Die Unerwünschten

  Die Unerwünschten
 

  Übersetzt aus dem Französischen und Italienischen
Frühling 2010
Originaltitel: Gli indesiderabili/Les indésirables,
Pantagruel (Pont St Martin-AO) & Sans Patrie (Paris),
                                                                               März 2000
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Die Brochüre als PDF gibts hier.
 
 

Es
gibt immer mehr Unerwünschte auf dieser Welt. Es gibt zu viele
Männer und Frauen, für die diese Gesellschaft nur eine Rolle
vorgesehen hat: Jene zu krepieren. Als Tote in dieser Welt oder
gegenüber sich selbst; nur so wünscht sie sich die Gesellschaft.

Als
Arbeitslose dienen sie dazu, diejenigen, die Arbeit haben, dazu
anzutreiben, jegliche Demütigung hinzunehmen, um sie zu behalten.
Als Isolierte dienen sie dazu, diejenigen, die sich als Bürger
betrachten, glauben zu machen, dass sie ein wirkliches
Gemeinschaftsleben führen (zwischen dem Papierkram der Autorität
und den Warenregalen). Als Migranten dienen sie dazu, bei denjenigen
Proletariern, die sich einsam mit ihrem Nichts im Büro, in der Metro
oder vor dem Fernseher befinden, die Illusion aufrechtzuerhalten,
Wurzeln zu haben. Als Illegale dienen sie dazu, in Erinnerung zu
rufen, das es nicht das schlimmste ist, sich der Lohnarbeit zu
unterwerfen – es gibt auch Zwangsarbeit und die Angst, die einem
bei jeder Routinekontrolle den Bauch einschnürt. Als Abgeschobene
dienen sie dazu, die Erpressung mit der Verbannung in ein Elend ohne
Rückkehr bei all den ökonomischen Flüchtlingen des
kapitalistischen Genozids zu verstärken. Als Gefangene dienen sie
dazu, denjenigen, die von dieser elendigen Existenz nichts mehr
wollen, mit dem Schreckgespenst der Bestrafung zu drohen. Als
ausgelieferte Staatsfeinde dienen sie dazu, verstehen zu machen, dass
es in der Internationale der Herrschaft und Ausbeutung keinen Platz
für das schlechte Beispiel der Revolte gibt.

Arm,
isoliert, überall fremd, eingesperrt, vogelfrei*, verbannt: die
Lebensbedingungen dieser Unerwünschten werden immer mehr geteilt.
Auch der Kampf kann daher geteilt werden, auf der Grundlage der
Verweigerung eines Lebens, das mit jedem Tag prekärer und
künstlicher wird. Bürger oder Ausländer, Unschuldige oder
Schuldige, Illegale oder Regularisierte: diese Unterscheidungen der
staatlichen Gesetzbücher gehören uns nicht länger an. Wieso sollte
die Solidarität diese sozialen Grenzen respektieren, während die
Armen unaufhörlich von der einen zur anderen geschleppt werden?

Wir
sind nicht mit dem Elend solidarisch, sondern mit der Tatkräftigkeit,
mit der die Männer und Frauen es nicht mehr über sich ergehen
lassen.


Der
Traum eines Pergaments


In
den Tiefen des Flusses, worin die Geschichte dahinfliesst, scheint
ein Traum dem Verschleiss der Zeit und der schonungslosen Kette von
Generationen stand gehalten zu haben. Seht das vergilbte Pergament
jenes Kodes aus der Renaisance, seht diese Hotzschnitte auf dem
Papier, die uns in die Jugend eines soeben verstrichenen Jahrtausends
zurückversetzen. Ihr werdet von Kardinalen berittene Esel und die
ewig Hungernden sich freudig in der Nahrung ertrinken sehen, ihr
werdet niedergetrampelte Kronen sehen, ihr werdet das Ende der Welt –
oder besser – die verkehrte Welt sehen. Hier ist nun dieser
Traum, hier ist er, nackt, und erzählt von sich selbst in einer fünf
Jahrhunderte alten Gravur: die Welt zu töten, um sie fassen zu
können, sie Gott zu rauben, um sie sich anzueignen und sie endlich
mit unseren eigenen Händen zu gestalten. Die nachfolgenden Epochen
haben diesem Traum stets unterschiedliche Gestalt verliehen. Er
verkleidete sich als Bauer während den Aufständen des Mittelalters
und als Halbstarker während des Mai 68, als italienischer Arbeiter
während der Fabrikbesetzungen und als englischer Weber zu Zeiten,
als die ersten industriellen Webereien aufgebracht mit Hämmern
kaputtgeschlagen wurden. Das Verlangen die Welt umzustürzen, tauchte
immer dann wieder auf, wenn es die Ausgebeuteten verstanden, jene
Fäden, die sie untereinander verbinden, zu ergreifen, jene Fäden,
die von den unterschiedlichen Ausbeutungsformen verknüpft und
durchtrennt wurden. Denn diese Formen sind es, die die Armen
gewissermassen “organisieren”: sie konzentrieren sie in den
Fabriken oder Vierteln, in den Grossstadtghettos oder vor dem selben
Arbeitslosenamt, während sie ihnen ähnliche Lebensbedingungen und
ähnliche Probleme aufzwängen, die es täglich zu lösen gilt. Lasst
uns kurz innehalten, in den Tiefen unserer Erinnerungen graben und
uns auf die Erzählungen unserer Väter besinnen. Die Fabrik im Nebel
oder der Schweiss der Felder unter der gleissenden Sonne, die Grauen
einer Kolonialbesetzung, die einem die Früchte der Erde entreisst,
oder der immer höllischere Takt einer Presse, die dir in irgendeinem
“kommunistischen” Staat verspricht, dich – eines Morgens, der
niemals kommt – von der Ausbeutung zu erlösen. Mit jedem dieser
Bilder unserer Vergangenheit können wir die unterschiedlichen
Vereinigungen der Ausgebeuteten verknüpfen, und somit die konkreten
Grundlagen der Kämpfe, mit denen sie die Welt umzustürzen und die
Ausbeutung zu beseitigen versuchten.

Nun
da wir, Kinder solch unterschiedlicher Erinnerungen und Revolten, uns
Seite an Seite wiederfinden; welches ist der Faden, der uns
verbindet? Was hat uns aus Maghreb oder aus dem Osten, aus Asien oder
dem Herzen Afrikas hierher gebracht? Wieso erkennt selbst jener, der
schon immer hier wohnte, die Erde nicht mehr, wieso findet er sie so
anders vor, als jene aus seiner Erinnerung?



Ein
missformter Planet


Wenn
wir die Geschichte der letzten dreissig Jahre aufmerksam betrachten,
können wir eine Entwicklungslinie erkennen, eine Reihe von
Modifikationen, die den Planeten grundlegend verändert haben. Diese
neue Situation wird für gewöhnlich mit dem Begriff der
“Globalisierung” definiert. Es handelt sich nicht um endgültig
feststehende Gegebenheiten, sondern um Veränderungen, die – in
jedem Land mit seinen eigenen Rythmen und Besonderheiten – noch
immer in Gang sind und uns erlauben, ein paar Vorhersagen zu wagen.
Lasst uns dennoch erst eine weitverbreitete Vorstellung über die
“Globalisierung” loswerden. Schon immer hat das Kapital auf der
globalen Leiter nach zu erobernden Märkten und einer zum Tiefstpreis
auszubeutenden Arbeitskraft gesucht, das ist also nichts Neues. Was
hingegen neu ist, das sind die Instrumente, um dies zu tun: dank der
technologischen Entwicklung kann das Kapital diese Tendenz mit einer
Geschwindigkeit und mit Auswirkungen realisieren, die vor ein paar
Jahren noch unvorstellbar waren. Es gibt daher keinen Bruchpunkt
zwischen dem alten und dem heutigen Kapitalismus, genausowenig wie es
je einen “guten”, sich auf nationaler Grundlage entwickelnden
Kapitalismus gegeben hat, zu dem man zurückkehren sollte – wie es
uns die zahlreichen Gegner des “Neoliberalismus” glauben lassen
wollen. Von 1973 (das Datum, das für gewöhnlich den Beginn des
Informatikzeitalters markiert) bis Heute hat sich das Kapital nie
wesentlich verändert, es ist nicht “bösartiger” geworden. Es
verfügt schlicht über ein paar zusätzliche Waffen, die aber so
mächtig sind, dass sie den Planeten missformt haben. Zur
Vereinfachung der Analyse betrachten wir diesen Prozess durch die
jeweiligen Veränderungen, die in drei unterschiedlichen
geografischen Zonen stattfanden: in den ehemaligen Kolonialländern,
den früheren sogenanten kommunistischen Ländern und den westlichen
Ländern.



Die
unerwünschten Kinder des Kapitals


Wie
wir wissen, haben die alten Kolonialgebiete mit der Erlangung ihrer
Unabhängigkeit keineswegs die Beziehungen mit ihren
Kolonialisierern
unterbrochen;
im Gegenteil, in den meisten Fällen wurden diese Beziehungen
schlicht modernisiert, und zwar nicht ohne diverse Erschütterungen.
Während die alte koloniale Ausbeutung hauptsächlich auf den
möglichst billigen Aufkauf von Rohstoffen abziehlte, die im Westen
benötigt wurden, so sind ab einem gewissen Zeitpunkt ganze Phasen
der industriellen Produktion in die ärmsten Länder verlagert
worden, um von den sehr niedrigen Arbeitskosten zu profitieren. So
niedrig, dass sie die Kosten des Rohstrofftransportes, der Maschinen
und der fertigen Produkte, ebenso wie den Preis für die Finanzierung
der lokalen Regime deckten, welche die öffentliche Ordnung und den
ruhigen Produktionsverlauf garantierten. Jahrelang hat sich das
westliche Kapital über diese Länder hergemacht und somit ihr
soziales Gewebe tiefgehend umgeformt. Die alten bäuerlichen
Strukturen sind zerstört worden, um der Industrialisierung Platz zu
machen, die gemeinschaftlichen Bande wurden zerrissen und die Frauen
proletarisiert. Eine riesige Menge an Arbeitskräften, die man der
Erde entriss, fanden sich – genau wie in Europa im vergangenen
Jahrhundert – verlohren in den Slums auf der Suche nach Arbeit
wieder. Diese Situation hielt so lange ihre brutale Stabilität
aufrecht, wie die von den Westmächten angesiedelte, verarbeitende
Industrie einen beträchtlichen Teil der zum Verkauf stehenden Hände,
auch anstellen konnte. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt begann eine
Fabrik nach der anderen zu schliessen. Da oben im Norden hatte sich
etwas verändert: Die Arbeitskraft ist mit jener aus dem Süden
wieder konkurrenzfähig geworden. Die Fabriken einmal geschlossen,
verblieben nun dort diese neuen Proletarier;
zahlreich
und unnütz
.

Im
Osten ist die Situation nicht viel besser. Die sogenannten
kommunistischen Regime haben eine Wüste hinterlassen; der gewaltige
und überholte Produktionsapparat blieb den alten Bürokraten und dem
westlichen Kapital als Erbe. So haben sich die Kinder und
Kindeskinder dieser Ausgebeuteten – die neben der allwöchentlichen
Sklaverei der Lohnarbeit auch die Pfaffenrethorik der “Köche an
der Macht” und des proletarischen Internationalismus ertragen
mussten – als Arbeitslose wiedergefunden: Industrielle
Restrukturierung fordert, wie bereits gesagt, immer auch
Entlassungen. Wie es schon bei den alten Kolonien der Fall war, so
hat sich jedes westliche Land seine ökonomischen und politischen
Einflusszonen in den Gebieten des ehemaligen Warschauer Paktes
aufgeteilt, indem sie jenen Teil der Produktion dorthin verlagerten,
der am meisten Arbeitskräfte benötigte. Aber das war bloss ein
Tropfen im Meer, denn die Anzahl Armer, die für ihre Meister unnütz
geworden sind, war immens. Im Osten sowie im Süden hat die
Schuldenerpressung, die der Internationale Währungsfond und die
Weltbank ausübten, diesen Prozess auf entscheidende Weise
beschleunigt.

Und
so beginnt im Süden und im Osten der lange Marsch dieser nicht
gewünschten Kinder des Kapitals, dieser Unerwünschten. Doch
für diejenigen, die bei sich bleiben, ist das Schicksal nicht
besser. Die sozialen Konflikte, die von den ebenso enormen wie
plötzlichen Veränderungen hervorgerufen wurden, sind in die
ethnischen und religiösen Diskurse eingeschrieben – neue und immer
blutigere Kriege lauern um die Ecke. Für diejenigen, die den Weg der
Emmigration wählen, genauso wie für diejenigen, die bleiben sind
die einzigen Gewissheiten das Elend und die Enteignung. Alles
Bedauern ist vergebens.


Bis
gestern


Und
was ist unterdessen im Westen passiert? Die Veränderungen verliefen
etwas weniger heftig, aber parallel zu jenen in der restlichen Welt.
Die grossen Industrieanlagen, die einen beträchtlichen Teil der
Armen einstellten und lange die Physiognomie der Städte bestimmt
haben – und somit die Mentalität, die Art zu leben und zu
revoltieren der Ausgebeuteten – sind verschwunden. Zum Teil, weil
sie – wie wir gesehen haben – in ärmere Länder verlegt wurden;
zum Teil, weil es möglich war, sie zu zerstückeln und auf dem
Gebiet neu zu verteilen. Dank der Entwicklung der Technologie sind
die Produktionszyklen nicht nur nach bis nach automatisiert, sondern
auch dem eigentlichen Chaos des Marktes besser angepasst worden.
Früher benötigte das Kapital Arbeiter, die das erforderliche Wissen
und die erforderliche Kompetenz besassen, um auf mehr oder weniger
autonome Weise ein Fragment des Produktionszyklus zu beherrschen;
also Arbeiter, die ein ganzes Leben lang in der selben Fabrik blieben
und die selben Aufgaben ausführten. Heute ist das nicht mehr so. Die
geforderten Kenntnisse werden immer begrenzter und austauschbarer, es
gibt keine Wissensanhäufung mehr, da jede Arbeit mit den anderen
identisch ist. Der alte Mythos der Vollbeschäftigung wurde durch die
Ideologie der Flexibilität ersetzt, das heisst, durch die Prekarität
und die Zerschlagung der alten Errungenschaften: Man muss sich allem
anpassen, sogar an wöchentliche Verträge, an die illegale Ökonomie
oder an die definitive Verbannung aus dem produktiven Kontext. Diese
Veränderungen sind dem gesamten Westen gemein, doch an gewissen
Orten sind sie so schnell und so radikal gewesen, dass die
allgemeinen Arbeitskosten mit jenen des Südens und des Ostens
konkurrenzfähig geworden sind. Und so kam es einerseits dazu, dass
die Rückkehr des Kapitals die Ökonomie der ärmsten Länder
destabilisiert hat – mit Kriegen und Migration als Konsequenz –
und anderseits zur Verschlechterung der materiellen Lebensbedingungen
der westlichen Ausgebeuteten.


Die
kommenden Revolten


Es
ist deutlich, dass die Veränderung im Westen teilweise – wenn auch
gewaltsam – von dem, was vom alten “Sozialstaat” übrig blieb,
gedämpft wurde, aber vor allem auch von der Tatsache, das eine gute
Anzahl der Prekarisierten die Kinder von alten Proletariern sind, und
somit indirekt – durch ihre Familien – alte Errungenschaften
“geniessen”. Dennoch wird es genügen, eine weitere Generation
vorbeiziehen zu lassen und die Prekarität wird die meist verbreitete
soziale Bedingung sein. Und daher werden wir, die Kinder der alten,
industriellen Welt, ökonomisch gesehen immer nutzloser sein, de
facto
vereinigt mit der Vielheit von Unerwünschten, die an
unseren Küsten stranden. Mit dem Vergehen der Jahre und der
Vollendung dieser Tendenz verlieren all die Bewegungen ihren Sinn,
die gegenüber einem eingegrenzten Teil der Ausgebeuteten
(Immigranten, Arbeitslose, Prekarisierte, usw.) eine äussere
Unterstützung zu erbringen versuchen. Die
Ausbeutungsbedingungen werden für alle gleich sein und somit
wirklich gemeinsamen Kämpfen die Pforten öffnen. Hier ist nun
endlich der Faden, der uns alle verbindet, Arme von tausend Ländern,
Erben von solch verschiedenen Geschichten: das Kapital selbst hat die
verlorenen Familien der menschlichen Gattung in dem Elend vereint.
Das Leben, das sich am Horizont abzeichnet, wird unter dem Zeichen
der Prekarität gelebt werden. Sorgfältig von der Evolution der
Ausbeutung errichtet, ruhen hierrin die modernen, materiellen
Grundlagen für die alten Träume von Freiheit, liegt hierin der Ort
der zukünftigen Revolten.


Die
zweiköpfige Hydra


Unter
den radikalen Demokraten und dem “linken Volk” gibt es viele, die
dem Staat in den Entscheidungen, die über unseren Köpfen getroffen
werden, eine rein dekorative Rolle zusprechen. Zusammengefasst
definiert man eine globale Hierarchie, deren Gipfel die grossen
Finanzmächte und multinationalen Konzerne sind und deren Basis sich
aus den Nationalstaaten zusammensetzt; diese würden immer mehr zu
Dienern werden, zu schlichten Ausführern von unwiderruflichen
Entscheidungen.

All
dies verleitet zu einer Illusion, die bereits Trägerin von übleren
Folgen ist. Denn jene, die den Kämpfen, die sich etwas überall
gegen bestimmte Aspekte der “Globalisierung” entwickeln, eine
reformistische und gewissermassen nostalgische Wende aufdrängen
wollen, sind zahlreich: Mit der Verteidigung des “guten”, alten
Nationalkapitalismus und zugleich jener des alten Modells der
staatlichen Intervention in die Ökonomie. Niemand bemerkt indes,
dass die ultra-liberialen Theorien, die zurzeit in Mode sind, und die
keynesianischen Modelle, die es bis vor kurzem noch waren, schlicht
zwei verschiedene Formen der Ausbeutung vorschlagen.

Zweifellos
können wir angesichts des heutigen Stands der Dinge nicht
abstreiten, dass unser ganzes Leben von globalen, ökonomischen
Anforderungen bestimmt wird, dies bedeutet jedoch keineswegs, dass
die Politik ihre Schädlichkeit verloren hat. Den Staat als ein
nunmehr fiktives Gebilde zu denken oder ihn ausschliesslich als
Regulierer von sozialen Konflikten (Gericht und Polizei, sozusagen)
zu betrachten, ist einschränkend. Unter den Kapitalisten ist der
Staat derjenige, der die Lebensfunktionen für alle anderen
gewährleistet. Gleichwohl neigt seine Bürokratie, die an die
Führungkräfte der Unternehmen gebunden, ihnen aber nicht
untergeordnet ist, vor allem dazu, ihre eigene Macht zu
reproduzieren.

Der
Staat entwickelt sich selbst, indem er dem Kapital die Grundlage
bereitet. Es sind die staatlichen Strukturen, die den
fortschreitenden Abbau der Schranken von Zeit und Raum – eine
essentielle Voraussetzung für die neue Form der kapitalistischen
Herrschaft – ermöglichen, indem sie das Territorium, die Fonds und
die Forschungen liefern. Die Möglichkeit, die Waren immer schneller
zirkulieren zu lassen, wird beispielsweise durch Autobahnen, Luft-
und Seewege, Hochgeschwindigkeitszüge, usw. gewährleistet: Ohne
diese staatlich organisierten Strukturen wäre die “Globalisierung”
gar nicht vorstellbar. Auf dieselbe Weise sind die
Datenverarbeitungsnetze nichts anderes, als ein anderer Gebrauch der
alten Telefonkabel: Jegliche Neuerung in diesem Sektor
(Satelitenkommunikation, Glasfaserkabel, usw.) wird, um es noch
einmal zu sagen, von den staatlichen Apparaten sichergestellt. So
wird also auch die andere Anforderung der globalen Ökonomie (die
Zirkulation von Daten und Kapital innerhalb von wenigen Sekunden)
befriedigt. Auch in Bezug auf Forschungen und technologischen
Fortschritt spielen die Staaten eine zentrale Rolle. Von der
Atomkraft bis zur Kybernetik, von Untersuchungen über neue
Materialien bis zur Gentechnologie, von der Elektronik bis zu den
Telekommunikationsmitteln: die Entwicklung der technischen Macht ist
an die Fusion der industriellen, wissenschaftlichen und militärischen
Apparate gebunden.

Wie
jeder weiss, muss sich das Kapital von Zeit zu Zeit einer
Restrukturierung unterziehen. Das heisst, es muss die Ansiedlungen,
das Tempo, die Qualifikationen und somit die Beziehungen unter den
Arbeitern verändern. Diese Veränderungen sind oft derart radikal
(Massenentlassungen, höllisches Arbeitstempo, brutale Reduzierung
der Sicherheiten, usw.), dass sie die soziale Stabilität so sehr ins
Wanken bringen, dass Interventionen politischer Art notwendig werden.
Die sozialen Spannungen sind manchmal so stark, die syndikalistische
Polizei so machtlos und die Restrukturierungen so dringend, dass die
Staaten keine andere Lösung finden, als den Krieg.

Auf
diesem Weg leitet man die soziale Wut nicht nur zu falschen Feinden
um (die Anderen, im ethnischen oder religiösen Sinne,
beispielsweise), sondern kurbelt auch die Ökonomie wieder an: die
Militarisierung der Arbeit, die Waffenausgabestellen und die Senkung
der Löhne haben die Reste des alten industriellen Systems bis zum
Maximum rentabilisiert, während die allgemeinen Zerstörungen ihren
Platz einem moderneren Produktionsapparat und ausländischen
Investierungen überlassen. Für die Unerwünschten – die rastlosen
und überzähligen Ausgebeuteten – wird die soziale Intervention
direkter: die Vernichtung.

Einer
der Wesenszüge dieser Epoche sind die immer massiveren
Migrationsströme in die westlichen Metropolen. Die Migrationspolitik
– der Wechsel zwischen Öffnung und Schliessung der Grenzen –
wird nicht vom Sensibilitätsgrad der Regierenden festgelegt, sondern
ergibt sich aus den Versuchen, mit einer immer schwieriger zu
verwaltenden Situation fertig zu werden und Profit aus ihr zu ziehen.
Einerseits ist es nicht möglich, die Grenzen hermetisch abzuriegeln,
andererseits ist ein kleiner Prozentsatz von Migranten nützlich –
vor allem wenn sie illegal und somit der Fronarbeit ausgeliefert sind
–, da sie eine gute und billige Reserve an Arbeitskräften
darstellen. Zur gleichen Zeit jedoch bringt die Massenklandestinität
schwer zu kontrollierende soziale Konflikte mit sich. Die Regierungen
müssen sich zwischen diesen Anforderungen hindurch navigieren. Das
gute Funktionieren der ökonomischen Maschinerie hängt davon ab.

Genauso
wie der globale Markt die Ausbeutungsbedingungen vereint, ohne
deswegen den Konkurrenzkampf unter Kapitalisten zu beseitigen, so
existiert auch eine vielstaatliche Macht, die die
Herrschaftsprojekte koordiniert, ohne den politischen und
militärischen Wettstreit unter den verschiedenen Regierungen
aufzulösen. Ökonomische und finanzielle Abkommen, Gesetze über
Arbeitsflexibilität, die Rolle der Syndikate, die Koordination von
Armeen und Polizeikräften, die ökologische Verwaltung der
Umweltverschmutzung, die Repression der Abweichung – all dies wird
auf internationaler Ebene festgelegt. Die Ausführung dieser
Entscheidungen kommt dennoch jedem Staat einzeln zu, der sich der
Sache gewachsen zeigen muss. Der Körper dieser Hydra sind die
techno-bürokratischen Strukturen. Die Anforderungen des Marktes
verschmelzen nicht nur mit jenen der sozialen Kontrolle, sie benutzen
auch die selben Netze. Die Bank-, Medizins-, Polizei-, und
Versicherungssysteme beispielsweise tauschen sich ihre Daten
fortwährend aus. Die Allgegenwart von Magnetkarten verwirklicht eine
generalisierte Fichierung der Geschmäcker, Einkäufe, Bewegungen und
Gewohnheiten. Das alles unter den Augen von immer weiter verbreiteten
Überwachungskameras und inmitten von Mobiltelefonen, die die
virtuelle und selbst fichierte Version einer sozialen
Kommunikation gewährleisten, die nicht mehr existiert.

Ob
Neoliberalismus oder nicht, die Intervention des Staates auf dem
Territorium und in unsere Leben wird mit jedem Tag totalitärer, ohne
deswegen von der Gesamtheit der Produktions-, Distributions- und
Reproduktionsstrukturen des Kapitals getrennt zu sein. Die
unterstellte Hierarchie zwischen der Macht der multinationalen
Konzerne und jener der Staaten existiert de facto nicht, denn
sie operieren in gegenseitiger Symbiose für jene anorganische Macht,
die nur einen einzigen Krieg am führen ist: Den Krieg gegen die
Autonomie der Menschen und gegen das Leben auf Erden.


Der
Name der Mörder


Seit
dem Tag ihrer Eröffnung werden die Abschiebungsgefängnisse für
illegale Immigranten (centri di permanenza temporanea) von
einer langen Reihe von Revolten gezeichnet. Im Innern dieser
Strukturen werden Ausländer, die auf ihre Abschiebung warteten,
unter unmenschlichen Lebensbedingungen eingeschlossen. Es ist
schwierig hierüber zu sprechen – besonders nach der viel zu langen
Liste von Toten, die im Laufe der Revolten getötet wurden –, ohne
Gefahr zu laufen, in engstirniges Gerede zu verfallen, wie es unter
den (mehr oder weniger staatlichen, das spielt keine Rolle)
Organisationen beliebt ist, die solche Experten sind, wenn es darum
geht, das Blut zu instrumentalisieren. Es interessiert uns nicht euch
zu Emotionen oder zu einem kollektiven Bittgesuch für die
Schliessung dieser Knäste aufzufordern. Der Tod dieser Ausländer
steht neben dem Mord an Millionen von anderen Ausgebeuteten, Männern
und Frauen, die von den Kriegen, der Arbeit, der Zerstörung von
Gebieten, dem Gefängnis oder, auf speditivere Weise, durch einen
Schuss aus der Pistole eines Polizisten getötet wurden. Hören wir
auf, jenen zu glauben, die sagen, dass es sich um Missgeschicke oder
blutige Machtmissbräuche handelt: Es handelt sich um Routine. Alle
Opfer dieses globalen Schlachthauses gehen auf die Rechnung des
Kapital und der Staaten. Gegenüber dem törichten Pietismus,
gegenüber den christlichen Häppchen auf Tränenbasis, gegenüber
denjenigen, die die Migranten ausserhalb der “Lager” wollen,
solange sie ruhig sind, und im Gefängnis, wenn sie schuldig sind,
gegenüber denjenigen, die gerne eine Welt hätten, die mehr oder
weniger wie diese ist, aber etwas “menschlicher”, gegenüber
denjenigen, die von einem weniger blutigen Kapital träumen, oder
gegenüber denjenigen, die solche Ereignisse ausnutzen, um ihre
eigene “revolutionäre” Kapelle auszuweiten – in einem Wort,
gegenüber jenen, die die Solidarität innerhalb der Unterdrückung
predigen, ziehen wir die Komplizität in der Revolte vor. Kein Kampf
kann von den anderen getrennt werden, denn jede Realisierung der
Herrschaft ist zu tiefst mit den anderen verbunden. Es ist sicherlich
wichtig, die Abschiebungsgefängnisse zu schliessen, doch dies vom
Staat zu fordern, will schlicht heissen, ihn anzustossen, effektivere
und weniger sichtbare Formen der Kontrolle und Repression zu finden.
Ausserdem bedeutet zu denken, dass diese Zentren blosse physische
Strukturen sind, all die Arterien zu verbergen, die seine Existenz
ermöglichen. Von dem Roten Kreuz, das sie mitverwaltet, bis zu den
Unternehmen, die sie Erbauen, und den Lebensmittellieferanten: sie
alle sind ein Teil der Ausschaffungsgefängnisse. Auch sie
sind Mörder.


*
Im Sinne von “hors-la-loi” (frz.) oder “outlaw”
(engl.). Vogelfrei wurde einst derjenige bezeichnet, dem man
die Angehörigkeit zur Gesellschaft der Menschen entsagte. Weder
Kirche noch Regierende oder Zünfte und kein menschliches Gesetz
sollte ihn noch schützen. Jeder konnte ihn sofort und ungestraft
töten.

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