Am 8. Oktober kam Jürgen Goethals nicht nach
Hause. Er wurde in der Strasse durch Polizisten festgenommen, vor den
Untersuchungsrichter geschleppt und im Gefängnis von Gent (Nieuwe
Wandeling) hinter Schloss und Riegel gesteckt.
Am Tage zuvor,
war in der toleranten Stadt Gent einmal mehr eine Gruppe Faschisten zu
Gast. Wie es scheint, gefällt dies jedoch nicht allen. An verschiedenen
Orten äusserten Menschen ihren Unwillen, indem sie an Symbolen dieser
kapitalistischen Gesellschaft Schaden zufügten. Etwas später stellte
sich heraus, dass Jürgen in Verdacht steht, an jenen Protestaktionen
teilgenommen zu haben.
In den darauf folgenden Tagen wurden
einige Leute durch Bullen belästigt. Eineinhalb Wochen danach kam es zu
einer Hausdurchsuchung bei Paolo Melis. Er wurde dazu aufgefordert sich
zwei Tage später bei der Polizei für ein Verhör zu melden. Doch dazu
kam es nicht. Als er am darauf folgenden Tag nach Hause kam, lauerten
sie ihm auf und nahmen ihn mit. Auch er verschwand in den Kerkern der
‚Nieuwe Wandeling‘.
Am 9. November wurde ihre Festnahme
bestätigt und die Akte dem Gericht für Strafverfahren durchgegeben. In
zwei bis vier Wochen werden sie vor dem Richter erscheinen müssen.
Wir werden nicht ruhen bis wir unsere Freunde wieder in unsere Armen schliessen können, wie und wann immer wir wollen.
Freiheit für Jürgen und Paolo!
Gegen jede Form von Einschliessen!
Für die Vernichtung von Gefängnissen und deren Welt.
Für Briefe oder Postkarten:
Jürgen Goethals
Nieuwe Wandeling 89
9000 Gent
Belgien
Gian-Paolo Melis
Nieuwe Wandeling 89
9000 Gent
Belgien
Für finanzielle Unterstützung: 000-3244460-04 mit Bemerkung J+P
Gent in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober
Splitternde
Scheiben, tropfende Farbe. Der gläserne Gerichtspalast durch Vandalen
beschädigt. Laut dem Parkett ein zustande gekommener Schaden von
zehntausend Euros. Ein Pfeiler der Demokratie in einem Anflug von
Raserei angegriffen?
Überall im Zentrum von Gent, lecken
zerstörerische Flammen am Plastik von Abfallcontainern, einige
geldspuckende Automaten, bestehend zum Komfort des permanenten
Konsumenten, werden ebenfalls vom Feuer berührt. Feuerwehr und Polizei
müssen in allen Richtungen zur selben Zeit vor Ort sein. Chaos und
schrille Sirenen überall.
Schliesslich vermeldet das regionale
Fernsehen, dass einige rechte Studenten mit einer, auf physische Weise,
demoralisierenden Dosis Kritik traktiert wurden (u.a. hat der Präsident
der NSV [nationalistische Studentenvereinigung] einige ordentliche
Schläge einzustecken). Am St-Pietersplein organisiert die KVHV
(katholisch flämischer Hochstudenten Verband) eine Debatte über den
Islam in Europa. Ein Kränzchen rabiat rechter “Demokraten”, worunter
Dewinter (Hauptfigur von Vlaams Belang [extrem- rechte flämisch
nationalistische Partei]), Dedecker (Hauptfigur der Rechts-Liberalen)
und Co. vertritt den einen Standpunkt, während die Islamisten der AEL
[arabisch-europäische Liga] als Gegengewicht auftreten. An einem
anderen Ort in Gent, in der Hochschule an der Voskeslaan, feiert die
NSV (der offiziöse Studentenclub von ‚Vlaams Belang‘) den Beginn des
neuen Akademiejahres. Im letzten Jahr organisierte die NSV eine Debatte
mit Filip Dewinter als Gastredner. Damals wurde das
Universitätsgebäude, indem die Debatte hätte stattfinden sollen,
erfolgreich durch Antifaschisten besetzt. Ein Angriff der Faschisten
unter Leitung von Führer Filip wurde abgewehrt. Diese Verhinderung des
vermeintlichen Rechts der freien Meinungsäusserung für Faschisten,
durfte sich auf keinen Fall wiederholen.
Daher wurde in diesem
Jahr eine eindrucksvolle Polizeimacht eingesetzt, um den Vorkämpfern
der flämischen Demokratie ein ungestörtes Zusammentreffen zu
ermöglichen. Da eine Besammlung auf den von ihnen festgelegten Plätzen
und Zeitpunkten einzig auf ein Zusammenstoss mit einer blauen Mauer
hinausgelaufen wäre, wurde dieses Mal auf eine andere Weise reagiert.
So gingen die Partys doch nicht unbemerkt über die Bühne und wurde Gent
durch einen spontanen und launischen Ausbruch von Chaos aufgeschreckt.
Der
politische Aufmarsch von extrem Rechts in Flandern ist kein Zufall. Die
Tatsache, dass faschistische Organisationen wie die NSV und auch die
NSA (neue solidaristische Alternative) in Gent (und Flandern) schon
bald freie Hand haben und durch die Ordnungsdienste in übereifrigem
Masse beschützt werden, hat tiefer liegende Ursachen.
Extrem
Rechts bringt allerlei “Probleme” zur Sprache, die keine eigentliche
Basis haben. Weltweit ist der Spalt zwischen einer monströsen reichen,
kleinen Elite und den Massen, die täglich für ihr Überleben kämpfen,
immer tiefer geworden. Die Beschützer dieser Elite dehnen sich überall
immer mehr aus, werden immer besser ausgerüstet. Man braucht nur an die
farbenfrohen Varianten der Polizei zu denken, die unsere Strassen
beschmutzen (graue, violette, schwarze,…jede Uniform mit ihrer
eigenen Spezialisierung). Ihre Arbeit umfasst sämtliche Methoden, von
der samtenen ’sozialen‘ Herangehensweise, bis hin zur stahlharten
Repression.
Der Diskurs von extrem Rechts, der den Islam als
Bedrohung der “aufgeklärten” westlichen Welt darstellt, Menschen auf
der Flucht vor einem miserablen Bestehen als Parasiten, Arbeitslose als
Profiteurs,…beabsichtigt die Aufmerksamkeit, von diesem sich Tag für
Tag wiederholenden Krieg von Reich gegen Arm, abzulenken.
Jene
Geschichte wird uns durch die Medien überbracht, das Sprachrohr der
herrschenden Elite, die unsere Gedanken des weiteren mit
“Tittytainment” im Fernsehen und Internet verstreuen, Gesundheitskult
und Ähnlichem. Die öffentliche Meinung von Flandern, scheint sich
diesen Diskurs eigen gemacht zu haben. Auch in der Bar lauert der
Rassismus hinter jeder Ecke. Die “anderen” sind die Feinde, nicht die
Puppenspieler die dieses Theater manipulieren.
Das Nachspiel:
Natürlich
sind Justiz und Regierung nicht glücklich mit Äusserungen von
Widerstand, wie sie sich in jener Nacht ereigneten. Laut einer
öffentlichen Meinung, dominiert durch rechte Akteure, müssen Köpfe
rollen. In der selben Nacht wird eine Person, verdächtigt von mehreren
Brandstiftungen, festgenommen. Zwei Wochen später wird eine weitere
Person, unter Verdacht von ungefähr den selben Taten, verhaftet.