(Dieser Artikel erschien in im
Dezember 08 in der französischen Zeitschrift Cette Semaine.)
Frankreich
– kein Waffenstillstand für den 11. November
"Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine
Frage von Leben oder Tod ist, die sich für sie stellt: Falls sie die
Maschinen nicht stoppen , werden sie einer Niederlage begegnen. Den
Brunnen ihrer Hoffnungen, -die Sabotage- schöpfend besitzen sie
große Möglichkeiten hin zum Erfolg zu kommen, hierbei jedoch werden
sie auf die bürgerliche Empörung und deren beleidigende
Schimpfworte stoßen. Abgesehen vom Interesse am Spiel, ist es
verständlich, dass sie solchen Situationen mit leichtem Herz
entgegen gehen und dass die Angst vor Verunglimpfungen seitens der
Kapitalisten und ihrer Knechte sie nicht dazu bringt auf ihre
Siegesmöglichkeit, die einfallsreiches und mutiges Handeln ist, zu
verzichten."
Emile Pouget, Sabotage, 1911
Alle oder fast alle kennen nun die Ereignisse. Am 8.11. haben
einige gut platzierte Hakenkrallen die Oberleitungen der Bahn an vier
verschiedenen Punkten beschädigt, dadurch wurde Chaos produziert und
160 TGV-Züge aufgehalten.
Am 11.11. verhaftete die Polizei unter
heftigem Blitzgewitter der Medien zehn vermeintlich Schuldige in
verschiedenen Städten und Dörfern. Nach dem 96 stündigen Verhör
werden neun der "Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung
mit terroristischer Zielsetzung" beschuldigt und fünf davon
eingeknastet, drei von ihnen zusätzlich aufgrund "gemeinschaftlicher
Sachbeschädigung". Seit dem 2.12. sitzen noch zwei im Knast von
denen einer als "Chef" der sog. Vereinigung beschuldigt
wird.
Die Anwesenheit der Journalist_innen am Morgen der
Durchsuchungen, die die folgenden Tage für die Denunziation und
Verleumdungen gegen die sog. "Anarcho-Autonomen" in den
Massenmedien verantwortlich sind, zeigen nochmal wie sie ein
Bestandteil des Dispositiv "Antiterrorismus" sind. Gierig
nach Sensationen, mit Personalisierungen spielend und Meldungen, die
besser im Müll gelandet wären, sorgen sie für die erfolgreiche
Manifestierung der Operation, die von der Innenministerin angesetzt
wurde. Die Erfahrung der vergangenen Kämpfe sind auf keinen Fall zu
leugnen: solche Aasgeier sind Feinde, die im Dienste der Herrschaft
stehen.
Auch wenn es ein paar Naive oder Dumme gibt, die
denken, dass die Medien irgendwelchen Einfluss auf die "öffentliche
Meinung", per Definition imaginär und deshalb nach belieben
formbar, haben könnten, ist mensch nicht überrascht von der
beschränkten Denkweise wonach wir nur wenn wir mit dem Feind
kollaborieren ihm auch schaden können. Während der aktuellen Phase
der institutionellen Lüge, beobachten wir den progressiven Aufbau
der Figur von "guten" und "bösen"
Terrorist_innen.
Die ersten, dienstbaren Protagonist_innen,
Angehörige von ländlichen Gemeinschaften und gute Student_innen,
schaffen einen Altar gegen alle anderen, die nicht dem richtigen Bild
entsprechen oder sich ganz einfach weigern eine weiße Weste zu
zeigen, sobald die Macht sie dazu auffordert.
Weit entfernt
von den öffentlichkeitswirksamen Anklagen durch gewählte
Politiker_innen, Interviews und Gerede über die Existenz oder nicht
Existenz von "Beweisen", vergammeln einige andere
Genoss_innen (aufgrund von DNA-Spuren) wegen des vermeintlichen
Versuchs ein Polizeiauto anzuzünden schon seit mehreren Monaten im
Knast, auch sie beschuldigt den "Anarcho-Autonomen"
anzugehören. Andere, einige davon illegalisierte Migrant_innen,
wurden eingesperrt, weil sie beschuldigt werden den Abschiebeknast in
Vincennes angezündet zu haben, was anhand von Videomaterial
nachgewiesen werden soll. Andere aus Villiers-le-Bel entgegen diesen
"Unschuldigen" schuldig weil sie versuchen außerhalb der
Lohnarbeit zu Überleben werden täglich mit der Anschuldigung
"kriminelle Vereinigung" konfrontiert. A priori, stellen
sich die einen nicht den anderen entgegen. Außer wenn mensch die
Kategorien der Macht zu ihrer/seinen eigenen macht. Macht die das
einzige ist, was kategorisiert was terroristisch ist und was nicht.
Außer wenn mensch die Trennung zwischen "politischen"
und "sozialen" Gefangenen bestätigt.
Außer wenn
mensch mit Absicht vergisst – schon wenn mensch sich die Namen der
meisten Unterstützer_innen anguckt ("für die Tarnac 9"),
dass andere schon früher gefallen sind und andere vielleicht
nachkommen werden.
Außer wenn mensch bereit ist, im Namen der
"Unschuld" die "Schuldigen" (obwohl "die
Beweise" und die "innere Überzeugung" der Hoheit
juristischer Begrifflichkeitsdeutung unterliegen – ob wir damit
einverstanden sind oder nicht), die täglich erwischt werden,
aufzuopfern.
Außer wenn wir irgendwelchen Nutzen daraus ziehen,
wenn wir den Herrschenden helfen und de facto eine
Trennungslinie zwischen die "guten" und die "bösen"
ziehen: zwischen denjenigen, die sich lustvoll zum Hauptgebäude
einer Zeitung begeben, um über ihr Leben zu berichten und oft auch
über das der anderen, und die, die vorm Mikrofon schweigen, zwischen
denjenigen, die sich als berufliche Intellektuelle vom Staat bezahlen
lassen und denjenigen, die mit jeglicher Form von Spezialisierung
brechen wollen. Zwischen denjenigen, die ihre Meinungen in Plena mit
gewählten Politiker_innen teilen und denjenigen, die Parteisitze
angreifen. Um es kurz zu halten, zwischen denjenigen, die mit der
Macht reden und denjenigen, die definitiv unbeugsam sind.
Verrückte, die trotzig die Macht angreifen anstatt sie zu
reproduzieren (mit ihren Kategorien, ihren Rollen und Hierarchien) –
eine Reproduktion kann nur mit ihrer Verstärkung enden.
Aber
lasst uns zu den Fakten zurückkommen. Bedeutet gegen die Demokratie
zu sein und für eine freie Selbstorganisierung zwischen Individuen,
gegen jegliches repräsentative System vielleicht auch "Terrorist_in"
zu sein"
Die Sabotage zu verteidigen, genauso wie alle
anderen Instrumente des Kampfes, ohne Hierarchien jeglicher Art –
bedeutet das "Terrorist_in" zu sein?
Konsequent für
die totale Zersörung von Staat und Kapital zu kämpfen, also
Anarchist_innen zu sein, bedeutet "Terrorist_innen" zu
sein?
Böse Absichten zu haben, sie zu unterstützen und darüber
zu schreiben, bedeutet "Terrorist_innen" zu sein?
Während
der Kämpfe Mittäter_innen zu entdecken, mit ihnen Affinitäten zu
entwickeln bedeutet an sich eine "kriminelle Vereinigung"
zu sein?
Wenn das der Fall ist, dann drei mal "ja". Wir
übernehmen lauthals die Verantwortung für unsere Leidenschaft für
Freiheit und die Folgen, die sich daraus ergeben. Die selbe
Leidenschaft, die viele Unbekannte bewegt. Leute, die weit entfernt
von den medialen Sirenen täglich gegen die Herrschaft kämpfen.
In
dieser Welt, die auf Ausbeutung, Umweltzerstörung, Krieg und Miseren
basiert, ist es sicherlich nicht als kriminell zu bewerten untätig
zu bleiben, wartend auf den Moment, in dem alles untergeht oder
zynischerweise die Momente zu zählen und dabei zu hoffen, dass
jede_r für sich zurechtkommt, vereinzelt jede_r in ihrem/seinen
kleinen Käfig. Die Demokratie, das System zur mehr oder weniger
autoritären Führung des Kapitalismus ist nicht das schlimmste
System. Bis jetzt hat die Demokratie vor allem Beweise für ihre
Pleite erbracht: Die Welt, die sie dominiert bleibt eine Welt der
Unterwerfung und Entbehrungen. Es handelt sich um ein System, das
vorgibt an der Verwaltung von Desastern mitbeteiligt sein zu können
und zwar an seiner Selbstaufhebung, dabei die Gesellschaft
anstachelnd sich in Klassen aufzuteilen, dies zu verdecken – indem
die Widersprüche durch die permanente Befriedung – absorbiert
werden. Auf die selbe Art und Weise ist der Staat eben nicht das
neutrale Instrument, das den Markt reguliert. Er ist vielmehr einer
seiner Verbündeten wie zu Zeiten der "Finanzkrise" wieder
deutlich wird, wo massive Geldspritzen die Banken und Unternehmen
retten sollen während sich die Umstände der Ausbeutung
verschlimmern und das Durchhalten bis zum Ende des Monats immer
schwieriger wird.
Ja, wir wollen den Staat abschaffen, ihn nicht
erobern, denn er ist wie seine Knäste, seine Bullen und seine
Gerichte, die bloß seine Spiegelbilder sind, eine der Säulen der
tödlichen Welt. Was den Kapitalismus angeht, der vor allem ein
soziales Gefüge ohne Herz und Gefühl ist, liegt es an uns allen ihn
in seinen täglichen Erscheinungen zu bekämpfen In der sog.
"globalisierten" Ökonomie, die auf permanente Zirkulation
basiert, hat der Warenfluss (menschlicher wie auch
nicht-menschlicher) an großer Bedeutung gewonnen.
Es ist deshalb
normal, dass das Blockieren dieses Flusses wieder überall
aufgetaucht ist und die Kämpfe der letzten Jahre wenn sie auch keine
harten Schläge erzielen konnten doch wenigstens zur Grundsteinlegung
neuer Machtbeziehungen gedient haben. (von der CPE bis zum
Bahnarbeiter_innenstreik Februar 2008 in Frankreich, aber auch der
Bahn in Deutschland 2007 oder in Val di Susa in Italien 2005). Solche
antikapitalistische Kritik, die sich über die direkte Aktion
ausdrückt und die von sehr vielen Intellektuellen als unnütz,
überholt oder kriminell verurteilt wird, wurde von vielen
Ausgebeuteten in ihren Kämpfen erprobt. Das Blockieren der TGVs
(durch Beschädigung der Oberleitungen oder Brand der Kabel wie im
November 2008) – diese zerstörerischen Maschinen, die auch dafür
verantwortlich, dass sich der Warenfluss beschleunigt – war kein
Zufall sondern Frucht der gemeinsamen Erfahrungen der letzten
sozialen Kämpfe.
Ohne zu behaupten, dass Sabotage keine
vielseitige Praxis wäre, hat sie ihren Ursprung doch immer im Herzen
der Ausbeutung selbst – sei es um der/dem Chef_in Zeit zu stehlen
oder um Sachschaden gegen die Dinge anzurichten, die uns jeden Tag
mehr unterdrücken.
Wovor die Macht Angst hat ist nicht die Art,
die den Gewerkschaften zuzuordnen ist, Demonstrationen in Zeiten der
Untätigkeit abzuhalten sondern diffuse und anonyme Handlungen zu
propagieren, die sich in den permanenten sozialen Krieg einschreiben
ohne jegliche Art der Trennung. Und genau in den Momenten, in denen
der Druck gegen die Dissident_innen der wirtschaftlichen Demokratie
aufsteigt sieht die Macht keine anderen Auswege als ihre
Vergangenheit, Ideen oder einfach ihre Widersprüche zu negieren.
Solch permanente Erpressung abzulehnen, wird auch zu einer Frage der
Integrität – eine der wenigen Sachen, die uns der Staat nicht
wegnehmen kann.
Wer auch immer die Urheber_innen der Sabotage des
vergangenen Novembers sein mögen – wir drücken unsere Solidarität
mit ihren Handlungen aus. Auf die gleiche Art und Weise
wollen wir nicht einfach Unterstützung gegen die Repression, die
vorgibt eine "unsichtbare Zelle" zerschlagen zu haben,
anbieten, die sowieso nur außerhalb und relativ dazu steht, was sie
denn nun sein mögen oder mensch denkt sie wären es tatsächlich.
Sondern eine Solidarität gegen den Staat und all seine
Knechte. Eine Solidarität, die wie die Revolte nicht exklusiv sein
kann sondern sich an all diejenigen richtet, die für die Freiheit
kämpfen. Wenn die Unschuldigen unsere Solidarität verdienen, dann
die Schuldigen noch mehr!