Einspruch gegen die Kapitulation von 1937

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Erschien in:
Nosotros, 12-17. März 1937
Deutsche Erstveröffentlichung
Tiamat 1981

Zweisprachige Ausgabe
Populaerer/Belair
Berlin-Neuköln, April 2008.

Einspruch gegen die Kapitulation von 1937

Von den Libertären der Gegenwart und der Zukunft
von einem „Unkontrollierten“ der Eisenkolonne

Ich bin ein Entflohener aus San Miguel de los Reyes, dieser düsteren Strafkolonie, die die Monarchie errichtete, um dort diejenigen lebendig zu begraben die keine Feiglinge waren und sich deshalb nie den hundsgemeinen Gesetzen unterworfen haben, die die Mächtigen den Unterdrückten diktierten. Wie viele andere haben sie auch mich dorthin gebracht, weil ich eine Beleidigung gerächt habe, weil ich mich aufgelehnt habe gegen Erniedrigungen, deren Opfer ein ganzes Dorf war, weil ich, kurz gesagt, einen Dorfbonzen getötet habe.
Ich war jung damals und ich bin es heute, denn ich bin mit dreiundzwanzig Jahren in die Strafkolonie gekommen und raus kam ich, weil die anarchistischen Genossen die Tore geöffnet haben, mit vierunddreissig. Elf Jahre lang der Demütigung unterworfen, kein Mensch zu sein, ein Ding zu sein, eine Nummer zu sein.
Mit mir kamen viele Menschen raus, die genausoviel erduldet, genausoviel gelitten hatten durch gemeine Behandlung von Geburt an. Einig, als sie das Pflaster der Strasse unter den Füssen hatten, sind in alle Welt gegangen. Wir anderen haben uns mit unseren Befreiern zusammengetan, die uns als Freunde behandelten und uns als Brüder liebten. Mit ihnen haben wir nach und nach die Columna de Hierro gebildet; mit ihnen haben wir im Laufschritt die Kasernen gestürmt und die gefürchteten Guardias entwaffnet; mit ihnen haben wir in harten Angriffen die Faschisten zurückgetrieben bis hoch in die Berge, dahin, wo sie heute noch bleiben. Gewohnt, zu nehmen was wir nötig hatten, während wir die Faschisten vertrieben, haben wir von ihnen Lebensmittel und Waffen geholt. Und einige Zeit lang haben wir uns von dem ernährt, was uns die Bauern anboten und wir haben uns bewaffnet, ohne dass irgendeiner uns eine Waffe schenkte, mit dem, was wir durch die Kraft unserer Arme dem putschenden Militär wegnahmen. Das Gewehr, das ich streichle und das mich begleitet, seit ich die verdammte Strafkolonie verlassen habe, gehört mir, es ist mein Eigentum; wie ein Mann habe ich es mir von dem genommen, der es in den Händen hielt und ebenso ist es mit fast allem, was meine Genossen in ihren Händen halten, es gehört uns, es ist unser Eigentum.
Niemand, oder fast niemand, hat uns geholfen. Die Verblüffung der Bourgeois bei unserem Verlassen der Strafkolonie ist heute zur Verblüffung Aller geworden und anstatt uns entgegenzukommen und uns zu helfen, uns zu unterstützen, hat man uns wie Banditen behandelt, hat man uns beschuldigt, Unkontrollierte zu sein, weil wir nicht den Rhythmus unseres Lebens, das wir als Freies wollten und wollen, unterordnen unter die blödsinnige Willkür von irgendwelchen Leuten, die sich dumm und überheblich als Eigentümer von Menschen betrachtet haben, sobald sie in einem Ministerium oder in einem Komitee sassen; und weil wir in den Dörfern, durch die wir gekommen sind, den Faschisten ihre Güter entrissen und so die Grundlagen der Lebensweise änderten, indem wir die brutalen Dorfbonzen vernichteten, die das Leben der Bauern so schwer machten nachdem sie sie ausgeraubt hatten. Und wir gaben den Reichtum zurück in die Hände derer, die ihn als einzige zu schaffen verstehen, in die Hände der Arbeiter. Niemand, das kann ich versichern, niemand hätte sich besser mit den Enteigneten, Bedürftigen, mit denen, die ihr ganzes Leben lang ausgeplündert und verfolgt wurden, verstehen können wie wir, die Unkontrollierten, die Banditen, die aus dem Knast Entflohenen.
Niemand, niemand – ich gehe jede Wette ein – hat jemals mehr Zuneigung und Hilfsbereitschaft gegenüber den Kindern, den Frauen und den Alten. Keiner, absolut keiner kann diese tadeln, die alleine ohne Hilfe und selbst unter vielen Behinderungen von Anfang an in der ersten Linie stand. Keiner kann sie der Unsolidarität, des Despotismus, der Weichheit oder Feigheit beschuldigen, wenn es darum ging, zu kämpfen. Niemand kann sie der Gleichgültigkeit gegenüber dem Bauern oder des Mangels an revolutionärem Geist anklagen. Das alles kann ich sagen, weil die Kühnheit und die Wachsamkeit im Kampf unsere Regel war, weil der Edelmut gegenüber dem Besiegten unser Gesetz war, weil die Herzlichkeit gegenüber unseren Brüdern unsere Devise war und weil die Gutherzigkeit und der Respekt die Richtschnur unseres Lebenslaufes war.
Warum also diese schwarze Legende, die um uns herum gestrickt worden ist? Warum diese unsinnige Verbissenheit, mit der wir herabgesetzt werden sollen, wo durch unsere Herabsetzung, die gar nicht möglich ist, lediglich der revolutionären Sache und sogar dem Krieg Schaden zufügen würde?
Es gibt – und wir, die Leute aus der Strafkolonie, die mehr als jeder andere auf der Erde gelitten haben, wir wissen es allzugut – es gibt, sage ich, in der Luft eine riesige Verbürgerlichung. Der Bourgeois von Leib und Seele, der alles Mittelmässige und Unterwürfige zusammen ist, zittert beim Gedanken, seine Ruhe zu verlieren, seine Zigarre, seinen Kaffee, seine Stiere, sein Theater und seine Nuttenbesuche; und als er etwas von der Columna, dieser Columna de Hierro, der Stütze der Revolution in den Gebieten der Levante, erzählen hörte und als er erfuhr, dass die Columna ihren Marsch runter nach Valencia ankündigte, zitterte er wie Espenlaub und dachte, die von der Columna würden ihn aus seinem bequemen und elenden Leben reissen. Und der Bourgeois – es gibt viele Arten von Bourgeois und es gibt sie überall – strickte ohne Unterlass mit dem Faden der Verleumdung die schwarze Legende, mit der er uns beschenkt hat. Denn dem Bourgeois, und nur dem Bourgeois, konnten und können doch unsere Tätigkeiten schaden, unsere Revolten und diese auf verrückte Weise ununterdrückbaren Wünsche, die unsere Herzen mitreissen, das Verlangen, frei zu sein wie die Adler auf den höchsten Gipfeln oder wie die Löwen im Herzen des Waldes.
Selbst unsere Brüder, die, die mit uns auf den Feldern und in den Fabriken gelitten hatten, die, die auf entwürdigende Weise von der Bourgeoisie ausgebeutet wurden, machten sich zum Echo derer schrecklichen Ängste und sie fingen an, daran zu glauben, weil von irgendjemandem, der daran interessiert war, Chef zu werden ihnen erzählt wurde, dass wir, die Männer, die in der Columna de Hierro kämpften, Banditen und Unmenschen wären. Und ein Hass, der sich sehr oft bis zur Grausamkeit und zum fanatischen Mord steigerte, legte uns Steine in den Weg, so dass wir nicht gegen den Faschismus vorrücken konnten.
In manchen Nächten, in jenen dunklen Nächten, in denen ich mich bemühte, die Waffe im Arm und angestrengt horchend, in die Tiefe des Landes ringsherum und in die Geheimnisse der Dinge einzudringen, fand ich wie in einem Alptraum kein anderes Hilfsmittel, als mich hoch aus der Deckung aufzurichten, nicht, weil meine Gelenke steif geworden wären – sie sind aus Stahl, denn sie sind durch die Feuerprobe des Schmerzes gegangen -, sondern um noch wütender meine Waffe zu packen, während ich die Lust fühlte zu schiessen: nicht nur auf den Feind, der weniger als hundert Meter von mir versteckt lag, sondern auch auf den anderen Feind, auf den, den ich nicht sah, auf den, der sich neben mir versteckte und der heute noch Genosse ist und mich Genosse nennt, während er mich gemein verkauft, denn es gibt kein feigeres Verkaufen als das, welches sich vom Verrat ernährt. Und ich verspürte Lust, zu lachen und zu weinen und schreiend durch die Felder zu laufen und Hälse zu zerdrücken zwischen meinen Eisenfingern, so wie ich zwischen meinen Händen den des dreckigen Dorfbonzen zerdrückt habe. Ich hatte Lust,diese elende Welt zu zertrümmern, diese Welt, in der es so schwierig ist, liebevolle Arme zu finden, die deinen Schweiss abwischen und das Blut deiner Wunden stillen, wenn du müde und verletzt von der Schlacht kommst.
Wie viele Male habe ich nicht dort nachts in der Rauhheit der Berge, im Angesicht des Feindes, der uns belauerte, als alle zusammen und eine einzige Gruppe und Mannschaft waren, als ich meinen Genossen, den Anarchisten, meine Nöte und Schmerzen ausdrückte, ein Freundeswort und liebevolle Arme gefunden, die mir von neuem die Freude zu leben gegeben habe! Dann geschah es, dass ich alles Leiden, alle Vergangenheit, alle Schrecken und Qualen, die sich in meinem Körper eingegraben hatten, in den Wind schleuderte, als ob sie anderen Epochen angehört hätten, ich überliess mich unbeschwert den geträumten Abenteuern und sah schon im Fieber der Vorstellung eine andere Welt, verschieden von der, in der ich lebte und die ich doch wünschte, eine Welt, verschieden von der, in der die Menschen gelebt haben, und wir waren viele, die sie erträumten. Und die Zeit verging wie im Flug und die Ermüdungen ergriffen meinen Körper nicht meine Begeisterung verdoppelte sich und liess mich tollkühn werden und liess mich bei Tagesanbruch zur Erkundung aufbrechen um den Feind zu entdecken und . . . alles, um das Leben zu verändern; um diesem Leben, welches uns gehört, einen anderen Rhythmus zu geben; damit die Menschen, und ich mit ihnen, Brüder sein könnten; damit die Freude aus unserer Brust keimt und zumindest einmal auf der Erde wächst; damit die Revolution, diese Revolution, die Anziehungs und Zielpunkt der Columna de Hierro gewesen ist, in zukünftiger Zeit eine abgeschlossene Tat sein könnte.
Meine Träume lösten sich auf wie die weissen, langgestreckten Wolken, die über uns auf die Hochebene zogen und ich kehrte zur Enttäuschung zurück, um ein anderes Mal erneut in der Nacht zu meiner Freude zurückzufinden.  Und so verbrachte ich mein Leben, zwischen Leid und Freude, zwischen Angst und Weinen, ein glückliches Leben inmitten der Gefahr, wenn ich es vergleiche mit dem düsteren und elenden Leben der Dunkelheit und des Elends in der Strafkolonie. Eines Tages jedoch, an einem grauen und traurigen Tag auf den Gipfeln des Berges, erreichte uns eine Nachricht wie der Eiswind, der ins Fleisch beisst: „Man muss sich militärisch organisieren!“ Und diese Nachricht schnitt in mein Fleisch wie ein scharfes Messer und ich litt im Voraus alle Ängste, die ich jetzt fühlte. Während der Nächte, in der Deckung, wiederholte ich mir den Befehl: „Man muss sich militärisch organisien!“…
Neben mir wachte, während ich mich ausruhte, obwohl ich nicht schlafen konnte, der Delegierte meiner Gruppe, der demnach also Leutnant sein würde, und einige Schritte von dort, schlafend auf dem Boden, seinen Kopf auf einen Stapel Bomben gestützt, hatte sich der Delegierte meiner Hundertschaft hingelegt, der also Kapitän oder Kolonel sein würde. Ich . . . ich würde weiterhin ich bleiben, ein Kind des Landes, Rebell bis in den Tod. Ich wollte nichts und ich will nichts von Orden, Rangabzeichen oder Befehlen. Ich bin wie ich bin, ein Bauer, der im Gefängnis gelernt hat, zu lesen, der von Nahem den Schmerz und den Tod gesehen hat, der Anarchist war ohne es zu wissen und heute, wo ich es weiss, bin ich anarchistischer als gestern, als ich tötete, um frei zu sein.
Dieser Tag, der Tag, an dem von den Gipfeln der Berge, wie ein eisiger Wind, der die Seele zerreisst, die todtraurige Nachricht herabkam, wird unvergesslich bleiben, wie so viele andere in meinem Leben voller Schmerzen. Dieser Tag. . .
bah!
„Man muss sich militärisch organisieren!“
Das Leben lehrt die Menschen mehr als alle Theorien, mehr als alle Bücher. Jene, die in die Praxis hineintragen wollen, was sie von anderen gelernt haben, indem sie schluckten, was in den Büchern geschrieben steht, irren sich; die, die in Bücher hineintragen, was sie in den Windungen des Lebenswegs gelernt haben, können vielleicht ein Meisterwerk schaffen. Realität und Träumerei sind verschiedene Dinge. Träumen ist schön und gut, denn der Traum ist fast immer die Vorahnung dessen, was sein soll; das Erhabendste jedoch ist es, das Leben schön zu machen, aus dem Leben tatsächlich ein schönes Werk zu machen.
Ich habe bisher mein Leben sehr schnell gelebt. Ich habe die Jugend nicht geschmeckt, die, nach dem, was man davon liest, Freude, Anmut und Wohlbefinden ist. In der Strafkolonie habe ich nur Schmerzen gekannt. Ich bin jung von der Zahl der Jahre her, ich bin ein Alter durch all das, was ich geweint habe, durch all das, was ich erlebt habe, durch all das, was ich gelitten habe. Denn in der Strafkolonie lacht man fast niemals; in der Strafkolonie weint man immer, in sich verschlossen oder offen.
In der Zelle ein Buch zu lesen, getrennt von den Kontakten mit den Menschen, das bedeutet zu träumen. Das Buch des Lebens zu lesen, wenn es dir auf irgendeiner Seite aufgeschlagen der Wärter hinhält, wenn er dich beleidigt oder auch nur ausspioniert, bedeutet, im Kontakt mit der Realität zu sein.
Eines Tages habe ich vorgelesen, ich weiss nicht wo oder für wen, dass der Autor keine genaue Idee von der Kugelform der Erde haben könnte, wenn er sie nicht umrundet, gemessen, betastet: entdeckt hat. Ein derartiges Vorhaben erschien mir lächerlich; dieser kleine Satz jedoch blieb mir derart eingeprägt, dass ich manchmal an ihn dachte während meiner zwangsweisen Selbstgespräche in der Einsamkeit meiner Zelle.
Bis ich eines Tages, so als ob auch ich etwas wunderbares entdecken würde, was bis dahin dem Rest der Menschen verdeckt gewesen wäre, die Zufriedenheit verspürte, ganz für mich alleine der Entdecker der Rundung der Erde zu sein. Und an jenem Tag umrundete, mass und erfasste ich wie der Autor des Satzes den Planeten und eine Klarheit schuf sich in meiner Vorstellung, als ich die Erde „sah“, die sich durch unendliche Räume drehte und ein Teil der universellen Harmonie der Welten bildete.
Dieselbe Sache gilt in Bezug auf den Schmerz. Man muss ihn auswägen, ausmessen, erfassen, ihn schmecken, ihn verstehen, ihn entdecken, um in seinem Geist eine klare Idee zu haben von dem, was Er ist. Während ich einen Karren zog, auf den andere, singend und jubelnd, sich gestellt hatten, habe ich neben mir Männer gesehen, die wie ich Eselsdienste verrichten. Und sie litten nicht, und sie grollten nicht innerlich ihren Einspruch; und sie fanden es richtig und logisch, dass jene dort als Herren diejenigen waren, die sie in Zügel gespannt hatten und die Peitsche in der Hand hielten; und sie fanden es sogar logisch und richtig, dass der Patron ihnen mit einem Schlag der Peitsche das Gesicht aufriss. Wie Tiere stiessen sie ein Gebrüll aus, scharrten den Boden auf mit ihren Klauen und zogen im Galopp los. Und hinterher, oh welcher Sarkasmus, leckten sie wie sklavische Hunde die Hand, die sie peitschte.
Niemand, der erniedrigt, beleidigt, gedemütigt wurde; der sich als unglücklichste Kreatur auf Erden und zu gleicher Zeit als das edelste, das beste, da menschlichste Wesen gefühlt hat und der in eben der gleichen Zeit, wo er sein Unglück ermass und sich glücklich und stark fühlte, auf seinem Rücken und in seinem Gesicht ohne Warnung, ohne Motiv, aus dem blossen Vergnügen zu schaden und zu demütigen, die eisige Faust der Kerkerbestie ertrug; niemand, der sich in die Wärterstube gezogen sah wegen Rebellion und der dadrin, geschlagen und getreten, seine Knochen krachen hörte und sein Blut fliessen sah bis er wie eine unförmige Masse zu Boden fiel; niemand, der die von anderen Menschen aufgezwungene Folter erlitten hat, gezwungen, seine Ohnmacht zu fühlen und ihrer zu fluchen und sich ihretwegen zu verwünschen, wünschen, was auch hiess, anzufangen seine Kräfte für das nächste Mal zu sammeln; niemand, der beim Erhalt von Strafe oder Beleidigung sich bewusst wurde der Ungerechtigkeit der Strafe und der Böswilligkeit der Beleidigung und sich deswegen vornahm, dem Privileg ein Ende zu machen, das einigen die Ermächtigung gibt, zu bestrafen und zu beleidigen; niemand schliesslich, der, gefangen in dem Gefängnis oder, gefangen in der Welt, die Tragödie im Leben der Menschen verstanden hat, die verdammt sind, in Schweigen und Blindheit den Befehlen zu gehorchen, die sie erhalten.
Unter all diesen gibt es niemanden, der nicht die Tiefe des Schmerzes kennenlernen kann, die schreckliche Narbe, die der Schmerz hinterlässt bei denen, die ihn getrunken gefasst, geatmet haben, diesen Schmerz, zu schweigen und zu gehorchen. Sprechen wollen und schweigen, singen wollen und stumm bleiben, lachen wollen und gewaltsam das Lachen im Munde ersticken müssen, den Wunsch haben, zu lieben und dazu verdammt sein, im Matsch des Hasses zu schwimmen!
Ich bin in der Kaserne gewesen und dort habe ich gelernt, zu hassen. Ich bin in der Strafkolonie gewesen und dort habe ich seltsamerweise inmitten der Tränen und der Leiden gelernt, zu lieben, intensiv zu lieben.
In der Kaserne bin ich fast so weit gekommen, meine Persönlichkeit zu verlieren, derart unerbittlich war die Behandlung, der ich unterworfen war, weil Man mir eine stumpfsinnige Disziplin auferlegen wollte. Im Gefängnis, durch viele Kämpfe hindurch, habe ich meine Persönlichkeit wiedergefunden und ich war jedes Mal danach noch rebellischer dem gegenüber, was man mir aufzwang. In der Kaserne hatte ich gelernt, jede Hierarchie von der untersten bis zur obersten Stufe zu hassen; im Gefängnis jedoch, inmitten des beängstigendsten Schmerzes, habe ich gelernt, die Entwürdigten, meine Brüder, zu lieben, während ich den Hass auf die Hierarchie mit dem mich die Kaserne genährt hat, klar und rein erhielt. Gefängnisse und Kasernen sind die gleiche Sache: Despotismus und freie Ausübung der Schlechtigkeit einiger und Leiden von allen. Weder unterweist die Kaserne in die geringste Kleinigkeit, die nicht der körperlichen und geistigen Gesundheit schadet, noch erzieht das Zuchthaus.
Als ich mit diesem Urteil, mit dieser Erfahrung – einer Erfahrung, die ich machte, weil mein Leben in Schmerzen gebadet hat – den Befehl der Militarisierung den Berg herunterlaufen hörte, fühlte ich einen Moment lang mein ganzes Sein zusammenstürzen, denn ich sah klar, dass in mir der kühne Guerillero der Revolution starb um weiterzumachen in einer Existenz, die sich in der Kaserne und im Knast von jeder Eigenschaft der Persönlichkeit entblösst hatte, um noch ein Mal in den Abgrund des Gehorsams zu fallen, in den tierischen Dämmerschlaf, zu dem die Disziplin der Kaserne oder des Gefängnisses führt, denn beide gleichen sich darin. Und indem ich mit Wut mein Gewehr packte, aus der Deckung heraus den Feind und den „Freund“ betrachtete, vor und hinter die Linien schaute, liess ich eine Verwünschung los, ähnlich der, die ich hinausschleuderte als man mich als Rebellen ins Verliess führte und ich drängte eine Träne zurück, eine der Tränen, die im Gefühl meiner Ohnmacht aus mir brachen, wenn niemand mich sehen konnte. Und ich sah genau, dass die Heuchler, die aus der Welt eine Kaserne und ein Gefängnis machen wollen, die gleichen, die gleichen, die gleichen sind wie die, von denen wir gestern im Kerker unsere Knochen gebrochen bekamen, wir Menschen-Menschen.
Kasernen…Strafkolonien…, unwürdiges und elendes Leben.
Man hat uns nicht verstanden und weil man uns nicht verstehen konnte, hat man uns nicht geliebt. Wir haben gekämpft – jetzt ist falsche Bescheidenheit, die zu nichts führt, nicht am Platz – , wir haben gekämpft, ich wiederhole es, wie wenige es getan haben. Unser Platz war in der ersten Feuerlinie gewesen, aus dem guten Grund weil wir seit dem ersten Tag in unserem Sektor die einzigen gewesen sind.
Für uns hat es niemals weder Ablösung noch – was viel schlimmer war – ein freundliches Wort gegeben. Die einen wie die anderen, die Faschisten wie die Antifaschisten bis hin zu den Unsrigen – und was haben wir uns dafür geschämt – alle haben uns mit Abneigung behandelt.
Sie haben uns nicht verstanden. Oder, was noch tragischer ist im Innern der Tragödie, die wir leben, wir haben uns vielleicht nicht verständlich gemacht, denn wir wollten selbst im Krieg ein libertäres Leben führen – wir trugen auf unseren Schultern das Gewicht aller Verachtung und aller Härten durch die, die im Leben auf der Seite der Hierarchie standen -, während die anderen zu ihrem und zu unserem Unglück weiter vor den Karren des Staates gespannt geblieben sind.
Dieses Unverständnis, das uns grossen Schmerz verursacht hat, säumte unseren Weg mit Unglück und es waren nicht nur die Faschisten, die wir behandelten wie sie es verdienten, die in uns eine Gefahr sahen, sondern ebenso jene, die sich Antifaschisten nennen und ihren Antifaschismus schreien, bis sie heiser sind. Dieser Hass, der um uns herum aufgebaut wurde, gab Anlass zu schmerzhaften Zusammenstössen und der schlimmste und schändlichste von allen, der, der den Abscheu in den Mund steigen und die Hand zum Gewehr greifen lässt, ereignete sich mitten in der Stadt Valencia, als „wahrhafte rote Antifaschisten“ das Feuer auf uns eröffneten. Nun … bah! nun hätten wir fertig werden müssen mit dem, was die Konterrevolution jetzt gerade macht. Die Geschichte, die alles zusammenfasst, was die Menschen an Gutem und Schlechtem vollbringen, wird eines Tages sprechen.
Und diese Geschichte wird sagen, dass die Columna de Hierro vielleicht die einzige Sache in Spanien war, die eine klare Vorstellung hatte von dem, was unsere Revolution sein sollte. Die Geschichte wird vielleicht auch sagen, dass es diese Columna war, die der Militarisierung den meiste Widerstand entgegensetzte. Und sie wird ausserdem sagen, dass wegen des Widerstandes es Momente gab, wo die Kolone völlig ihrem Schicksal überlassen wurde, mitten in der Schlachtfront, als wenn eine Einheit von sechstausend Menschen, kriegsgewohnt und entschlossen zu siegen oder zu sterben, dem Feind überlassen werden soll, damit er sie vernichte.
Soviele Sachen wird die Geschichte erzählen und so viele Personen, die sich herrlich gross vorkommen, werden verabscheut und verflucht werden!
Unser Widerstand gegen die Militarisierung war begründet in dem, was wir über die Militärs kennengelernt hatten. Unser Widerstand heute ist begründet durch das, was wir von den Militärs heute wissen.
Das Berufsmilitär hat heute wie immer schon, hier wie in Russland, eine Kaste hervorgebracht. Sie ist es, die kommandiert: den anderen darf nur noch die Verpflichtung bleiben, zu gehorchen. Das Berufsmilitär hasst mit Leibeskräften die einfachen Leute, die es als Untergebene ansieht.
Ich sehe immer in die Augen der Menschen und ich selbst habe einen Offizier vor Wut und Abscheu zittern gesehen, als ich ihn mit Du anredete, und ich kenne Beispiele von heute, vom heutigen Tag selbst, von Kompanien, die sich proletarisch nennen, in denen der Offizierkorps, der bereits seine bescheidene Herkunft vergessen hat, nicht erlauben kann, dass ein Milizsoldat ihn duzen darf – und es gibt dafür schwere Bestrafungen.
Die „proletarische“ Armee verlangt nicht eine Disziplin, die alles in allem die Ausführung von Kampfanordnungen sein könnte. Sie verlangt die Unterwerfung, den blinden Gehorsam, die Vernichtung der Persönlichkeit des Menschen.
Genau das gleiche, genau das gleiche wie gestern, als ich in der Kaserne war. Das gleiche, genau das gleiche wie später, als ich in der Strafkolonie war.
Wir in unseren Schützengräben lebten glücklich. Sicher, wir sahen neben uns die Genossen fallen, die mit uns diesen Krieg begonnen hatten. Mehr noch, wir wussten, dass jeden Moment uns eine Kugel hingestreckt mitten im Feld lassen konnte – das ist die Gegengabe, die den Revolutionär erwartet -, aber wir lebten glücklich. Wir assen, wenn was da war. Wenn Lebensmittel fehlten, fasteten wir. Und wir waren alle zufrieden. Weshalb? Weil keiner über dem anderen stand. Wir waren alle Freunde, alle Genossen, alle Guerilleros der Revolution.
Der Delegierte der Gruppe oder Hundertschaft war uns nicht aufgezwungen worden, sondern er war von uns selbst gewählt und er fühlte sich nicht als Leutnant oder Hauptmann, sondern als Genosse. Die Delegierten der Kolonne wurden niemals zu Obersten oder Generälen, sie waren Genossen. Wir assen zusammen, kämpften zusammen, lachten und fluchten zusammen. Wir haben eine Zeit lang absolut keinen Sold bekommen und sie bekamen auch nichts. Dann haben wir zehn Pesetas bekommen und sie, sie haben auch zehn Pesatas bekommen.
Alles was wir an ihnen schätzten, und deshalb hatten wir sie gewählt, war ihre erwiesene Eignung und ihre anerkannte Tapferkeit, die sie zu unseren Delegierten machte. Es gab keine Hierarchien, keine Unterordnungen, keine autoritären Befehle. Es gab die Sympathie, die Zuneigung, die Kameradschaft. Ein glückliches Leben inmitten der Wirren des Krieges. Und so, zusammen mit Genossen, mit dem Bewusstsein, dass man wegen und für etwas kämpft, schmeckt der Krieg und man geht so weit, dass man froh den Tod akzeptiert. Wenn du dich jedoch bei den Militärs wiederfindest, dort, wo alles nur aus Befehlen und Hierarchien besteht, wenn du in deinen Händen den traurigen Sold siehst, mit dem du kaum die Familie in der Nachhut ernähren kannst, und wenn du siehst, dass der Leutnant, der Hauptmann, der Kommandant, der Oberst drei, vier, zehnmal mehr als du verdienen, obwohl sie weder mehr Begeisterung noch mehr Kenntnisse, noch mehr Tapferkeit haben als du, dann wird dein Leben bitter, denn du siehst gut, dass das nicht die Revolution ist, sondern die Art, in der eine klieine Anzahl aus einer unglücklichen Situation Profit zieht. Und so was entwickelt sich nur zum Schaden des Volkes.
Ich weiss nicht, wie wir von nun an leben werden. Ich weiss nicht, ob wir uns daran gewöhnen werden, die verletzenden Worte eines Kaporals, eines Unteroffiziers, eines Leutnants zu hören. Ich weiss nicht, ob nachdem wir uns vollständig als Menschen gefühlt haben, wir noch akzeptieren können, dressierte Tiere zu sein, denn das ist es, wohin die Disziplin führt und das ist es, was die Militarisierung darstellt.
Wir werden es bestimmt nicht können, es wird uns vollständig unmöglich sein, den Despotismus und die schlechten Behandlungen zu akzeptieren, denn man muss nur noch sehr wenig Mensch sein, um eine Waffe in der Hand zu halten und sanftmütig die Beleidigung zu schlucken. Und dennoch haben wir beunruhigende Beispiele von Genossen, die nach der Militarisierung wieder wie eine Bleiplatte die Last der Befehle gespürt haben, die von Leuten ausgingen, die sehr oft unfähig und immer lieblos waren.
Wir glaubten, dass wir dabei waren, uns zu befreien, uns zu retten und nun werden wir in das verfallen, was wir gerade bekämpfen: in den Despotismus, in die Kastenherrschaft, in den brutalsten und entfremdetsten Autoritarismus.
Die Zeit von nun an ist schwer. Da wir geschnappt wurden – wir wissen nicht warum und wenn wir es wissen, schweigen wir in diesem Moment – da wir, ich wiederhole, in einer Falle geschnappt wurden, müssen wir aus dieser Falle wieder raus, wir müssen entwischen so gut wir nur können, denn schliesslich ist das ganze Feld von Fallen gespickt.
Die Militaristen, alle Militaristen – und es gibt davon ganz Grimmige auf unserer Seite – haben uns umzingelt. Gestern waren wir Herren von allem, heute sind sie es. Die Volksarmee, die vom Volk nichts anderes hat als die Tatsache, dass sie aus dem Volk rekrutiert wurde – und das ist etwas, was schon immer geschah -, gehört nicht dem Volk, sie gehört der Regierung und die Regierung befiehlt und die Regierung bestimmt. Dem Volk erlaubt man lediglich, zu gehorchen, und gehorchen ist das, was man immer schon vom Volk verlangte.
Da wir in den Maschen der Militaristen gefangen sind, haben wir nur noch die Wahl zwischen zwei Wegen: der erste führt dazu, dass wir uns trennen, wir, die wir doch bis zum heutigen Tag Genossen des Kampfes sind; dass wir uns trennen, indem wir die Columna de Hierro auflösen. Der zweite führt zur Militarisierung.
Die Kolonne, unsere Kolonne, darf sich nicht auflösen. Die Homogenität, die sie darstellte, ist bewundernswert gewesen – ich spreche hier für uns, Genossen -; die Kameradschaft zwischen uns wird als Beispiel in der Geschichte der spanischen Revolution bleiben. Die Tapferkeit, die in hundert Kämpfen gezeigt wurde, hätte in diesem Kampf der Helden Gleiches zu finden, jedoch niemals übertroffen werden können. Vom ersten Tag an sind wir Freunde gewesen, mehr als Freunde, wir waren Genossen, Brüder. Es ist unmöglich, uns zu trennen, wegzugehen, uns nicht mehr zu sehen, nicht mehr wie bisher unser Verlangen, zu siegen und zu kämpfen, zu fühlen.
Die Kolonne, diese Columna de Hierro, die von Valencia bis nach Teruel die Bourgeois und die Faschisten zittern liess, darf sich nicht auflösen, sondern muss weitermachen bis zum Ende.
Wer kann behaupten, dass andere, weil sie sich militarisiert haben, in den Kämpfen stärker, kühner und bereitwilliger waren, ihr Blut auf den Schlachtfeldern zu vergiessen? Wir haben gekämpft wie Brüder, die eine edle Sache verteidigten, wie Brüder, die die gleichen Ideale haben, träumten wir in den Schützengräben, wie Brüder, die eine neue Welt ersehnen, sind wir mit unserem Mut voran gegangen. Sollen wir uns auflösen wie eine homogene Einheit? Niemals, Genossen. Solange wir eine Hundertschaft bleiben: zum Kampf. Solange lein einziger von uns übrigbleibt: zum Sieg.
Es wird so das kleinere Übel sein, obwohl das Übel gross ist, akzeptieren zu müssen, dass irgendjemand, der nicht von uns gewählt worden ist, uns Befehle erteilt. Dennoch … Eine Kolonne oder ein Bataillon zu sein, ist fast gleich. Was uns nicht egal ist, das ist, dass man uns nicht achtet.
Falls wir gemeinsam die gleichen Individuen bleiben, die wir im Moment sind, sollte es für uns egal sein, ob wir eine Kolonne oder ein Bataillon bilden. Im Kampf werden wir keine Leute brauchen, die uns ermutigen, während der Rast werden wir keine Leute haben, die uns untersagen uns auszuruhen, denn wir werden nicht einverstanden sein.
Der Gefreite, der Unteroffizier, der Leutnant, der Hauptmann sind entweder die Unsrigen und in diesem Fall sind wir alle Genossen, oder sie sind unsere Feinde und in dem Fall werden wir sie behandeln wie Feinde.
Kolonne oder Bataillon wird für uns, wenn wir es wollen, die gleiche Sache sein. Wir werden immer die Guerilleros der Revolution sein, gestern heute und morgen.
Was in der Folge auf uns zukommt, hängt von uns selbst ab, von dem Zusammenhalt, der zwischen uns herrscht. Niemand wird uns seinen Rhythmus aufzwingen, wir werden ihn denen, die um uns herum stehen, einprägen, denn wir haben eine eigene Persönlichkeit.
Wir dürfen eine Sache nicht ausser Acht lassen, Genossen. Der Kampf erfordert, dass wir weder unsere Arme noch unsere Begeisterung aus diesem Krieg zurückziehen. In einer Kolonne, die uns gehört, in einem Bataillon, das uns gehört, in einer Division oder in einem Bataillon, das nicht das unsrige ist: wir müssen kämpfen.
Wenn wir die Kolonne auflösen, wenn wir uns verstreuen, werden wir anschliessend zwangsläufig einberufen und uns bleibt nur noch, dahin zu gehen, wohin man uns es befiehlt und noch nicht mal mit denen, die wir uns ausgewählt haben. Und da wir keine abgerichteten Haustiere sind und nicht sein wollen, ist es gut möglich, dass wir mit Leuten zusammenstossen, mit denen wir nicht zusammenstossen sollten: mit denen, die, ob es nun gut oder schlecht ist, unsere Verbündeten sind.
Die Revolution, unsere Revolution, diese anarchistische und proletarische Revolution, der wir seit den ersten Tagen die Ruhmesblätter gegeben haben, verlangt von uns, die Waffe nicht niederzulegen und ebensowenig den festen Kern zu verlassen, den wir bis zum heutigen Tag gebildet gehabt haben, was auch immer der Name sei, mit dem man ihn bezeichnet: Kolonne, Division oder Bataillon.

Ein „Unkontrollierter“ der Columna de Hierro.

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