einige Gedanken zur Gefangenensolidaritätsarbeit

Dieser Text bezieht sich auf die repressiven Ereignisse in Belarus (Weissrusland). Am Abend des 30. August 2010 haben unbekannte Schwarzvermummte 2 Molotov-Coctails in das Gelände der Russischen Botschaft in Minsk, Belarus (Weissrussland) geworfen. Dabei ist ein Diplomatenauto, ein Mazda 3, in Flammen aufgegangen.
Am Morgen des 3. September 2010 wurden 7 Anarchist_innen verhaftet. In der darauf folgenden Zeit wurden in ganz Belarus Häuser und Wohnungen durchsucht, Sachen beschlagnahmt, Menschen verhört und verhaftet.
Detaillierte Informationen zu den Geschehnissen sind hier zu finden.

Es ist international zu Solidaritätsaktionen aufgerufen worden (Aufruf)

Folgend die Adressen zweier noch immer Inhaftierter:
Minsk, 220050, Volodarskogo str. 2,SIZO-1, cell 42, Mikalaj Dziadok
Minsk, 220050, Volodarskogo str. 2, SIZO-1, cell 46, Aliaksandar Frantskievich

folgender Text wurde auf Indymedia Belarus sowohl in Deutsch als auch Englisch gefunden :

einige Gedanken zur Gefangenensolidaritätsarbeit

In einem Moment starker Repression tendiert das betroffene Umfeld dazu, all seine Energie auf die Unterstützung der Gefangenen zu konzentrieren. Dies passiert häufig durch Briefe, Unterstützung von Freund_innen und Verwandten, die Publikmachung ihrer Fälle, Solidaritätsaufrufe, Spendenaufrufe, symbolische Solidaritätsaktionen und ähnliche Sachen. Mit unseren Worten scheinen wir wieder und wieder zu repetieren, wie überascht wir darüber sind, wie bösartig die repressiven Organe des Staates sind. Sie haben unsere Habseligkeiten genommen, uns ihre Namen nicht genannt, unseren Verwandten nicht gesagt, was vor sich geht, sie halten uns gefangen ohne die Gründe zu nennen (auch wenn unsere Gesundheit schlecht ist), glauben unseren Worten nicht, erzählen Lügen, schlagen uns, geben uns kein gutes Essen oder medizinische Versorgung – ganz im Allgemeinen; sie halten sich nicht an das Gesetz! Aber sind wir wirklich so überrascht? Warum sind wir immer noch schockiert, wenn wir die Logik dieses Systems am eigenen Körper spüren oder Gefährt_innen sie erleben?
Natürlich, all diese Dinge sind wirklich schlimm, um nicht zu sagen komplett wahnsinnig. Aber haben wir das nicht schon vorher gewusst? Kämpfen wir nicht gegen die herrschende Ordnung dieser Welt, sind wir nicht Anarchist_innen, weil wir wissen, wie beschissen das alles ist?
Es fühlt sich an, als würden wir in Stücke gerissen werden durch den Schmerz, von unseren Geliebten getrennt zu sein, wissend, dass sie leiden könnten. Aber selbst wenn wir all diese äusserst wichtigen Emotionen erleben, sollten wir nicht vergessen, dass das Gefängnis uns nur die Spitze des Eisbergs zeigt. Es ist die konzentrierte Form dessen, was wir und alle anderen jeden Tag in unseren Leben fühlen und erfahren. Es gibt nichts überraschendes daran. Also gibt es auch nichts, um darüber zu jammern. Jedoch haben wir die Option, unseren Schmerz in Entschlossenheit zu verwandeln, unsere Kämpfe erst recht fortzuführen.
Das Beklagen all dieser Gemeinheiten wird hauptsächlich aus einer reformistischen Perspektive gemacht, um die Öffentlichkeit, die „Massen“, auf unsere Seite zu kriegen. Damit sie sagen: „Dieser gemeine Staat sollte nett sein zu den netten Anarchist_innen“. Aber was denken wir darin für uns und unseren Kampf zu finden? Mit dem Jammern über unsere Misshandlungen fragen wir die wichtigste aller Fragen dieses Themas nicht; was ist das für eine Gesellschaft die Gefängnisse braucht und wie können wir alles, was sie aufrechterhält überwinden?
Im Moment könnte es als die beste Idee erscheinen, zu sagen, „nein, ich habe es nicht getan“. Und vielleicht sogar „nein, ich würde so etwas nie tun (und ich kenne keine_n, die/der das tun würde)“. Wir könnten denken, dass es uns davor bewahrt, ins Gefängnis zu gehen. Aber bewahrt es uns wirklich davor oder bringt es uns zurück in ein viel grösseres Gefängnis; das Gefängnis des Einziehens unserer Köpfe vor dem System? Indem wir nicht in einen Dialog in der Sprache der Justiz treten -der uns sowieso nichts zu bieten hat- können wir ein bisschen der Freiheit behalten, die wir gewonnen haben, als wir uns dafür entschieden haben, zu kämpfen. Wir könnten denken, mit abstreiten verhindern wir mehr Repression. Aber wenn wir es nicht getan haben, hat es jemand anderes getan, somit geht die Suche nach den Schuldigen weiter. Und wenn sie die „wirklich Schuldigen“ nicht finden, können sie einfach jemanden dazu machen. Wir könnten auch denken, dass es eine gute Idee sei, uns oder (wenn wir uns immer noch in statischen Gruppen bewegen) unsere Organisationen von den Ereignissen zu distanzieren. Aber dadurch verkleinern wir nur den Kreis der möglichen Angreifenden und Unterstützenden. Genau in diesen Momenten ist es besonders wichtig hinter den Angriffen auf das System zu stehen. Wir müssen nicht sagen, wir haben es getan. Aber wir können sagen, dass wir denken, dass der Angriff nötig war und sein wird, bis die herrschende Ordnung zu Fall gebracht wird und etwas Neues beginnt. Indem wir dies sagen, geben wir eine äusserst notwendige und wichtige (Gefangnen-)Unterstützung. Indem wir dies sagen, wiederhohlen wir den Angriff. Wir bleiben gefährlich. Weil niemand alleine vor Gericht stehen wird. Niemand ist alleine in ihrer/seiner Zelle. Die Logik des Gefängnis wirkt nicht. Die Idee und die Bedeutung des Angriffs bleibt am Leben und wächst. Damit und indem wir neue Ziele aussuchen, weiterhin angreifen, den Kampf leben, helfen wir unseren Gefährt_innen mehr, als wenn wir uns dem Justizapparat opfern. Wir setzten das fort, wofür sie einstehen. Wir fahren damit fort, uns selbst zu sein. Wir bleiben Anarchist_innen.

some thoughts about prisoner solidarity work
(written in connection with the happenings in Belarus)

In a moment of strong repression the affected sphere tends to concentrate all its energy on supporting the prisoners. This happens often by letters, support for friends and relatives, making their cases public, solidarity callouts, donation appeals, symbolic solidarity actions and similar things. In our words we seem to repeat over and over again how surprised we are about how vicious the repressive organs of the state are. They took our belongings, didn‘t tell us their names, didn‘t tell our relatives about whats going on, they keep us imprisoned without saying the reasons (also if we are of bad health), don‘t believe our words, tell lies, hit us, don‘t give us good food or medical healthcare – just in general; they don‘t follow the law! But are we really that surprised? Why are we still shocked when we feel the logic of this system on our own bodys or have comarades experiencing it?

Of course, all this things are very bad, not to say completely crazy. But didn‘t we know this allready before? Don‘t we fight against the ruling order of this world, aren‘t we anarchists because we know how fucked up this all is?

We seem to get torn to pieces by the pain of being separated from our loved ones, knowing they could be suffering. But even by going trough all this very important emotions we shouldn‘t forget that prison is just showing us the tip of the iceberg. It is the concentrated form of what we and everybody else feel and experience everyday in our lives. There is nothing to be surprised about. And so there is nothing to whine about. However we have the option to turn our pain into the determination to continue our fights all the more.

The complaining about all these meanness is mainly made out of a reformistic perspective, to get the public, the „masses“, on our side. To make them say „This mean state should be nice to this nice anarchists.“ But what do we belive to find in this for us and our struggle? By whining about our misstreatments we don‘t ask the most important questions of all around this topic; what kind of society needs prisons and how can we overcome everything that maintains it? In the moment it might seem like the best idea to say „no, i didn‘t do it“. And may be even „no, i would never do such things (and i don‘t know anybody who would)“. We might think, it prevents us from going to prison. But is that really preventing us from it or does it put us back to a much wider prison; the prison of bending our heads in front of the system? By not going into a dialoge juridical language -that has anyway nothing to offer for us- we can keep a little bit of the freedom we won when we chose struggeling. We might think, by denying we prevent more repression. But if we didn‘t do it, someone else did, so the search for the guilty people will continue. And if they don‘t find „the true guilty people“ they could just make somebody into it. We also might think, that it would be a good idea to distance ourselfes or (if we still move in static groups) our organizations from the events. But by that we only make the circle of possible attackers and supporters smaller. Exactly in this moments it is especially important to stand behind the ideas of the attacks on the system at any time. We don‘t have to say we did it. But we can say we think the attack was and will be necessary until the overthrow of the ruling order and the begining of something new. By saying this, we give a very necessary and important (prisoner) support. By saying this, we repeat the attack. We keep on being dangerous. Because no one will stand alone in front of court. No one is alone in its cell. The logic of the prison isn‘t effective. The idea and the meaning of the attack stay alive and grow. Like this and by choosing new targets, by continuing to attack, by living the stuggle, we help our comerades more then by sacrifing us to the judicial machinery. We continue what they stand for. We continue to be ourselves. We stay anarchist.

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