In offener Feindschaft mit dem Bestehenden, seinen Verteidigern und seinen falschen Kritikern (Seite 2)

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VI

« Wir sind zu jung, wir können nicht länger warten. »
Wandgraffiti in Paris
Die Stärke eines Aufstands ist sozial, nicht militärisch. Das Mass, um die Auswirkung einer generalisierten Revolte abzuschätzen, ist nicht die bewaffnete Konfrontation, sondern vielmehr, in welchem Umfang die Ökonomie lahmgelegt und Produktions- und Distributionsstätten eingenommen wurden, das freie Geben jegliche Berechnung versengte und von den Pflichten und sozialen Rollen desertiert wurde; in einem Wort: die Umwälzung des Lebens.

Keine Guerilla, wie effektiv sie auch sein mag, kann diese überwältigende Bewegung der Zerstörung und Umformung ersetzen. Der Aufstand ist das anmutige Zutagetreten einer Banalität: Keine Macht kann herrschen, ohne die freiwillige Knechtschaft jener, die sie ertragen. Nichts bringt besser als die Revolte ans Licht, dass es die Ausgebeuteten selbst sind, die die mordende Ausbeutungsmaschine am Laufen halten. Die verbreitete und wilde Unterbrechung der sozialen Aktivität zieht plötzlich den Vorhang der Ideologie weg und lässt die wirklichen Kräfteverhältnisse hervortreten; so zeigt sich der Staat als das, was er ist – die politische Organisation der Passivität. Die Ideologie auf der einen und die schöpferische Fantasie auf der anderen Seite enthüllen nun ihr gesamtes materielles Gewicht. Die Ausgebeuteten entdecken schlicht eine Kraft, die sie schon immer besassen, und brechen mit der Illusion, dass sich die Gesellschaft von selbst reproduziert – oder irgendein Maulwurf ihr den Weg bereitet.

Sie erheben sich gegen ihre eigene, unterwürfige Vergangenheit – das, was eben der Staat** ist –, gegen die Gewohnheit, die zur Verteidigung der alten Welt errichtete wurde. Die Verschwörung von Aufständischen ist die einzige Gelegenheit, bei welcher die “Kollektivität” weder die Nacht ist, die den Flug der Glühwürmchen an die Polizei verrät, noch die Lüge, die aus der Summe der individuellen Unbehagen ein Allgemeingut macht, sondern das Schwarz, dass der Differenz die Stärke der Komplizenschaft verleiht. Das Kapital ist in erster Linie eine Gemeinschaft von Denunzianten, eine Vereinigung, die die Individuen schwächt, ein Zusammensein, das uns getrennt hält. Das soziale Bewusstsein ist eine Stimme in unserem Innern, die wiederholt: “die anderen akzeptieren es”. Die wirkliche Kraft der Ausgebeuteten richtet sich somit gegen sie selbst. Der Aufstand ist der Prozess, der diese Kraft befreit und sie auf die Seite der Lebensfreude und Autonomie trägt; es ist der Moment, in dem man gegenseitig denkt, dass die beste Sache, die man für die Anderen tun kann, ist, sich selbst zu befreien. In diesem Sinne ist er “eine kollektive Bewegung individueller Realisierung”.

Die Normalität der Arbeit und der “Freizeit”, der Familie und des Konsums tötet jede böse Leidenschaft für die Freiheit. (Selbst in diesem Moment, während wir diese Zeilen schreiben, sind wir von unseren Mitmenschen getrennt, und diese Trennung erleichtert den Staat um die Last, uns das Schreiben zu verbieten). Ohne einen gewaltsamen Bruch mit der Gewohnheit, ist keine Veränderung möglich. Doch Revolte ist stets das Werk von Minoritäten. Um sie herum gibt es die Masse, bereit sich zum Instrument der Herrschaft zu machen (für den rebellierenden Sklaven besteht die Macht zugleich aus der Gewalt des Meisters und aus der Unterwerfung der anderen Sklaven), oder durch Untätigkeit, die im Gange befindliche Veränderung hinzunehmen. An dem grössten, wilden Streik der Geschichte – jenem des Mai 68 – beteiligte sich bloss ein Fünftel der Bevölkerung eines einzigen Staates. Die einzige aus all dem zu ziehende Schlussfolgerung ist weder, die Macht an sich zu reissen, um die Massen zu führen, noch, dass es notwendig ist, sich als das Bewusstsein des Proletariats zu präsentieren; sondern schlichtwegs, dass es keinen Sprung von der heutigen Gesellschaft in die Freiheit geben kann. Die unterwürfige, passive Haltung ist keine Angelegenheit, die sich in einigen Tagen oder Monaten auflösen wird. Doch ihr Gegenteil muss sich Raum verschaffen und sich eigene Zeit nehmen. Die soziale Umwälzung ist bloss die Voraussetzung zum Aufbruch.

Die Verachtung der “Masse” ist nicht qualitativ, vielmehr ideologisch, also den herrschenden Vorstellungen unterworfen. Das Volk des Kapitals existiert, gewiss, aber es hat keine präzisen Konturen. Denn das Unbekannte und der Wille zu leben treten meuternd aus der anonymen Masse hervor. Zu sagen, wir seien die einzigen Rebellen in einem Meer aus Unterwerfung, ist im Grunde genommen beruhigend, denn es beendet das Spiel schon im Voraus. Wir sagen bloss, dass wir nicht wissen, wer unsere Komplizen sind, und dass es eines sozialen Sturmes bedarf, um diese aufzuspühren. Heute entscheidet jeder von uns darüber, inwiefern die Anderen nicht entscheiden können (indem man sein eigenes Entscheidungsvermögen aufgibt, lässt man eine Welt von Automaten funktionieren). Im Verlaufe des Aufstands vergrössert sich durch die Waffen die Möglichkeit zu Wählen und mit den Waffen gilt es, sie zu verteidigen; denn auf dem Kadaver des Aufstands, keimt die Reaktion. Auch wenn das aufständische Phänomen in seinen aktiven Kräften minoritär ist (doch in Bezug auf welche Masseinheit?), kann es äusserst weitreichende Dimensionen annehmen, und in dieser Hinsicht enthüllt es seine soziale Natur. Je umfangreicher und enthusiastischer die Rebellion ist, desto weniger wird die militärische Konfrontation zu seinem Mass. Mit der Ausbreitung der bewaffneten Selbstorganisation der Ausgebeuteten zeigt sich die ganze Gebrechlichkeit der sozialen Ordnung und verfestigt sich das Bewusstsein, dass die Revolte – ebenso wie die Hierarchien und Warenbeziehungen – überall ist. Wer hingegen an die Revolution als Staatsstreich denkt, hat eine militärische Auffassung der Konfrontation. Jegliche Organisation, die sich als Avantgarde der Ausgebeuteten hinstellt, neigt dazu, die Tatsache zu verbergen, dass die Herrschaft eine soziale Beziehung und nicht ein schlichtes zu eroberndes Hauptquartier ist; denn wie könnte sie sonst ihre Rolle rechtfertigen?

Das Nützlichste, was mit den Waffen getan werden kann, ist, sie so unnütz wie möglich zu machen. Aber das Problem der Waffen bleibt abstrakt, solange es nicht mit der Beziehung zwischen Revolutionären und Ausgebeuteten, zwischen Organisation und reeller Bewegung in Verbindung gebracht wird.

Allzuoft haben die Revolutionäre behauptet, das Bewusstsein der Ausgebeuteten zu sein und den Grad ihrer subversiven Reife zu repräsentieren. So ist die “soziale Bewegung” zur Rechtfertigung der Partei geworden (die in der leninistischen Version zu einer Elite von Berufsrevolutionären wird). Je mehr man von den Ausgebeuteten getrennt ist, desto mehr muss man eine Beziehung repräsentieren, die mangelt; hierin besteht der Teufelskreis. Die Subversion wird somit auf die eigenen Praktiken reduziert, und die Repräsentation wird zur Organisation einer ideologischen Erpressung – die bürokratische Version der kapitalistischen Aneignung. Die revolutionäre Bewegung identifiziert sich also mit ihrem “fortgeschrittensten” Ausdruck, demjenigen, der ihr Konzept realisiert. Die hegelianische Dialektik bietet ein perfektes Gerüst für diese Konstruktion.

Doch es gibt auch eine Kritik der Trennung und der Repräsentation, die das Warten rechtfertigt und der Rolle der Kritiker Wert beimisst. Unter dem Vorwand, sich nicht von der “sozialen Bewegung” zu trennen, endet man damit, jegliche Praxis des Angriffs, als “Flucht nach vorne” oder “bewaffnete Propaganda” anzuprangern. Ein weiteres Mal ist der Revolutionär dazu berufen, die wirklichen Bedingungen der Ausgebeuteten zu “entschleiern”, wenn auch durch seine eigene Untätigkeit. Demnach ist ausserhalb einer sichtbaren, sozialen Bewegung überhaupt keine Revolte möglich. Jene, die zur Tat übergehen, müssen sich also zwangsläufig an die Stelle der Proletarier setzen wollen. Die “radikale Kritik”, die “revolutionäre Erleuchtung” wird so zum einzigen zu verteidigenden Erbe. Das Leben ist ein Elend, man kann also nur das Elend theoretisieren. Die Wahrheit über alles. Auf diese Weise wird die Trennung zwischen den Subversiven und den Ausgebeuteten nicht im Geringsten beseitigt, sie wird bloss verschoben. Wir sind nicht Ausgebeutete an der Seite anderer Ausgebeuteter; unsere Träume, unser Wut und unsere Schwächen sind nicht Teil des Klassenkonfliktes. Wir können nicht handeln, wenn es uns danach ist: Wir haben eine Mission zu erfüllen – auch wenn sie sich selbst nicht so nennt. Es gibt also jene, die sich durch das Handeln für das Proletariat aufopfern und jene, die es durch die Passivität tun.

Diese Welt vergiftet uns, sie zwingt uns zu unnützen und schädlichen Handlungen, sie drängt uns die Notwendigkeit von Geld auf und beraubt uns der leidenschaftlichen Beziehungen. Wir werden alt, inmitten von Männern und Frauen ohne Träume, Fremde in einer Gegenwart, die unserem freizügigsten Elan keinen Platz übriglässt. Wir sind nicht Partisanen irgendeiner Selbstverleugnung. Das Beste was diese Gesellschaft anzubieten hat (eine Karriere, ein Ansehen, ein plötzlicher, grosser Gewinn, die “Liebe”) interessiert uns ganz einfach nicht. Das Erteilen von Befehlen ist uns genauso zuwider wie die Gehorsamkeit. Wir sind Ausgebeutete wie die Anderen und wir wollen unverzüglich mit der Ausbeutung Schluss machen. Die Revolte hat für uns keine weitere Rechtfertigung nötig.

Unser Leben entgleitet uns und jeglicher Klassendiskurs, der dies nicht zum Ausgangspunkt nimmt, ist nichts als eine Lüge. Wir wollen soziale Bewegungen weder dirigieren noch tragen, sondern an den bestehenden in dem Masse teilnehmen, wie wir in ihnen gemeinsame Ansprüche erkennen. In einer masslosen Perspektive der Befreiung gibt es keine übergeordneten Kampfformen. Die Revolte braucht alles, Zeitschriften und Bücher, Waffen und Sprengsätze, Überlegung und Blasphemie, Gifte, Dolche und Brandstiftungen. Die einzige interessante Frage ist, wie sie kombinieren?


VIII

« Es ist leicht ein Vogel zu treffen, der in gerader Linie fliegt. »
B. Gracián
Wir können das Verlangen, das eigene Leben umgehend zu verändern nicht nur verstehen, es stellt auch das einzige Kriterium dar, nach dem wir unsere Komplizen suchen. Dasselbe gilt für das, was man ein Bedürfniss nach Kohärenz nennen könnte. Der Wille seine Ideen auszuleben und die Theorie ausgehend von seinem eigenen Leben zu erschaffen, ist gewiss keine Suche nach Exemplarität (mit ihrer paternalistischen und hierarchischen Kehrseite), sondern im Gegenteil, die Verweigerung jeglicher Ideologie, einschliesslich jener der Freude. Noch bevor wir nachdenken, trennt uns die Art und Weise selbst, die Existenz zu betasten, von denjenigen, die sich mit den Lebensräumen, die sie in dieser Gesellschaft finden – und erhalten – zufriedenstellen können. Doch ebenso fern fühlen wir uns von jenen, die von der alltäglichen Normalität desertieren wollen, um sich der Mythologie der Klandestinität und der bewaffneten Organisation hinzugeben, was heisst, um sich in anderen Käfigen einzuschliessen. Überhaupt keine Rolle, wie gesetzlich Riskant sie auch sei, kann die reelle Veränderung der Beziehungen ersetzen. Es liegt keine Abkürzung zur Hand, es gibt keinen unmittelbaren Sprung ins Anderswo. Die Revolution ist kein Krieg.

Die unheilvolle Ideologie der Waffen hat schon in der Vergangenheit das Bedürfnis nach Kohärenz von einigen in eine Herdenmentalität von vielen verwandelt. Mögen sich die Waffen ein für alle mal gegen die Ideologie wenden.

Wer die Leidenschaft für soziale Umwälzung und eine “persönliche” Vision des Klassenkampfes besitzt, will sofort etwas tun. Wenn er den Wandel des Kapitals und des Staates analysiert, dann um sich für den Angriff zu entscheiden, und gewiss nicht, um mit klareren Ideen schlafen zu gehen. Wenn er die Verbote und Trennungen des herrschenden Gesetzes und der herrschenden Moral nicht verinnerlicht hat, dann mit der Absicht, alle Mittel zur Bestimmung der eigenen Spielregeln zu verwenden. Schreibfeder und Pistole sind für ihn in gleichem Masse Waffen, im Unterschied zum Schriftsteller und zum Soldaten, für welche die Dinge Berufsangelegenheiten und daher eine Warenindentität sind. Der Subversive bleibt subversiv, auch ohne die Feder oder die Pistole, solange er jene Waffe besitzt, die alle anderen enthält: seine Entschlossenheit.

Der “bewaffnete Kampf” ist eine Strategie, die in den Dienst eines beliebigen Projektes gestellt werden kann. Heute wird die Guerilla auch von Organisationen eingesetzt, deren Programm im Wesentlichen sozialdemokratisch ist; sie verteidigen ihre Forderungen schlicht mit einer militanteren Praxis. Politik lässt sich auch mit Waffen machen. In jeglicher Unterhandlung mit der Macht – das heisst, in jeder Beziehung, die sie als Gesprächspartner beibehält, wenn auch als Gegner – müssen sich die Verhandelnden als repräsentative Kraft darstellen. Eine soziale Realität zu repräsentieren, bedeutet aus dieser Sicht, sie auf die eigene Organisation zu reduzieren. Der beabsichtigte bewaffnete Konflikt ist folglich nicht diffus und spontan, sondern an diverse Unterhandlungsphasen gebunden. Die Organisation wird die Ergebnisse verwalten. Die Beziehungen zwischen den Organisationsmitgliedern, und zwischen diesen und dem Rest der Welt spiegeln als Folge das wieder, was ein autoritäres Programm ist; sie tragen die Hierarchie und die Unterwerfung in ihrem Herzen.

Das Problem ist bei denjenigen, die sich die gewalttätige Übernahme der politischen Macht zum Ziel machen nicht viel anders. Es geht ihnen darum, Propaganda für ihre Kraft als Avantgarde zu machen, die fähig ist, die revolutionäre Bewegung zu leiten. Der “bewaffnete Kampf” wird als die höchste Form der sozialen Kämpfe dargestellt. Diejenigen, die militärisch am repräsentativsten sind – dank der spektakulären Wirkung der Aktionen –, bilden folglich die authentische bewaffnete Partei. Die Prozesse und die Volksgerichte sind die konsequente in Szene Setzung von denjenigen, die sich an der Stelle des Staates sehen wollen.

Der Staat seinerseits hat alles Interesse daran, die revolutionäre Bedrohung auf eine Hand voll kämpfender Organisationen zu reduzieren, um so die Subversion in einen Konflikt zwischen zwei Armeen zu verwandeln: die Institutionen auf der einen Seite, die bewaffnete Partei auf der anderen. Wovor sich die Herrschaft wirklich fürchtet, ist die generalisierte und anonyme Revolte. Das mediale Bild des “Terroristen” arbeitet Hand in Hand mit der Polizei zur Verteidigung des sozialen Friedens. Der Bürger applaudiert oder empört sich, bleibt jedoch so oder so ein Bürger, das heisst, ein Zuschauer.

Schliesslich nährt die reformistische Verschönerung des Bestehenden die bewaffnete Mythologie indem sie die falsche Wahl zwischen legaler Politik und klandestiner Politik produziert. Es genügt festzustellen, wie viele aufrechte, linke Demokraten sich von den Guerillas in Mexiko oder Lateinamerika gerührt fühlen. Die Passivität benötigt stets Ratgeber und Spezialisten. Wenn sie von den einen – den traditionellen – enttäuscht wird, schart sie sich um die neuen.

Eine bewaffnete Organisation – mit einem Programm und einem Kennzeichen –, die ausschliesslich aus Revolutionären besteht, kann sicherlich libertäre Charakteristiken enthalten, ebenso wie die soziale Revolution, die zahlreiche Anarchisten wollen, zweifellos auch ein “bewaffneter Kampf” ist. Doch genügt das?

Wenn wir die Notwendigkeit erkennen, die bewaffnete Tat im Laufe der aufständischen Konfrontation zu organisieren; wenn wir von nun an die Möglichkeit verteidigen, die Menschen und Strukturen der Herrschaft anzugreifen; wenn wir schliesslich die horizontale Verbindung zwischen Affinitätsgruppen in den Praktiken der Revolte als entscheidend erachten, dann kritisieren wir im Gegenzug die Perspektive von jenen, die die bewaffneten Aktionen als eine wirkliche Überwindung der Grenzen der sozialen Kämpfe darstellen und somit einer Kampfform eine den anderen übergeordnete Rolle zuschreiben. Darüberhinaus sehen wir in dem Gebrauch von Kennzeichen und Programmen die Schaffung einer Identität, die die Revolutionäre von anderen Ausgebeuteten separiert, während sie sich gleichzeitig für die Augen der Macht sichtbar, das heisst, repräsentierbar macht. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist der bewaffnete Angriff nicht mehr eines der zahlreichen Mittel zur eigenen Befreiung, sondern ein Ausdruck, der mit einem symbolischen Wert aufgeladen ist und zur Aneignung der anonymen Rebellion tendiert. Die informelle Organisation als Handlung an den zeitlichen Aspekt der Kämpfe gebunden, wird zur permanenten und formalisierten Entscheidungsstruktur. Was eine Gelegenheit war, sich in seinen Projekten zu treffen, verwandelt sich in ein Projekt an sich. Die Organisation beginnt, genauso wie die reformistischen, quantitativen Strukturen, ihre eigene Reproduktion anzustreben. Daraus folgt unabwendbar die triste Reihe von Bekennerschreiben und programmatischen Dokumenten, in welchen man den Ton anhebt, um sich folglich in der Suche nach einer Identität wiederzufinden, die nur existiert, weil sie deklariert wurde. Angriffsaktionen, die mit anderen, schlicht anonymen Aktionen vergleichbar sind, scheinen somit wer weiss was für einen qualitativen Sprung in der revolutionären Praxis darzustellen. Das Muster der Politik taucht wieder auf und man beginnt in gerader Linie zu fliegen.

Natürlich ist die Notwendigkeit sich zu organisieren etwas, das die Praxis der Subversiven, über die Erfordernisse eines Kampfes hinaus, immer begleiten kann. Doch um sich zu organisieren braucht es lebendige und konkrete Vereinbarungen, nicht ein Bild auf der Suche nach Scheinwerfern.

Das Geheimnis des subversiven Spiels ist die Fähigkeit, die deformierenden Spiegel zu zerschlagen und sich von Angesicht zu Angesicht mit den eigenen Nacktheiten wiederzufinden. Die Organisation ist die reelle Gesamtheit von Projekten, die sie zum Leben erweckt. Alles andere ist eine politische Prothese und nichts anderes.

Der Aufstand ist viel mehr als ein “bewaffneter Kampf”, denn die generalisierte Konfrontation macht aus ihm Eins mit der Umwälzung der sozialen Ordnung. Die alte Welt wird umgestürzt, insofern die aufständischen Ausgebeuteten alle bewaffnet sind. Nur dann sind die Waffen nicht mehr der abgetrennte Ausdruck einer Avantgarde, das Monopol zukünftiger Bosse und Bürokraten, sondern die konkrete Bedingung der revolutionären Fete: die kollektive Möglichkeit, die Umwandlung der sozialen Beziehungen auszuweiten und zu verteidigen. In Abwesenheit des aufständischen Bruchs ist die subversive Praxis noch weniger ein “bewaffneter Kampf”, es sei denn, man will das masslose Feld seiner Leidenschaften einzig auf bestimmte Werkzeuge beschränken. Die Frage ist, ob man sich selbst mit den bereits festgelegten Rollen zufriedengeben will, oder ob man die Kohärenz ausgehend vom entlegendsten Punkt sucht: dem Leben.

So werden wir in der diffusen Revolte, im Gegenlicht eine prächtige Verschwörung von Egos ausmachen können, um eine Gesellschaft ohne Chefs und ohne Schlafende zu erschaffen. Eine Gesellschaft freier und einzigartiger Individuen.


IX

« Frag uns nicht nach der Formel, die dir Welten zu öffnen vermag,
doch irgendeine deformierte Silbe, trochen wie ein Ast.
Heute können wir dir einzig sagen, was wir
nicht sind,
was wir
nicht wollen. »
E. Montale
Das Leben kann nicht nur etwas sein, woran man sich festhält. Es existiert eine Idee, die jeden zumindestens einmal flüchtig streift. Wir besitzen eine Möglichkeit, die uns freier macht als die Götter: Jene davonzugehen. Es ist eine Idee, die in aller Fülle auszukosten ist. Nichts und Niemand verpflichtet uns zu leben. Nicht einmal der Tod. Darum ist unser Leben eine tabula rasa; eine noch unbeschriebene Tafel, die folglich alle möglichen Worte enthält. Mit einer solchen Freiheit können wir nicht als Sklaven leben. Sklaverei ist für jene gemacht, die zum Leben verdammt sind, jene, die bis in die Unendlichkeit gezwungen sind, nicht für uns. Für uns gibt es das Unbekannte.

Das Unbekannte von Stimmungen, in denen es sich zu verlieren gilt, von nie erforschten Gedanken, von Gewissheiten, die in Luft aufgehen, von perfekten Fremden, denen wir das Leben anzubieten haben. Das Unbekannte einer Welt, der wir endlich den Überfluss an Selbstliebe geben können. Und auch das Risiko. Das Risiko von Brutalität und Angst. Das Risiko schliesslich dem Lebensschmerz ins Gesicht zu blicken. All dies betrifft jene, die mit dem Beruf des Existierens Schluss machen wollen.

Unsere Zeitgenossen scheinen beruflich zu leben. Sie schlagen keuchend mit tausend Verpflichtungen um sich, selbst mit der tristesten – jener, sich zu amüsieren. Sie verhüllen die Unfähigkeit, über ihr eigenes Leben zu bestimmen, mit detaillierten und hektischen Aktivitäten, mit einer Geschwindigkeit, die täglich passivere Verhaltensweisen verwaltet. Sie kennen die Leichtigkeit des Negativen nicht.

Wir können uns entscheiden, nicht zu leben. Dies ist der schönste Grund, um sich mit Stolz dem Leben zu öffnen. « Es ist noch immer Zeit, die Tür hinter sich zuzuschlagen; wir können also ebensogut rebellieren und spielen » – so spricht der Materialismus der Freude.

Wir können uns entscheiden, nichts zu tun. Dies ist der schönste Grund, um zu handeln. Wenn wir die Kraft aller Taten, zu denen wir fähig sind in uns versammeln, dann wird uns kein Boss jemals die Möglichkeit zu Verweigern entreissen. Was wir sind und was wir wollen beginnt mit einem Nein. Daraus gehen die einzigen Gründe hervor, sich Morgens zu erheben. Daraus gehen die einzigen Gründe hervor, um bewaffnet zum Angriff auf eine Ordnung überzugehen, die uns erstickt.

Auf der einen Seite gibt es das Bestehende, mit seinen Gewohnheiten und seinen Sicherheiten. Und an Sicherheiten, diesem sozialen Gift, kann man sterben.

Auf der anderen Seite gibt es den Aufstand, das Unbekannte, das im Leben eines jeden hervorbricht. Der mögliche Beginn einer exzessiven Praxis der Freiheit.

 

Anmerkungen des Übersetzers 

* “schlecht/böse” und “gefangen” fallen im italienischen Wort cattivo zusammen. Daher das Wortspiel mit cattività (Gefangenschaft) und cattiveria (Bosheit).

** Wortspiel zwischen “Staat” und “gewesen”, was im Italienischen beides stato heisst.