Existenz einer Regierung hinaus, die wir für erforderlich erachten, wenn man die Existenz eines Staates gutheisst, wie proletarisch dieser auch sein mag, und wenn man die Eroberung der politischen Macht anstrebt, wie sehr man auch behaupten mag, dass diese in den Händen der Sozialisten als Werkzeug zur Emanzipierung der Arbeiterklasse dienen soll.
Wir, als Anarchisten, und vor allem als Libertäre, haben eine andere Auffassung der Regierung.
Wir erkennen durchaus an, dass die Regierung im aktuellen kapitalistischen Regime die Interessen der bourgeoisen Klasse vertritt und auch verkörpert, und dass sie die effektivste Verteidigung der Bourgeoisie und des Kapitalismus ist. Aber dies glauben wir nicht, weil die Regierung, in sich selbst als absolute Einrichtung verstanden, der Auswuchs dieser Interessen ist, sondern weil die Regierung selbst, gegenüber dem ökonomischen System des individuellen Eigentums und der Existenz von zwei Klassen, die eine von Ausgebeuteten, die andere von Ausbeutern, Interesse daran hat, die Angelegenheiten des Kapitalismus und der Bourgeoisie zu vertreten, um mit ihrem zugrundeliegenden Prinzip, welches das Autoritätsprinzip ist, kohärent zu sein.
Lasst uns das deutlicher und ausführlicher erklären.

Für uns ist die Regierung nicht die Konsequenz aus dem Prinzip des individuellen Eigentums und aus der ökonomischen Ausbeutung des Menschens durch den Menschen, sondern der direkte Auswuchs des Autoritätsprinzips, welches völlig unabhängig vom Prinzip des Privateigentums ist und schon vor ihm existierte.
Wenn wir auf die Entstehungsgeschichte des Autoritätsprinzips, und darauf, wie sich dieses in der Welt entwickelte und durch welche Phasen es ging, bevor es sich in der aktuellen politischen Form von Regierung und Staat verkörperte, genauer eingehen müssten, dann müssten wir in die tiefsten Stufen der Geschichte, nicht nur des Menschens, sondern aller lebendigen Wesen hinabsteigen.
Das Autoritätsprinzip, das wir auch unter den Tieren bestehen sehen, bloss dass diese nicht in kapitalistischen Systemen und auf Basis von individuellem Eigentum leben, ist, so könnte man sagen, der Natur des wilden Wesens inhärent. Es ist das Gesetz des Stärkeren, das sich dem Schwächeren auf brutale Weise aufzwingt.
Am Anfang war der grundlegende Kampf ums Leben und um die eigene physische Entwicklung. Wenn die primitiven Bedingungen der wilden und nicht kultivierten Natur den Lebewesen die Beschaffung der elementarsten Lebensmittel erschwerten, setzten sich die organisch stärkeren Tiere und Spezies gegen die Schwächeren durch, um ihnen, zum eigenen alleinigen Vorteil, den Genuss dieser begrenzten Mittel zu entreissen.
Ebenso geschieht es bei der Spezies Mensch. Im Grunde sehen wir, soweit man auch zurück in die entlegensten Epochen der Menschheit steigen will, von denen sich entweder in Form von Legenden, oder von Traditionen, oder von archeologischen Ausgrabungen Erinnerungen zusammenfügen, dass die Frau, die physisch schwächer ist als der Mann, schon immer bei allen Völkern vom Mann unterworfen und von ihm abhängig war. Sie musste ihm in seinem Umherziehen folgen, oder musste eine den Bräuchen des Stammes und der Familienhöle unterworfene Sklavin bleiben, musste sich um die Beaufsichtigung der Kinder kümmern, um die sich der Mann mit bequemer Verachtung nicht kümmerte, musste schliesslich – wie es im Allgemeinen leider auch heute noch der Fall ist! – die Sache, vielmehr als die Gefährtin des Mannes sein. Auf den schwachen weiblichen Schultern sehen wir, wie sich die schwerste Last der menschlichen Schmerzen, Demütigungen und Leiden immer und unaufhörlich entlädt.
So dominierte der stärkere Mensch über den schwächeren. Am Anfang waren die individuellen Kämpfe und die individuellen Behauptungen des Rechtes des Stärkeren, des Autoritätsprinzips; der Schwächere musste dienen, musste die mühsameren Arbeiten zu Gunsten der Stärkeren erledigen. Später, mit der Verdichtung der Bevölkerungen, wird der Kampf von individuell zu kollektiv: es auferlegt sich die Familie der Familie, der Stamm dem Stamm. Und so, nach und nach, gelangen wir bis zur heutigen Form von Autorität und Unterdrückung, die vom Staat repräsentiert, von der Regierung zusammengehalten, vom Gesetz kodifiziert und respektiert, und von der Armee und den anderen militärischen Institutionen verteidigt wird.
Das Autoritätsprinzip, hergeleitet aus der Entwicklung und dem Wandel der Organismen auf dem wilden Planeten, geht also dem Prinzip des Privateigentums, der Verteidigung der individuellen Aneignung und Ausbeutung voraus.
Die Regierung ist also der Auswuchs, die direkteste Synthese dieses Autoritätsprinzips, das sich in unterschiedlichen Formen von der entlegendsten Nacht der Jahrhunderte bis heute überliefert hat; sie ist die Heiligsprechung, scheinbar zivilisiert, aber in Wirklichkeit nicht weniger barbarisch als in den wilderen Epochen, des brutalen Rechts des Stärkeren. Und weil das Recht des Stärkeren heute in dem individuellen Eigentum, in der Usurpation durch wenige der Lebensmittel für alle, in der parasitären Ausbeutung einer Minderheit von Privilegierten gegenüber der überwiegenden Mehrheit der Individuen liegt, weil sich schliesslich das Recht des Stärkeren heute auf die Struktur einer kapitalistischen Gesellschaft stützt, die die ökonomische Macht in ihren Händen hält, während sie nach ihrem Gefallen und zu ihren Gunsten über sie verfügt, aufgrund all dessen, macht sich die Regierung in der kapitalistischen Gesellschaft zur ausschliesslichen Vertretung der kapitalistischen Interessen, während sie die meisten zu Gunsten der wenigen unterdrückt.
 Es ist also nicht so, dass die Regierung die Konsequenz der aktuellen Gesellschaft und ihrer ungleichen ökonomischen Ordnung ist, und dass folglich, wie einige Sozialisten behaupten, wenn diese Ordnung einmal zerstört wäre, die Regierung und der Staat keinen Grund mehr zu existieren hätten, weil sie keine Interessen mehr zu vertreten hätten.
Die Regierung, oder besser gesagt, das Autoritätsprinzip, kann in seinem Wesen bestens intakt bleiben, auch in einer Gesellschaft, die die Produktions- und Tauschmittel vergemeinschaftet hätte, auch in einer sozialistischen Gesellschaft. Form, Name, Aussehen werden sich verändern, aber die Substanz wird dieselbe bleiben.
Wir müssen also die Kräfte jener zusammenbringen, die wirklich die Emanzipation und das Glück des Menschen wollen, im politischen Kampf gegen die Regierung, nicht nur, um das absurde und bösartige Prinzip des individuellen Eigentums zu bekämpfen, sondern auch und vor allem, um das Autoritätsprinzip zu zerstören, welches das hauptsächliche Hindernis für das Aufkommen der Freiheit ist, ohne welche kein Glück möglich sein wird.
Wir müssen die Gesellschaft also nicht nur ökonomisch, sondern auch – und hauptsächlich – geistig verändern.
Wie dies möglich ist, und auf welche Weise, sehen wir gleich.


II

Um zur Darlegung der Mittel überzugehen, die sich eignen, um das Autoritätsprinzip zu zerstören und dessen Wiedereinrichtung zu verhindern, bedarf es insbesondere einer Untersuchung seines Wesens und seiner Entstehungsgeschichte, da es einfacher sein wird, sie zu bekämpfen.
Was ist Autorität? Sie ist ein direkter oder indirekter Einfluss, den ein oder mehrere Menschen über den Willen anderer Menschen ausüben.
Jede von einem oder mehreren Individuen beeinflusste Bestimmung über ein oder mehrere andere Individuen ist Autorität, denn sie entzieht denjenigen, die freiwillig oder unfreiwillig, direkt oder indirekt, einem solchen Einfluss unterzogen werden, einen mehr oder weniger begrenzten Teil ihrer eigenen Individualität. Wann immer durch Gewalt oder durch Suggestion, durch Respekt oder durch Ehrfurcht, durch Leidenschaft oder durch Auferlegung, einem Individuum ein beliebiger Teil seines Willens entrissen wird, wird ein Autoritätsakt vollzogen.
Es ist also klar, dass eines der best geeignetsten Mittel, um die Autorität zu bekämpfen und Individuen herauszubilden, die fähig sind, ihr zu widerstehen, darin besteht, die Empfindung der eigenen Individualität in allen Wesen so stark wie möglich zu entwickeln. Darauf werden wir aber später näher eingehen. Die Autorität, die sich – wie wir sahen – von einer Überlegenheit in physischer Stärke herleitet, nimmt schliesslich mit dem Wandel der Gesellschaft unterschiedliche Formen an. Wann immer mehrere Individuen erkennen, dass sie gemeinsame Interessen zu verteidigen, oder besser gesagt, gemeinsame Privilegien aufrechtzuerhalten haben, werden sie sich vereinigen, um mit vereinigter Stärke dafür zu sorgen, dass die anderen das akzeptieren, was ihnen besser passt. Ausgehend davon entwickelte sich die embryonale Form der egoistischen und kleinen Familie, des Dorfes, des Patriarchats, des Stammes, des Feudalwesens bis hin zu den am furchtbarsten zentralisierten und autoritären Formen des heutigen Staates und der heutigen Regierung mit all ihrem Zubehör.
Es ist also klar, dass es zur Bekämpfung dieses Regimes, das mit physischer Gewalt, das heisst, mit dem über der ganzen Gesellschaft lastenden direkten Zwang einer materiellen Autorität erbaut, gestützt und erhalten wird, um nichts anderes gehen kann, als ihr eine andere materielle Gewalt entgegenzustellen, die sich auflehnt und gegen die Unterdrückung rebelliert.
Es ist also klar, dass der einzig mögliche politische Kampf gegen die konstituierte Regierung der sowohl individuelle wie kollektive revolutionäre Kampf ist. Und innerhalb dieser ausschliesslich revolutionären Auffassung des politischen Kampfes stehen wir vielen entgegen, die zwar die Notwendigkeit einer ökonomischen Veränderung der Gesellschaft und der Abschaffung des individuellen Eigentums verstehen, oder zumindest verfechten, es aber für möglich halten, diese mittels einer friedlichen politischen Evolution innerhalb des legalen Rahmens des Staates umzusetzen, während sie sich jener selben Funktionen bedienen, die heute dazu dienen, zu unterdrücken, um stattdessen die Emanzipation zu erlangen. Dies sind die parlamentarischen oder demokratischen Sozialisten.
Wie widersprüchlich und unlogisch – und folglich, wie unfruchtbar und wirkungslos – der Kampf ist, den sie fördern wollen, stellt man auf Anhieb fest, wenn man nur betrachtet, wie absolut lächerlich es ist, der Regierung, welche die Interessen der Bourgeoisie ausführt, zuzumuten, dass sie angesichts der platonischen Bekräftigungen des Volkes freiwillig die Waffen niederlässt, obwohl sie doch alle möglichen materiellen Mittel zum Widerstand und zur Gegenwehr zu ihrer Verfügung hat: Polizei, Gerichte, Gefängnisse, Gewehre, Kanonen und Soldaten. Es wäre dasselbe, wie anzunehmen, dass sich die Regierung und die bürgerliche Klasse auf einmal zu barmherzigen Zugeständnissen gegenüber der von ihr ausgebeuteten Klasse bekehren würde, was ihrem Selbstmord gleichkäme.
Aber der legale Kampf, sagen einige von jenen, die sich gelegentlich als Revolutionäre aufspielen, ist nur vorübergehend: bei passender Gelegenheit, wenn wir dazu gezwungen sein werden, werden wir zu den anderen Waffen greifen. Absurd, auch dies ist nicht weniger irreführend, wenn nicht geradewegs böswillig. Denn, wenn ihr die Unausweichlichkeit des gewaltsamen Konfliktes erkennt, wieso dann dem Volk weiterhin falsche Hoffnungen machen und seine rebellischen Energien dämpfen und vergeuden, indem ihnen weisgemacht wird, ihre Emanzipation sei mit friedlichen und legalen Mitteln möglich? Wieso die Leichtgläubigen täuschen, wenn ihr davon überzeugt seid, dass es keinen anderen Ausweg gibt, als den revolutionären Konflikt, und dass es sich nur für diesen, und ab heute, und mit allen Mitteln vorzubereiten gilt, ohne mit falschen Politikantenmanövern Zeit zu verlieren?
Auf diese drängenden Fragen gibt es eine Antwort: und die ist, dass die sogenannte legalitäre, parlamentarische oder demokratische sozialistische Partei keine sozialistische Partei mehr ist; denn ansonsten würde sie logischerweise verstehen, dass man, um das individuelle Eigentum abzuschaffen, nur über die Revolution gehen kann. Die heutigen sozialistisch-demokratischen Parteien sind nichts anderes mehr als bastardhafte Ableitungen des antiken und weit entfernten zugrundeliegenden Konzeptes des Sozialismus, mit Sozialismus haben sie aber nichts mehr zu tun.
Sie sind nichts anderes, als reformistische Parteien, die im legalen Rahmen des Staates manövrieren, über dessen Mechanismen sie sich bemächtigen wollen, nicht, um sie abzuschaffen, sondern, um sich ihrer zu ihrem Vorteil zu bedienen und um eine neue Form von Staat und Regierung zu konstituieren. Sie mögen durchaus mehr oder weniger gute Absichten haben; aber, was mittlerweile eine unbestrittene Tatsache ist, ist ihre unausweichliche und rasche Entwicklung hin zur reinsten Verbürgerlichung.
In Frankreich an die Macht gelangt, um dort die republikanischen Regierungsinstitutionen und -methoden zu verteidigen, in Italien auf der ermüdenden Suche nach einer egal ob radikalen oder monarchischen Demokratie, wenn diese ihr nur erlauben würde, Wahlpropaganda zu machen und der Regierung beizutreten, in Deutschland gespalten in Reformisten und Possibilisten, die einen unlogischer als die anderen, aber sogar soweit zugerichtet, dass sie die Notwendigkeit der Rüstung für den heutigen Staat verfechten, wovon sie die verbissensten und unbeugsamsten Feinde sein müssten.
Für diejenigen, die ehrlich beabsichtigen, das Aufkommen des Sozialismus und der Anarchie, das heisst, die Abschaffung des individuellen Eigentums und der Regierung zu wollen, ist also nur ein einziger Kampf möglich; und dies ist der strikt, unnachgiebig und unversöhnlich auf revolutionärer Ebene gehaltene Kampf. Ein revolutionärer Kampf, geteilt in die zweifache Ausführung von konstanter, eifriger und hartnäckiger Vorbereitung, geistiger und materieller Vorbereitung, Vorbereitung der Gemüter und der Arme, und gleichzeitig von unmittelbaren, entschlossenen und wagemutigen Aktionen, die das Volk dazu antreiben, sich aufzulehnen.
Der revolutionäre Kampf gegen das konstituierte Regime darf sich nicht, wenn auch nur vorübergehend, für Zugeständnisse von Akzeptierungen verweichlichen lassen, die die Anerkennung des gegenwärtigen Staates implizieren; der revolutionäre Kampf darf keine Kompromisse, Anpassungen und Transaktionen annehmen, sondern muss streng, in seiner Gesamtheit vollzogen werden.
Gegen das Hindernis der Regierung, die über rohe Stärke, Präpotenz und all die praktischsten Gewaltmechanismen verfügt, ist kein anderer Kampf möglich, als ihr, für revolutionäre Ziele, die Stärke des Volkes gegenüberzustellen, wenn diesem verständlich gemacht wurde, dass die Stärke der Regierung im Grunde eine negative Stärke ist, da sie die Hilfe des Volkes und die Stärke selbst des Volkes benötigt, um dann gegen es selbst zu funktionieren.


III

Doch der revolutionäre Kampf gegen das bereits konstituierte Autoritätssystem genügt nicht. Wir müssen ebenfalls dafür sorgen, dass morgen, nachdem das System von Eigentum und Autorität zerstört ist, das uns heute unterdrückt, nicht wieder eine andere Form von Autorität aufkommt, wie verhüllt diese auch erscheinen mag: eine beliebige Form von Zentralisierung, von Verwaltung, von autoritärer Delegation, die später Gefahr laufen kann, sich in ein neues, aber immer identisches Machtinstrument zu verwandeln.
Sicher, für die autoritären Sozialisten, oder für jene Sozialisten von anderen Schulen, die die ganze Frage der menschlichen Emanzipation auf die Lösung der ökonomischen Frage, das heisst, auf die Abschaffung des individuellen Eigentums und auf die Umwandlung des kapitalistischen Regimes in eine kollektivistische oder kommunistische Gesellschaft reduzieren, existiert diese Besorgnis um das Morgen nicht.
Für sie ist der Kampf nur unilateral: das Eigentum abschaffen, die Mägen zufriedenstellen, und… denn Rest sehen wir dann. Weil es unter den Anhängern dieses universellen Kampfes, auch wenn sie es nicht eingestehen oder sich dessen nicht bewusst sind, auch einige Anarchisten gibt, ist es wichtig, uns richtig zu verstehen und dies ausgiebig zu erklären.
Ist die soziale Frage eine Frage des Magens oder eine Frage des Geistes? Für uns gibt es keinen Zweifel darüber, dass sie die Frage beider Terme ist, die eben das Binom Sozialismus-Anarchie bilden: Sozialismus, Abwesenheit von individuellem Eigentum und folglich Beseitigung der ökonomischen Sklaverei; Anarchie, Abwesenheit von Regierung und Autorität und folglich Beseitigung der politischen Sklaverei.
Wenn wir aber unser Denken präzisieren müssten, würden wir hinzufügen, dass der überwiegende der beiden Terme für uns die Frage des Geistes ist.
Die Lösung der sozialen Frage darf nicht nur die Lösung des Problems implizieren, die physischen Bedürfnisse der Menschen befriedigen zu können, darf sich nicht nur auf die Besorgnis reduzieren, die Bedürfnisse des Magens und des Bauches zufriedenzustellen, sondern muss auf die grösst mögliche Erlangung des Wohlstands, des individuellen und kollektiven Glücks abzielen. Nun, dieser Wohlstand und dieses Glück werden nur erreicht, oder besser gesagt, werden um so mehr erlangt, je mehr Freiheit das Individuum in der Gesellschaft geniessen kann. Darum müssen alle Kräfte des menschlichen Wesens konstant darauf ausgerichtet sein, sich von allen Fesseln, von allen Unterwerfungen, von allen Zwängen, von allen Hindernissen jeder Art zu emanzipieren, die sein freies Agieren in der Gesellschaft hemmen können. Das wirkliche Glück für die menschlichen Wesen wird einzig in der Freiheit liegen.
Was nützt es, wenn sich morgen ein Staat oder eine autoritäre Verwaltung um ein gutes Mahl, um eine gute Wohnung und um gute Bekleidung kümmern werden, wenn sie uns, unter dem Vorwand, die Produktion steuern und die sozialen Beziehungen regulieren zu wollen, eine neue Form von autoritärer Unterdrückung auflasten, die uns zu Gunsten einiger neuer Parasiten daran hindern wird, das zu tun, was uns besser erscheint?
Sicher, es kann keine Freiheit geben, solange das Individuum nicht ökonomisch emanzipiert ist. Einverstanden: aber niemand kann verneinen, dass es auch ein Regime von autoritärem Kommunismus oder Kollektivismus geben kann, das, auch wenn es uns die volle Zufriedenstellung unserer physischen oder animalischen Bedürfnisse verschafft, die freie Entfaltung, die freie und völlige Zufriedenstellung unserer geistigen Bedürfnisse einschränken oder verhindern wird.
Wir also, die nicht nur Sozialisten, sondern vor allem Anarchisten sind, sollten eben die Erlangung des grösst möglichen Regimes der Freiheit anstreben, welches mit den sozialen Verhältnissen vereinbar ist, die vom Verlangen des Individuums bestimmt werden, frei und glücklich für sich zu sein und gleichzeitig die Freiheit und das Glück für die anderen zu wollen. Und dies nicht aus einem sogenannten altruistischen Gefühl des bequemen Humanitarismus, sondern aus der egoistischen logischen Überzeugung, dass es die eigene Freiheit und den eigenen Wohlstand ohne die Freiheit und den Wohlstand der anderen nicht geben kann.
Und um in einem sozialistischen Regime die grösst mögliche Freiheit zu erlangen, ist es unerlässlich, dass die Individuen, die in solchen Regimes leben werden, heute bereits heftig und drängend den Anreiz, den Ansporn, den entschlossenen Willen verspüren, frei zu sein und gegen jeden Versuch eines Übergriffs auf die eigene Freiheit zu reagieren.
Und weil dieses Bedürfnis nach Freiheit etwas ist, das entwickelt wird, braucht es heute bereits die Entwicklung einer libertären Bildung, die das Individuum daran gewöhnt, immer stärker das Bedürfnis zu verspüren, die eigene Individualität zu entwickeln und heute bereits allen unheilvollen autoritären Tendenzen zu widerstehen, die die fruchtbaren Freiheitskeime töten, die als einzige das Aufkommen einer anarchistischen Gesellschaft zu ermöglichen vermögen.
Leider aber wird auch unter eben den Anarchisten der politische Kampf gegen die Regierung und die Autorität, und für die Verwirklichung der Anarchie, von einigen mit Grundsätzen geführt, die wir für das gute Gelingen unserer Sache für absolut schädlich halten.
IV

Diese Grundsätze sind vor allem jene sogenannten Organisationsgrundsätze, die gebraucht werden, um die anarchistischen Kräfte in komplizierten und besonders zentralisierenden Organismen einzureihen, die wir für mehr als schädlich für die freie Entwicklung des Individuums halten, und die zum zwangsläufigen Ergebnis die Erstickung der individuellen Initiativen und seiner Freiheit haben.
Und hier wird es notwendig, auf eine, sagen wir, vorurteilsbehaftete Frage einzugehen. Einige Anarchisten, die das oben gesagte nicht so sehen wie wir, finden es oft bequem, uns für etwas hinzustellen, was wir nicht sind; und so geschieht es oft, dass sie gegen Ideenwindmühlen anrennen, die wir nie erdachten, und dadurch bei den Leichtgläubigen imponieren.
So haben uns die Parteiorganisatoren, oder mit präzisieren Worten, die Föderalisten der Anarchie oft als Leute hingestellt, die das Chaos, die Zersplittung, die Isolierung wollen, als Leute, die sich weder ein harmonisches Ideal einer zukünftigen Gesellschaft, noch eine gegenwärtige Basis von Zusammenschlüssen unter Individuen vorstellen können, die für dasselbe Ziel kämpfen, und die sich – gelegentlich – in der vorübergehenden Wahl von identischen Kampfmitteln zusamenfinden können.
So werden wir, im Glauben, uns an den Pranger zu stellen, als systematische Gegner des Organisationsprinzipes hingestellt. Aber, mit Verlaub, von welcher Organisation sprecht ihr denn? Auch die heutige Gesellschaft ist eine organisierte Gesellschaft, und wie! Und dennoch sind wir alle ihre Feinde. 
Darum lasst uns einander einmal richtig verstehen, nur um alle Missverständnisse zu beseitigen. Wir sind gegen das Organisationsprinzip innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft, denn in ihr kann sich jede Organisation – auch wenn sie sich anarchistisch nennt – nur als autoritär erweisen. Innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft werden wir der eisernen Organisation des Systems unterzogen, das uns erstickt: unser Kampf muss also konstant gegen das Prinzip selbst der Organisation, so wie sie sich heute realisieren kann, gerichtet sein, und wir, die Anarchisten, dürfen nicht jene sein, die neue Vorrichtungen kreieren müssen, die das Individuum, welches die Möglichkeit einer Gesellschaft von freien Wesen zu erahnen beginnt, an Hindernisse und Fesseln binden, die seine Individualität beeinträchtigen.
Wir stellen uns aber durchaus ein harmonisch organisiertes Gesellschaftsideal vor, wenn, nachdem das individuelle Eigentum einmal abgeschafft und jedes Prinzip und jede Art von Autorität zerstört wurde, und unter den Individuen keine Gründe für Interessenskonflikte mehr bestehen, die Einheiten von sich aus im organischen Ganzen ihren natürlichen Platz finden werden und die Gesellschaft organisch in einer prächtigen Harmonie von zusammenlaufenden, nicht mehr im Konflikt zueinander stehenden Kräften funktionieren wird.
Aber wie kann man sich vorstellen, heute, in einer derart schlimm organisierten Gesellschaft, die Kerne von neuen Organismen kreieren zu wollen, die, da sie nicht frei sein können und sich selbst innerhalb von anderen, noch schlimmeren, grösseren Organismen bewegen müssen, zwangsläufig von dem Übel beeinflusst werden, welches das ganze System verseucht, und sich vor allem mit dem übermässigsten Autoritarismus beschmutzen müssen? Oder bildet ihr euch ein, dass eine Organisation, aus dem blossen Grund, sich anarchistisch zu nennen, ein Gebilde von Perfektionen ist?
Lasst uns diese Organisationen etwas genauer betrachten, in deren Bildung sich für so viele unserer Kameraden die ganze Kraft ihres Kampfes gegen die Regierung konzentriert.
Diese Organisationen, sagt man, seien spontan. Aber wenn die Organisation heute ein derart spontanes Prinzip ist, dass selbst die Anarchisten – ja sogar die wahren und einzigen Anarchisten, wie einige sagen – nicht ohne sie auskommen können, sondern sich zwingend und notwendig organisieren müssen, wieso geschieht es dann nie und ist es nie geschehen, dass sich eine anarchistische Organisation spontan bildete, infolge des freien Spiels der natürlichen Tendenzen im Kampf, und erforderte sie stattdessen immer, immer, das Werk eines energischen Organisators, der die künftige Organisation auf seine Weise zu gestalten begann?
Die Organisation der anarchistischen Kräfte ist eben ein antilibertäres Prinzip, das in seiner forcierten Anwendung entweder die grosse Masse der anarchistischen… Nichtigkeit einverleibt und unter dem Einfluss der angesehensten Personen die halbe Energie zerbricht, oder jene vergrault, die weder die bürgerliche Disziplin, noch die anarchistische Disziplin gut leiden können.
Es heisst: die Organisation bildet sich spontan, indem sie, stets spontan, ein einheitliches Programm von Kampfgrundsätzen annimmt. Das Programm ist aber derart spontan, dass es damit beginnt, von einer Guppe, wenn nicht gar von einem Individuum diktiert zu werden. Insofern ist das Programm für die zukünftigen Organisierbaren bereits eine vollendete Tatsache, und die Organisation bildet sich – wohlverstanden – nicht, um über die Zusammenstellung eines gemeinsamen Programmes übereinzukommen, sondern, um ein bereits erstelltes und bereits verkündetes Programm zu akzeptieren.
Wie man sehen kann, ist der Grundsatz ein komplett anderer und verschiebt er die Frage völlig, da wir im Bewusstsein über die allgemeine Mentalität der Individuen wissen, dass diese unterschiedliche geistige Veranlagungen haben, wenn es darum geht, eine bereits vollendete Sache entweder abzusegnen, zu akzeptieren oder durchgehen zu lassen, oder aber ihren wenn auch geringen Beitrag an eigener Individualität zu einem gemeinsamen Werk beizutragen.
Wenn wir uns mit der Frage der sogenannten spontanen Bildung der Organisation und der ebenso spontanen Zusammenstellung ihres Programmes aufhalten, ist das, weil man uns die Tatsache der von gewissen Anarchisten gebildeten Organisation als eine natürliche Erscheinung verkaufen will, die sich – stets spontan – ausgehend von der Gesamtheit der gemeinsamen Kampfgrundsätze, die sich die Anarchisten vornehmen, zusammenstellen soll, sodass man schliesslich weismachen will, dass man kein Anarchist sei, wenn man dem Prinzip der (anarchistischen) Organisation nicht zustimmt.
Wir aber behaupten, dass die sogenannten anarchistischen Organisationen hingegen und eben gerade eine Einzwängung der freien Kampftendenzen der Anarchisten sind, eine Einzwängung, die selbstverständlich über jene Individuen Griff bekommt, die weniger resistent und weniger fähig sind, sich frei zu fühlen; und diese Organisationen sind keineswegs spontan, sondern sind immer Ausstrahlungen des persönlichen Einflusses eines stärkeren, befähigteren, resistenteren, wenn nicht des listigsten Individuums, welches diese Organismen auf seine Weise gestaltet und aus ihnen, vielleicht ohne es zu wollen, ausschliesslich seine Sache macht.
Doch die anschliessende Frage des Programms wird von einer präjudiziellen Überlegung gelöst, die dem Stier den Kopf abschlägt. Und sie ist, so scheint es uns, eine besonders anarchistische Überlegung.


V

Obwohl es unsere organisatorischen Kameraden gelegentlich bequem finden, zu behaupten, dass jedes Ideal, jeder Zweck, jedes Ziel, das erreicht werden will, an sich schon ein Programm sei (eine sehr diskutable Behauptung, bei der wir aber nicht verweilen wollen), ist es offensichtlich, dass wir, wenn wir von Programm sprechen, in diesem spezifischen Fall das taktische Programm meinen, das sich die anarchistischen Organisationen mit einem bestimmten Schema, mit Artikeln, Massnahmen, etc. festlegen.
Ist es denn möglich, dass sich die Anarchisten verpflichten – und es handelt sich um wahre Verpflichtung, in einigen uns bekannten Fällen sogar unterzeichnet mit sehr vielen Unterschriften –, sich wenn auch freiwillig verpflichten, einer im Voraus festgelegen Verhaltenslinie zu folgen? Wenn wir die freie Initiative des Individuums sicherstellen und schützen und auch entwickeln wollen, wie sich die Organisationen damit brüsten, zu welchem Zweck dann für alle eine einheitliche und permanente taktische Linie festlegen? Lasst doch jeden sich so verhalten, wie er will; lasst das Individuum wirklich frei und lasst es Herr darüber, sich in all den unterschiedlichen Umständen, die sich im individuellen und kollektiven Kampf gegen das System ergeben, zu entscheiden, welche Kampfmittel ihm am besten entsprechen, frei, sich mit jenen zu vereinigen, die innerhalb dieser gegebenen Umstände gleiche Mittel benutzen und mit ihm einverstanden sind; frei schliesslich, sich so zu bewegen, wie es ihm gefällt, ohne Sorge, sich von einem fiktiv homogenen Ganzen loslösen zu müssen, ohne Skrupel, Zwiste und Spaltungen zu kreieren, ohne Angst, sich in gewisser Weise an den Pranger gestellt und missverstanden zu fühlen, wenn man wie ein Häretiker der Mehrheit agieren will.
Denn letztenendes bedarf es, dass wir uns von folgendem überzeugen: dass die Anarchisten, aufgrund der Tatsache, solche zu sein oder sich so zu nennen, weder perfekte Individuen noch Engel sind; sie sind Menschen, Kinder der Umwelt, die den üblichen Vorurteilen der heutigen falschen Gesellschaft unterworfen sind. Daher weiss jeder, der unbefangen nachdenken will, wie sehr sich in den kollektiven Gemischen der Mengen eine falsche, fehlerhafte Psychologie bildet, die eher das Unrecht, die Vorurteile, die Fehler entwickelt, denn die gute Qualität. Der Stärkste und der Fähigste inmitten der Menge verspüren den Instinkt der Beherrschung und das Drängen, die anderen dazu anzutreiben, so wie sie zu denken und zu handeln, am stärksten; die Schwächeren und die Unfähigeren hingegen gewöhnen sich daran, sich eher unter die Menge zu mischen, eher in der Gesamtheit der anderen Energien unterzugehen, die sie flankieren und die für sie sagen, was zu tun ist. So ist in jeder politischen Organisation der gegenwärtigen Gesellschaft, und wenn sie sich auch anarchistisch nennt, jede Individualität, die nicht aussergewöhnlich stark oder gekonnt intrigant ist, dazu bestimmt, sich unter die Menge zu mischen, von der Gesamtheit absorbiert zu werden. All dies steht also im Kontrast zu unserer libertären Bildungsaktion, die stattdessen darauf abzielen sollte, auf möglichst weitgehende, ja sogar übertriebene Weise die Auffassung der eigenen Individualität und der freien Initiative in einem jeden Individuum zu entwickeln.
Um auf das Programm zurückzukommen, so gibt es für jene, die nicht dabei bleiben, mit der Kehrseite des gesunden Menschenverstandes zu argumentieren, keinen Zweifel darüber, dass man, wenn man die menschliche Individualität wirklich schützen und respektieren will, zugestehen muss, dass kein Individuum, das jeweils unterschiedlich von den anderen geprägt wurde und mit seinem eigenen Kopf argumentiert, jemals seine Verhaltenslinie auf systematische, permanente und einheitliche Weise auf jene von anderen abstimmen kann; sich nicht verpflichten kann, einem abgesteckten und aufgrund von Mehrheitsbeschlüssen auferlegten Handlungsschema zu folgen, ohne dem Willen dieser Mehrheit zu entsagen, nicht mit freiem Geist akzeptieren kann, sein Verhalten auf ein taktisches System zu vereinheitlichen, dessen Qualität im Allgemeinen nach dem Prüfstein einer Organisation umso mehr Wert ist, je zahlenreicher es ist, während man sich wenig darum kümmert, darüber nachzudenken, dass die Mehrheiten, gegenüber den mutigen und voranschreitenden Minderheiten, stets in der rückwärtsgewandteren und reaktionäreren Haltung stagnieren.
Es heisst, und dies ist der ewige Einwand, dass jene, die einer Organisation beitreten und ihr Programm akzeptieren, dies freiwillig und von sich aus tun. Wohl wahr, aber wir müssen widerholen, was wir zuvor bereits sagten: die Menschen sind keine perfekten Individuen, die fähig sind, die Wahrheit herauszulesen. Und die Mentalität dieser Individuen, gerade wenn sie noch am Beginn der Bildung ihres anarchistischen Bewusstseins stehen, tendiert auf verhängnisvolle Weise vielmehr dazu, von den folgenden vorurteilsbehafteten und üblichen Eindrücken geformt zu werden: 1) dass jene, die mehr sind, recht haben, weil sie mehr sind; 2) dass Parteiorganisation dasselbe wie Zusammenschluss sei, und dass die nicht Organisatoren Verrückte sind, die als isolierte Moleküle für Krawall gegen das System sorgen wollen; 3) dass die Beschlüsse der Kongresse und die in den föderalistischen Organisationen verwässerten taktischen Programme das Evangelium des anarchistischen Kampfes seien; 4) dass die Organisation, die Föderation und die anarchistische Partei der unverfälschte und reine Ausdruck der Anarchie seien; der ganze Rest seien hingegen Abstrusitäten, Besserwissereien und Metaphysikereien der theoretischen Dissidenten, die sich den wirklichen praktischen Temperamenten entgegenstellen.
Und aus dieser Herangehensweise bildet sich ein zunächst embryonales und schliesslich definitives Bewusstsein, das ewig unter dem Einfluss dieser falschen Auffassung der anarchistischen Bewegung steht.
All dies wird freiwillig getan. Sehr wahr, wir wiederholen: aber genau darum, genau weil es keinen schlimmeren Sklaven als den freiwilligen Sklaven gibt, behaupten wir, dass es umso schlimmer ist; denn wer freiwillig eine Auferlegung akzeptiert, glaubt, frei zu sein, und denkt nicht mehr daran, sich zu befreien. Geht beispielsweise einem überzeugten Katholiken sagen, dass er Sklave des Priesters sei: er wird euch ins Gesicht lachen und euch schwören, dass niemand freier sei, als er. 
Einmal abgesehen von diesen, sagen wir, prinzipiellen Fragen, werden wir ausserdem genauer betrachten, was die bürokratischen Apparate dieser anarchistischen Organisationen unnützes und schädliches an sich haben.


VI

Denn, abgesehen von der Unvernünftigkeit und der, sagen wir, theoretischen Ungenügsamkeit vom anarchistischen Standpunkt aus der föderalistischen und zentralisierenden Taktik, behaupten wir auch ihre praktische Unützlichkeit und Schädlichkeit.
In den anarchistischen Organisationen beginnt man damit, eine Korrespondenzkommission zu ernennen, die den Ablauf der Austauschbeziehungen zwischen Gruppe und Gruppe, zwischen Lokalität und Lokalität in ihren Händen zentralisiert. Nun, welche Notwendigkeit sollte es je für solche Korrespondenzkommissionen geben, wenn nicht, um eine Art Führungskomitee der Bewegung zu haben, welches die Fäden der Organisation in seinen Händen hält? Welchen Bedarf haben die Gruppen daran, auf eine Korrespondenzkommission zurückzugreifen, um ihre Ideen unter sich auszutauschen und die wechselseitigen Initiativen unter sich zu kommunizieren? Man antwortet: aber dies ist, um die Beziehungen zwischen den Gruppen zu vereinfachen, denn, wenn eine Gruppe eine Initiative bekannt zu machen hat, genügt es, dass sie der Korrespondenzkommission schreibt, da diese sich darum kümmert, es alle anderen föderierten Gruppen wissen zu lassen. Und man fügt hinzu, was auch die Sozialdemokraten bezüglich ihrer Abgeordneten antworten: aber die Kameraden der Korrespondenzkommission erbringen den anderen Kameraden doch einen Dienst. Nun gut, wir denken, dass die Kameraden auch ohne die von anderen erbrachten Dienstleistungen auskommen können, wenn sie es ebensogut selbst tun können. Wir denken, dass die Anarchisten, die dem Volk lernen, selbst zu tun, auch in ihrer Taktik und in ihrer Bewegung versuchen sollten, sowohl die Zentralisierung der Aufgaben in den Händen von wenigen, wie die Delegation eben dieser so weit wie möglich zu verhindern. In praktischer Hinsicht halten wir es für viel besser, wenn eine Gruppe, die den anderen Gruppen etwas mitzuteilen hat, dies selbst tut, auf ihr eigenes Konto, und alle Briefe schreibt, die sie für nötig hält, ohne auf die Hilfe der Korrespondenzkommission zurückgreifen zu müssen, die nichts vereinfacht, wie alle anderen zentralisierenden Organismen, sondern nur durch die zwangsläufige Häufung der Fäden der Bewegung in ihren Händen Macht kreiert, die ihrerseits Autorität generiert. 
Denn dies ist wahrlich eine ernste Pattsituation. Wir wollen den Kameraden der Korrespondenzkommission alle guten Absichten, allen besten Willen der Welt zugestehen; doch diese Kameraden sind Menschen, die wesensgemäss versuchen, das eigene Ich überwiegen zu lassen, nicht mehr, nicht weniger, als alle anderen Menschen. Nun, wieso sollte die Kommunikation zwischen den Gruppen und vor allem die Verbreitung der Initiativen durch diese Kommission von Kameraden monopolisiert werden? Wie wird man bemerken können – oder wie viel Zeit wird eine Gruppe benötigen, bevor sie bemerkt –, dass beispielsweise eine ihrer Initiativen… wenig gefördert wurde?
In einem Zirkular, das von eben einer solchen Korrespondenzkommission von Barre, Vt., an die Kameraden der Vereinigten Staaten gerichtet war, lesen wir beispielsweise, dass sie „sich um die Übermittlung aller Vorschläge an alle Gruppen kümmern wird, die von einer beliebigen Gruppe stammen und für die Propaganda von Interesse sind“.
Hier macht sich also die besagte Korrespondenzkommission zum Richter: sie urteilt darüber, welche Vorschläge für die Propaganda von Interesse sind und welche nicht. Und dies ist eine schwierige und äusserst breite Aufgabe, denn es mag tausend Urteilskriterien geben, die einen Vorschlag gleichermassen annehmbar machen oder nicht. Nun, die Korrespondenzkommission urteilt und entscheidet darüber, ob ein Vorschlag für die Propaganda von Interesse ist oder nicht, bevor sie ihn an die anderen Gruppen übermittelt, und sie wird mit eigenen Kriterien urteilen, und in ihrem Urteil wird sie notwendigerweise – und dies ist logisch und richtig – das bevorzugte individuelle Kriterium ihrer Mitglieder überwiegen lassen. All dies ist nicht blosse Erledigung von Aufgaben, oder es ist es nur, das wollen wir zugeben, in der Absicht von jenen, die zur Ernennung solcher Kommissionen schreiten, und auch von jenen, die ernannt wurden. Stattdessen konstituiert es unserer Meinung nach ein Machtprinzip, ein Autoritätsprinzip. Und wer diese Macht besitzt, tendiert, auch ohne sich zunächst darüber bewusst zu sein, dazu, um sich herum eine kleine Klasse zu kreieren, und versucht, nicht mehr und nicht weniger, als es alle Menschen zu tun gewohnt sind, die Kinder der gegenwärtigen Umwelt sind und die in eben dieser gegenwärtigen Umwelt leben und funktionieren, diese Macht zu erhalten und dieses Privileg zu erhalten.
Es heisst, dass die anarchistische Organisation der Föderationen und der Komitees die Initiativen entwickelt und fördert. Stattdessen geschieht genau das Gegenteil; denn jene mit halbem Bewusstsein, und das sind die meisten (egal was unsere Gegner behaupten), wenn sie einmal wissen, dass es welche gibt, die machen, die sich darum kümmern, für die anderen zu machen, die die Aufgaben und die Fäden der Bewegung in ihren Händen zentralisieren, sorgen sich nicht mehr darum, verspüren nicht mehr den Ansporn, auf eigene Rechnung zu handeln, sich anzustrengen, um ihr embryonales Bewusstsein zu ergänzen, es zu stärken, es wirklich eigen und echt zu machen: es gibt sowieso welche, die es für uns erledigen, und wir können ja ruhig bleiben, heisst es. Ohne schliesslich die Gefahren miteinzuberechnen, die diese zentralisierten Organisationen darstellen, die sich auf kleine Komitees berufen, insofern unglücklicherweise, aber nicht unwahrscheinlicherweise der intrigante, ambitiöse Typ hinzustossen kann, der sich ihrer für persönliche Zwecke oder für Spekulationen bedient, die nichts mit der anarchistischen Sache zu tun haben. Je zentralisierter das Funktionieren der Organisationen ist, desto einfacher wird es sein, sich ihrer zu bemächtigen und sie auszunutzen.
Und wir haben noch nicht einmal auf die grosse Gefahr hingewiesen, die solche Organisationen in jenen Ländern eingehen, in denen die Reaktion herrscht, da sie die Arbeit der Polizei und ihrer Spione zweifellos begünstigt. Wir wissen bestens, dass diese und jene ihre Aktionen mit ebensoviel Brutalität auch gegen die isolierten Anarchisten führen; aber es ist nicht abzustreiten, dass das System der Mitgliederlisten, der Adressen, der zentralisierten Gruppen, der Korrespondenzkommissionen, etc. die Überwachung und bei Gelegenheit das schändliche Werk der Bullerei vereinfachen kann, die, anstatt ihre Kräfte gegen nicht zentralisierte Individuen und Gruppen in tausend Scheisshaufen abtreten zu müssen, gute Aussichten darauf haben, wie man sagt, einfach aus dem Haufen picken zu können, wenn es ihnen gelingt, in solche Organisationen einzudringen, die eine Bürokratie und eine Aufgabenzentralisierung haben.


VII

Es wird nun Zeit, sich an die Schlussfolgerung zu machen, indem wir unsere Konzepte noch einmal zusammenfassen und vom kritischen Teil zum positiven Teil unserer Auffassung des politischen Kampfes übergehen.
Wir glauben nicht – und wir sind es bereits müde, es zu wiederholen – an die Effizienz des ausschliesslich isolierten Kampfes des Individuums gegen die Gesellschaft, ausser in den äusserst seltenen Fällen von individueller Rebellion, auf die wir später eingehen werden. Darum glauben wir an die Notwendigkeit, die Kräfte jener zusammenzuschliessen, die die Gesellschaft nach bestimmten generellen Ideen zerstören und wiederaufbauen wollen.
Dieser Zusammenschluss sollte aber spontan geschehen, dieser Zusammenschluss darf und kann aber – wenn er sich den Namen anarchistisch verdienen will – nicht auf eine permanente und konstante Art organisiert sein, die sie all ihre Kräfte auf eine im Voraus festgelegte Weise ausrichten lässt.
Zerstören, das haben wir bereits gesehen, genügt nicht; es ist notwendig, wiederaufbauen zu wissen und fähig zu sein, wiederaufbauen zu können. Darum sollten diejenigen, die sich Anarchisten nennen, heute bereits so stark wie möglich den Kern von materiellen Aktivitäten und geistigen Tendenzen bilden, von dem aus sich die Gesellschaft der Zukunft ausbreiten wird. Darum ist es notwendig, dass das Prinzip des freien Zusammenschlusses, das die Grundlage der künftigen Gesellschaft bilden wird, indem es dem Individuum ermöglichen wird, sich so zu bewegen und so zu funktionieren, wie es ihm gefällt, mit wem es ihm gefällt – vorausgesetzt natürlich, dass es vom notwendigen Grundsatz angetrieben wird, dass das eigene Wohl auf dem allgemeinen Wohl basieren muss –, dass also dieses Prinzip auf möglichst breite und möglichst libertäre Weise entwickelt und ausgerichtet wird.
Keine künstlichen, in bürokratische Normen gezwängten Organisationen, die von Bindungen zusammengehalten werden, die aufgrund einer Mehrheit verhängt wurden und in Komitees und Korrespondenzkommissionen zentralisiert werden, die die Aktion und die allgemeine Bewegung monopolisieren.
Keine wie Rezepte a priori festgelegten taktischen Programme, die dazu neigen, sich immer stärker im Dogma zu kristallisieren, anstatt dazu, sich in Abhängigkeit der neuen Anforderungen und der verschiedenen Umstände des sozialen Lebens zu verändern.   
Keine Delegation in die Hände von wenigen – auch nicht unter dem Anschein einer illusorischen Kontrolle – von jenen Aufgaben, die Hand in Hand von all jenen ausgeführt werden können, die sich in einem gegebenen Moment geeignet und dazu imstande fühlen, sich ihrer anzunehmen.
Keine Entscheidungen aufgrund von Mehrheiten und Minderheiten innerhalb der Gruppen: sondern Darlegung und Diskussion jeder Initiative, jedes Vorschlags, jedes Mittels des Kampfes und der Propaganda: spontane Akzeptierung und Zusammenarbeit seitens jener, die jenen Vorschlag oder jene Initiative oder jenes Mittel für nützlich und gut erachten; Verweigerung der Zusammenarbeit und der Teilnahme von jenen, die dies nicht denken. Folglich das freie Individuum, und nicht die Gruppe, die sich dazu verpflichtet, irgendetwas als Kollektivität auszuführen, auch wenn eine Minderheit von ihr davon nichts wissen will.
Die Vereinigung macht die Stärke aus: genau; es wurde aber nie gesagt, dass die Organisation einer Partei ihre Stärke ausmacht. Wir glauben und verfechten, dass sie im Gegenteil ihre Schwäche ausmacht. Der scheinbare Zusammenhalt der Nichtigkeiten und der ungeeigneten Stärke zählt im Wesentlichen wenig, auch wenn sie die Illusion eines zahlenmässigen Auftretens verschafft. Das Paradox von Max Nordau, das von uns einmal zitierte wurde, und das einigen so sehr auf die Nerven stiess, ist mehr denn je wahr.
Wir wollen stattdessen das Individuum bis zum höchsten Grad entwickeln und wir wollen dem Individuum, wenn auch in übertriebenem Masse – und die Übertreibung innerhalb der eisernen Konstitution der heutigen Gesellschaft, wird, wenn sie nicht in offener Rebellion ausbricht, nie genug sein für die notwendige Realität der künftigen Gesellschaft –, das rebellische und stolze Bewusstsein der eigenen Kraft, der eigenen Energie, der eigenen Fähigkeit, zu wollen, zu handeln und zu erschaffen geben.
Die Parteiorganisation, mit ihren Programmen, die zur Disziplin werden, mit ihren Föderationen, die zu bürokratischen Sackgassen werden, mit ihren zentralen Kommissionen, die sich, auch ohne es zu wollen, zur Führung und Autorität machen, mit ihren einheitstaktischen Einschränkungen, die die Gruppen und Individuen lähmen, sind nach unserer Überzeugung nicht nur unnütz, sondern schädlich für die Entwicklung jenes Empfindens der eigenen Individualität, auf deren Entwicklung die Anarchisten all ihre Kräfte der libertären Bildung zusammenführen sollten, wenn sie nicht nur die Revolutionäre und Zerstörer des Heute, sondern auch die Wiederaufbauer und Erschaffer des Morgens sein wollen.
Die Anarchisten können sich in jeder Örtlichkeit zu Propaganda- oder Studiengruppen vereinigen; sie sollten aber nicht damit beginnen, diesen Gruppen ein taktisches Programm vorzuschreiben, während jene, die es akzeptieren, in der Gruppe sind, und jene, die es nicht akzeptieren, ausserhalb von ihr sind. In den Gruppen – das heisst, in jenen periodischen Zusammentreffen von Kameraden einer bestimmten Örtlichkeit, die die Notwendigkeit verpüren, sich zu bewegen und Propaganda zu machen – wollen wir keine Exklusivitätshaltungen, während wir uns bestens vorstellen können, dass es in ihnen Initiativen geben mag, die die Kräfte aller Kameraden, seien es Organisatoren oder nicht, auf sich ziehen, so wie es andere geben mag, die sie nur teilweise auf sich ziehen, ebenso, wie es solche geben mag, die nur die Zustimmung der Vorschlagenden erhalten.
Und die Kameraden einer Örtlichkeit werden – falls sie es benötigen und wann sie es benötigen – mit den einzelnen und gruppierten Kameraden der anderen Örtlichkeiten in Verbindung bleiben, ohne sich deswegen in einer fiktiven taktischen Übereinstimmung zu föderieren, ohne deswegen durch die zentrale und unnütze Prozedur der Kommissionen oder Komitees zu gehen, die auf verhängnisvolle Weise darin enden, die Fäden der Bewegung nach ihrem Gutdünken zu bewegen, während sie sich von Erledigern von Aufgaben zu Orchesterdirigenten machen.
So verstehen wir den freien Zusammenschluss; dieser ist wirklich das Resultat der Willen und der Kräfte all jener Kameraden, die sich vorübergehend, aus vielfältigen Entscheidungen und unterschiedlichen Kampfgrundsätzen zusammenschliessen, Mitwirkende für ihre Initiativen suchen und ihre Kräfte mit jenen, die dieselbe Kampfauffassung haben, gegen das Eigentum und die Autorität in Übereinstimmung bringen. Wir brauchen nicht die alte Leier zu wiederholen, dass man, wenn man zu zweit ist, bereits organisiert ist, und dass wir doch nichts anderes als Organisatoren anderer Art seien. Der Beweis dafür, dass wir keine Organisatoren sind, liegt in der Tatsache, dass wir die Organisatoren bekämpfen und sie uns bekämpfen. Wenn wir alles Organisatoren wären – wenn wir also die Substanz der Sache akzeptieren würden –, wieso sollten wir so sehr auf der Form beharren? Der Unterschied, der uns in der Taktik trennt, liegt eben gerade in der Substanz. Und wer das Gegenteil behauptet, versucht, die Dinge anders ausschauen zu lassen, als sie sind, um glauben zu machen, wir seien Dissidenten aus Liebe zur… Dissidenz.
Wir sind also am Ende angelangt. Der Kampf gegen die Regierung ist der Kampf gegen die Autorität: gegen sie genügt es nicht, die zerstörerischen Energien der anarchistischen Kampfauffassung zu richten, sondern müssen wir den Boden vorbereiten, der anschliessend nicht erlaubt, das solch bösartige Pflanzen erneut aufkommen und sich entwickeln können.
Deshalb, während wir zusammengeschlossen unsere Kräfte gegen das Regierungswesen, gegen diesen Gipfel der Synthese des Autoritätsprinzips richten, der heute vom Staat verkörpert wird, streben wir danarch, die Wurzeln der Autorität, unter welcher Form auch immer sie erscheinen mag, zu bekämpfen und auszureissen, auch wenn von Kameraden, in bester Absicht, aber von Illsionen umwoben, ein Kampfsystem, eine Taktik gepriesen wird, die in ihrem Innern den verwerflichen Keim der verhassten Autorität schützt und bewahrt.


[L‘Aurora, Jahr I, nr. 5 vom 28/10, nr. 6 vom 4/11, nr. 7 vom 11/11, nr. 8 vom 18/11, nr. 10 vom 2/12, nr. 11 vom 9/12, nr. 12 vom 16. Dezember 1899.
Originaltitel: la lotta politica]
Übersetzung ins Deutsche,
Zürich, März 2012



Giuseppe Ciancabilla ist 1872 in Rom geboren. Nachdem er vor der Repression nach dem Aufstand von 1898 in Milano aus Italien flüchten musste, setzte er seine Agitation für eine kurze Zeit in der Schweiz fort. Dort war er einer der einzigen, der mit einem Artikel in seiner in Neuenburg gegründeten Zeitung L‘Agitatore den Anarchisten Luigi Luccheni offen verteidigte, der in Genf die Prinzessin Elisabet von Österreich mit einer Feile ermordete. Dies nahmen die Schweizer Autoritäten dann auch zum Anlass, um ihn zusammen mit 35 anderen italienischen Anarchisten aus dem Land auszuweisen. So reist Ciancabilla für einige Zeit nach England und schliesslich in die Vereinigten Staaten, wo er eine wichtige Figur der migrierten Bewegung war, die sich Ende 19. Jahrhundert dort zusammenfand. Er lässt sich in Paterson, New Jersey, nieder, wo eine grosse Gemeinschaft italienischer Anarchisten lebt. Dort wird er Redakteur von La Questione Sociale, einer zweimonatlichen Zeitung, die gemeinsam mit Errico Malatesta, Carlo Tesca, Luigi Galleani, Aldino Felicano und anderen von der Gruppe Diritto all‘esistenza herausgegeben und von deren Verlagshaus, Era nuova, gedruckt wurde. Er wird die Zeitung L‘aurora gründen, und später in Chicaco in der Zeitung La Protesta umana schreiben, wo er, von der Analyse der Situation in seinem Herkunftsland Italien und auf der Welt, in sozialer Hinsicht, sowie in Bezug auf die anarchistische Bewegung, bis zur Darlegung seiner Perspektiven für die soziale Revolution, von der Kritik des Parlamentarismus, des Organisationismus und der Synthese unter Anarchisten bis zur Verteidigung der Enteignung und der individuellen Angriffe gegen die Macht, wie jene von Gaetano Bresci und Leon Czolgosz, eine Vielfalt von Artikeln verfasst. 
Am 15. September 1904 stirbt er im Spital von San Francisco, im Alter von 31 Jahren.
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