Autonome Selbst-Organisierung & anarchistische Intervention – Eine Spannung in der Praxis

 

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Autonome Selbst-Organisierung & anarchistische Intervention – Eine Spannung in der Praxis

 

Einleitung: Ein paar Definitionen und Erklärungen

Jeder potentiell befreiende Kampf von Ausgebeuteten und Enteigneten gründet notwendig auf autonomer Selbst-Organisierung. Als AnarchistInnen, für gewöhnlich selbst ebenfalls Ausgebeutete, haben wir jeden Grund an diesen Kämpfen teilzunehmen und dazu zu ermutigen. Da wir jedoch ein spezifisch revolutionäres Ziel und spezifische Ideen davon haben, wie wir unsere Kämpfe führen wollen, nimmt unsere Beteiligung die Form einer Intervention an, die diese Kämpfe in eine spezifische Richtung bewegen soll. Da wir weder den Wunsch nach irgendeiner Form von Avantgarde oder Führung haben, noch uns im freudlosen Spiel der Politikmacherei verfangen wollen, finden wir uns in der Spannung wieder, unsere Konzepte von Kampf und Freiheit im Kontext einer unfreien Realität zu leben; versuchen wir die realen Probleme, denen wir uns täglich gegenübersehen, mit der uns eigenen Verweigerung der Spielregeln dieser Welt entgegenzutreten. Daher ist die Frage autonomer Selbst-Organisierung und anarchistischer Intervention ein fortwährendes Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, ohne auf einfache Antworten und den Glauben an organisatorische Patentrezepte hereinzufallen. Werfen wir zunächst einen Blick auf einige Definitionen und Erklärungen, um diese Frage genauer zu untersuchen.

Autonome Selbst-Organisierung

Wenn ich von autonomer Selbst-Organisierung spreche, meine ich damit ein spezifisches Phänomen, das die Neigung hat überall dort aufzutauchen, wo Leute wütend über ihre Lebensbedingungen sind und den Glauben an jene verloren haben, die delegiert wurden, um für sie zu handeln; wo Leute sich entscheiden für sich selbst zu handeln. Autonome Selbst-Organisierung manifestiert sich daher niemals in Form einer politischen Partei, einer Gewerkschaft oder einer anderen Art repräsentativer Organisation. All diese Formen der Organisierung beanspruchen die Kämpfenden zu repräsentieren, in ihrem Namen zu handeln. Autonome Selbst-Organisierung definiert sich genau in der Zurückweisung jeglicher Repräsentation. Parteien, Gewerkschaften und andere repräsentative Organisationen neigen dazu, autonomen Organisierungen einzig in Form einer Vereinnahmung des Kampfes zu begegnen – danach zu streben, die Führung zu übernehmen und sich selbst zu SprecherInnen des Kampfes zu ernennen – üblicherweise mit dem Ziel, mit den Herrschenden zu verhandeln. Daher können sie überall dort nur als potenzielle Ursupatoren gesehen werden, wo es zu einer wirklich selbst-organisierten Revolte kommt.
Autonome Selbst-Organisierung definiert sich durch einige wesentliche Merkmale. Zuallererst ist sie nicht-hierarchisch. Es gibt keine institutionelle oder dauerhafte Führung oder Autorität. Auch wenn einer Person, die in bestimmten, auf den aktuellen Kampf bezogenen Dingen über besonderes Wissen verfügt, die Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird, die ihr hinsichtlich dieses Wissens gebührt, kann nicht zugelassen werden, dass darauf irgendeine permanente Führungsrolle gegründet wird, da dies ein weiteres wesentliches Merkmal autonomer Selbst-Organisierung untergraben würde: Horizontale Kommunikation und Beziehungen. Dabei geht es darum, dass die Leute miteinander sprechen und interagieren, miteinander handeln und sich wechselseitig beeinflussen, ihre Wünsche und Bedürfnisse offen zum Ausdruck bringen, die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, tatsächlich gemeinsam und in praktischen Begriffen diskutieren, ohne dass irgendeine Führung diesen Ausdruck an eine vorgegebene Linie anpasst. Dies bringt uns zu einem weiteren Merkmal, das unter kollektivistischen Ideologen umstritten sein mag, das aber allein im Stande ist, die ersten beiden Merkmale zu garantieren: Die grundlegende Einheit autonomer Selbst-Organisierung ist das Individuum. Ansonsten könnte argumentiert werden, dass alle Staaten und Geschäfte autonome Selbst-Organisierungen sind, denn auf institutioneller und kollektiver Ebene organisieren sie sich selbst. Die Individuen aber, die deren menschliche Komponente bilden, werden über diese Institutionen definiert und entsprechend institutioneller Bedürfnisse platziert. Somit besteht autonome Selbst-Organisierung zuallererst im Individuum, das seinen Kampf gegen die ihm von der Welt aufgezwungenen Verhältnisse auf die ihm eigene Art organisiert und die Mittel findet, die notwendig sind, um diesen Kampf zu führen. Diese notwendigen Mittel aber bestehen auch in Beziehungen zu anderen Leuten, daher ist autonome Selbst-Organisierung auch eine kollektive Praxis. Aber diese kollektive Praxis baut nicht darauf auf, die Individuen an eine ihnen aufgenötigte Organisation anzupassen, sondern setzt vielmehr auf das Entwickeln von Beziehungen der Gegenseitigkeit zwischen ihnen, wobei sie gemeinsames Terrain in ihren Kämpfen und Bedürfnissen entdecken, Verbundenheit in ihren Träumen und Wünschen. Mensch könnte sagen, dass autonome Selbst-Organisierung in der Entwicklung geteilter Kämpfe besteht, die zur vollen Verwirklichung aller beteiligten Individuen auf Gegenseitigkeit aufbauen. Um diesen Punkt noch deutlicher zu machen (und nebenbei einer falschen Dichotomie entgegenzutreten, die in revolutionären Milieus häufig auftaucht), kann mensch sich das ganze in Bezug auf den revolutionären Klassenkampf anschauen. Während sie sich in Details unterscheiden, sind sich anti-staatliche, anti-kapitalistische RevolutionärInnen im Allgemeinen einig, dass es die »revolutionäre Aufgabe« der ausgebeuteten Klasse ist, sich als Klasse abzuschaffen, indem sie die Klassengesellschaft abschafft. Was bedeutet das und wann im Verlauf des Kampfes geschieht das? Mir scheint, dass dies genau bedeutet sich selbst als Individuum wiederzuentdecken, mit all den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Träumen, die in keiner Beziehung stehen zu dem, was das Kapital anzubieten hat – Wünsche, Bedürfnisse und Träume, die am besten in freier Assoziation mit anderen erfüllt werden können, aufbauend auf Gegenseitigkeit und Verbundenheit. Wenn die Ausgebeuteten im Verlauf des Kampfes die Methoden finden, ihre eigenen Handeln gemeinsam zu organisieren, hat der Prozess sich selbst als Klasse abzuschaffen bereits begonnen, da sie beginnen als Individuen miteinander zu sprechen und zu handeln. Schließlich ist autonome Selbst-Organisierung praktisch. Sie besteht nicht in der Stiftung einer formalen Organisation, um irgendwas zu repräsentieren. Vielmehr besteht sie im Zusammenbringen der notwendigen Elemente, die zum Vollbringen der verschiedenen Aufgaben und Aktivitäten eines speziellen Kampfes nötig sind. Darin wird mensch dazu neigen, Wege der Kommunikation zu entwickeln, Wege, das Handeln zu koordinieren, notwendige Werkzeuge zu sammeln, usw. Wie wir weiter unten sehen werden, gibt es in Kämpfen größeren Ausmaßes die Neigung Versammlungen hervorzubringen, um zu diskutieren, was nötig ist; dies sind keine formalisierten Strukturen, sondern vielmehr spezifische Methoden mit anstehenden Problemen umzugehen.

Anarchistische Intervention

Als AnarchistInnen sind wir häufig Teil der Ausgebeuteten und Enteigneten. Daher haben wir ein unmittelbares Bedürfnis gegen diese Gesellschaftsordnung zu kämpfen. Zur gleichen Zeit stossen wir zu diesen alltäglichen Kämpfen mit einer bewussten revolutionären Perspektive und mit spezifischen Ideen darüber, wie wir in diesen Kämpfen handeln wollen. Daher ist es unvermeidlich, dass unsere Beteiligung als AnarchistInnen die Form der Intervention annehmen wird. Es ist eine Überlegung wert, was unsere Beteiligung zu einer Intervention macht.
Zunächst kommen wir als AnarchistInnen zu jedem Kampf mit einer bewussten revolutionären Perspektive. Was immer der konkrete Grund sein mag, der einen Kampf auslöst: wir erkennen darin einen Aspekt der sozialen Ordnung, die zerstört werden muss, um die Möglichkeiten für eine freie und selbstbestimmte Existenz zu eröffnen. Kämpfe und Revolten werden im Allgemeinen von spezifischen Umständen provoziert, nicht durch die massenhafte Erkenntnis der Notwendigkeit, dass Staat, Kapital und alle Institutionen zerstört werden müssen, durch die Herrschaft und Ausbeutung ausgeübt wird. Anarchistische Intervention ist somit die Anstrengung, einen Kampf über die vorfindliche Ursache hinauszutreiben, die ihn ausgelöst hat – nicht allein durch Worte, sondern durch Taten die Verbindung klar zu machen, die zwischen dem spezifischen Problem und der größeren Realität der uns umgebenden sozialen Ordnung besteht. Dies würde beinhalten, die Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Kämpfen ebenso zu finden und deutlich zu machen wie die Unterschiede, die einen breiteren Kampf fördern und die Revolte voranbringen können.
Da wir als AnarchistInnen zu jedem Kampf mit einer spezifisch revolutionären Perspektive kommen, ist es in unserem Interesse eine Methodik des Kampfes vorzuschlagen, die diese Perspektive in sich trägt, eine von Grundsätzen geleitete Methodik, die in jedem Kampf eine Basis für unsere Komplizenschaft zur Verfügung stellt. Die Methodik von der ich spreche ist nicht einfach eine Methodik für den Kampf, sondern etwas, das so weit wie möglich auf das ganze Leben angewendet werden kann. Zuallererst muss der Kampf in völliger Autonomie, d.h. in kompletter Unabhängigkeit von allen repräsentativen Organisationen geführt werden. Wir müssen in Gewerkschaften und Parteien die Ursupatoren erkennen, die sie sind, und unser spezifische Handeln in jedem Kampf für uns selbst bestimmen, ohne Rücksicht auf ihre Forderungen. Zweitens hat unsere Praxis die der wahrhaft direkten Aktion zu sein – es gilt herauszufinden, wie wir die spezifischen Aufgaben, die wir uns selbst stellen selbst erfüllen können – nicht zu fordern, dass irgendeine Autorität oder irgendeine »RepräsentantIn« des Kampfes für uns handelt. Drittens müssen wir den permanenten Konflikt mit der sozialen Ordnung, gegen die wir aufbegehren mit Blick auf die spezifische Sache, um die es gerade geht, aufrecht erhalten, indem wir unsere Angriffe fortsetzen, um klar zu machen, dass es nicht in unserer Absicht liegt uns vereinnahmen zu lassen. Viertens müssen wir angreifen – es verweigern mit den Herrschenden zu verhandeln oder Kompromisse zu schließen. Diese Methodik transportiert in sich zugleich das Prinzip der Selbst-Organisierung wie die revolutionäre Notwendigkeit, die gegenwärtige herrschende Ordnung zu zerstören.
Aufgrund der Natur unserer anarchistischer Ausdrucksformen wird sich unsere Intervention in den Kämpfen stets als eine Spannung auf mehreren Ebenen ausdrücken. Zunächst einmal befinden sich die meisten von uns, wie ich bereits sagte, selbst unter den Ausgebeuteten und Enteigneten der gegenwärtigen sozialen Ordnung und sind nicht Teil der herrschenden oder verwaltenden Klassen. Daher sind wir mit den gleichen unmittelbaren Realitäten konfrontiert wie die anderen in unserer Umgebung, haben das selbe Bedürfnis nach unmittelbarer Erleichterung. Aber wir haben auch ein Bedürfnis nach einer neuen Welt, und wir möchten dieses Bedürfnis in all unsere Kämpfe einbringen; nicht nur in Worten, sondern in der Art und Weise, in der wir zur Tat schreiten. Von daher leben wir in der Spannung, uns unter repressiven Bedingungen willentlich in Richtung Autonomie und Freiheit zu bewegen. Darüber hinaus wünschen wir auf spezifische Arten zu kämpfen und unser Leben zu leben. Diese Methoden bauen auf horizontalen Beziehungen und der Verweigerung von Hierarchie und Avantguardismus auf. Unser Bestreben, Wege dafür zu finden bewegt sich in der Spannung, unsere Konzepte davon, wie wir kämpfen wollen auf eine Weise voran zu bringen, die bereits existierende Ansätze von Selbst-Organisierung und direkter Aktion stärkt, ohne in Methoden eines politischen Evangelismus zu verfallen. Wir wollen uns letztlich als GenossInnen und KomplizInnen aufeinander beziehen, nicht als AnführerInnen. Und dann stehen wir noch in der Spannung des Wunsches, ungeachtet des gegenwärtigen Niveaus des Kampfes unmittelbar gegen die Zumutungen zu handeln, die diese Gesellschaft unserem Leben aufnötigt, und dabei gleichzeitig jede Tendenz des Avantguardismus zu vermeiden. Auf eine Art ist die anarchistische Intervention das Drahtseil zwischen unserem eigenen alltäglichen Kampf und der Suche nach Wegen, diesen Kampf mit den Kämpfen aller Ausgebeuteten zu verbinden, von denen die meisten unsere bewussten Perspektiven nicht teilen – eine Verbindung die nötig ist, wollen wir uns in Richtung von sozialem Aufstand und Revolution bewegen. Ein Fehltritt in der einen Richtung lässt unseren Kampf um sich selbst kreisen, wodurch er in individuellen radikalen Hedonismus ohne jede soziale Relevanz verwandelt wird. Ein Fehltritt in die andere Richtung macht ihn einfach zu einer weiteren politischen Partei (welchen Namen auch immer man ihr gibt, um diese Tatsache zu verbergen), die um die Kontrolle des sozialen Kampfes wetteifert. Dies ist der Grund warum wir immer im Kopf behalten müssen, dass wir nicht nach Gefolgschaft oder AnhängerInnen suchen, sondern nach KomplizInnen für das Verbrechen der Freiheit.
Anarchistische Interventionen können unter zwei Umständen auftreten: wo es zu selbst-organisierten Kämpfen der Ausgebeuteten kommt, oder wo eine spezifische Situation nach einer unmittelbaren Antwort verlangt und AnarchistInnen zu selbst-organisierten Methoden ermuntern möchten, diese Antwort zu geben. Ein Beispiel für die erste Situation wäre eine Bewegung des wilden Streiks, in der AnarchistInnen ihre Solidarität ausdrücken, zur Ausbreitung des Streiks ermuntern, den Verrat der Gewerkschaften herausstellen können; wo eine weitreichendere Kritik an der Gewerkschaft als Institution ebenso geteilt werden kann wie Visionen über Wege dem Leben und der Welt zu begegnen, die anders sind als nur zu arbeiten, um auf einem gewissen Niveau zu überleben. Wir werden uns weiter unten eine Reihe von Beispielen anschauen. Die zweite Art der Intervention wäre etwa der Bau einer Atomwaffenbasis in der Gegend, in der mensch lebt, oder ein Mord der Polizei, begangen an einer armen Person oder Leuten, die einer Minderheit angehören. So etwas verlangt nach einer unmittelbaren Antwort und AnarchistInnen werden in einer solchen Situation danach verlangen, selbst autonome Antworten zu geben. Und sie werden dazu anregen, dies in Form direkter Aktion zu tun, statt sich mit Forderungen an die Herrschenden zu wenden. Die genaue Art und Weise, wie AnarchistInnen in solchen Situationen intervenieren werden, unterscheidet sich je nach den Umständen. Aber der Punkt ist, dass es immer darum geht, die nach Autonomie, Selbst-Organisierung und direkter Aktion strebenden Tendenzen zu ermutigen, statt eine politische Perspektive zu pushen.

Einige historische und gegenwärtige Situationen

Da diejenigen, denen ihr Leben gestohlen wird, häufig ein hohes Maß Wut über ihre Situation und Misstrauen erreichen, das sich sowohl gegen die Herrschenden als auch gegen jene wendet, die für sich beanspruchen die Ausgebeuteten zu vertreten, ist es glücklicherweise nicht schwierig Beispiele für die Praxis autonomer Selbst-Organisierung zu finden. nter Umständen finden sich Beispiele der Intervention anti-politischer (wenn auch nicht immer spezifisch anarchistischer) RevolutionärInnen. Außerdem habe ich ein Beispiel einer anarchistischen Intervention gefunden, wo diese in Reaktion auf eine spezifischen Situation agierten, um zu selbst-organisierten direkten Aktionen gegen die Errichtung einer Atomwaffenbasis in Sizilien zu ermutigen. Lasst uns auf einige dieser Beispiele einen Blick werfen.

Italien in den 1970ern

In den 1970er Jahren erlebte Italien eine soziale Bewegung der Revolte, in der junge ArbeiterInnen, StudentInnen, arme und ausgebeutete Jugendliche und Frauen eine zentrale Rolle spielten. Eine der herausragenden Charakteristika dieser Bewegung war genau ihre Autonomie von den üblichen Organisationen, die beanspruchten die Kämpfe der Ausgebeuteten zu repräsentieren. Weder Gewerkschaften noch Parteien führten die Kämpfe an. Das Misstrauen diesen Organisationen gegenüber war groß und wurde noch größer, als die Parteien und Gewerkschaften durch plumpe Bestrebungen, die Kämpfe entweder zu vereinnahmen oder zu diskreditieren ihre wahre Natur offenbarten.
Im Verlauf dieser Kämpfe kam überall im Land eine Vielfalt verschiedener Formen zum Einsatz: wilde Streiks, massive Demonstrationen, Sabotage, massenhafte Besetzungen von Häusern und anderen Räumen, Straßenkämpfe mit Bullen und Faschisten, sowie eine große Zahl anderer Formen direkter Aktion. Zusätzlich begann sich der bewaffnete Kampf in vielfältiger Form zu entwickeln, die häufig nicht die spektakuläre und spezialisierte Form von Gruppen wie den Roten Brigaden hatte. Um die Realitäten dieser Kämpfe miteinander zu kommunizieren und das Handeln zu koordinieren, entwickelten sich spontane Versammlungen in Fabriken, besetzten Universitäten und Nachbarschaften. In oftmals vehement geführten Diskussionen und Debatten wurde auf sehr hohem Niveau die Frage nach der Natur dieser Gesellschaft aufgeworfen und wie dagegen gekämpft werden könne. Was jenseits spezifischer Arbeitsbedingungen die Frage der Arbeit an sich beinhaltete, der Ehe und der Familie als Quell repressiver Beziehungen entlang von Geschlecht und Alter, des technologischen Apparats und der Natur der Produktion, usw.
Sicherlich waren viele AnarchistInnen und andere anti-politische RevolutionärInnen an dieser Bewegung beteiligt. Ihre Interventionen nahmen verschiedenste Formen an, von denen ich nur einige erwähnen möchte. Im Laufe des Aufstands gab es Myriaden von Publikationen zur Verbreitung anarchistischer und anti-politischer Analysen. Eine große Zahl von Piratenradios entstand, die halfen die Informationen über spezifische Kämpfe in den jeweiligen Regionen zu verbreiten, in denen sie sich befanden. Zusätzlich kamen viele AnarchistInnen (und andere) in kleinen Bezugsgruppen zusammen, um in Bezugnahme auf spezifische Aspekte des andauernden Kampfes spezifische Angriffe und Sabotageakte durchzuführen. Die meisten dieser Gruppen waren temporär mit dem Ziel der Vollendung einer spezifischen Aktion. Eine spezifische bewaffnete Gruppe, die Azione Rivoluzionaria (AR) entstand auch aus einer anti-politischen, anti-autoritären und anti-kapitalistischen Perspektive. Beim Lesen ihrer Kommuniqués und Texte wird klar, dass die Gruppe stark von Raoul Vaneigem beeinflusst war. Für alle praktischen Zwecke bestand sie in einer informellen Föderation von Bezugsgruppen, die verschiedene bewaffnete Angriffe gegen die Institutionen der Macht ausführten. Anders als die stalinistischen Roten Brigaden, die definitiv vorhatten, die bewaffnete Partei zu sein, die das Proletariat zum Sieg führt, sah sich die AR einfach als einen Schritt in der Verallgemeinerung des bewaffneten Kampfes. Trotzdem führten sie ihre Angriffe in einer Weise aus, die es möglich machte, sie zu spektakularisieren und vom größeren Kampf zu separieren, daher wurden sie auf praktischer Ebene zu SpezialistInnen in der Nutzung eines speziellen Werkzeugs des Kampfes.
Der aufständische Kampf im Italien der 1970er Jahre war recht weit fortgeschritten. Mit Sicherheit spürten einige die Revolution in der Luft liegen (inklusive, unglücklicherweise, die Behörden). Es ist unmöglich zu sagen, in welchem Ausmaß das spezifische Handeln von AnarchistInnen oder anderen anti-politischen RevolutionärInnen die Richtung der allgemeinen Revolte tatsächlich beeinflusst hat, aber sicherlich waren viele der Interventionen (vom Piratenradio zur Sabotage und darüber hinaus) nützlich. Die Art und Weise, in der viele der autonomen Kämpfe – insbesondere kleinere Aktionen – organisiert wurden, erinnerten an die Ideen und Praktiken von AnarchistInnen unter dem Einfluss von Luigi Galleanis Ideen. Wenn Gruppen wie die Azione Rivoluzionaria in eine spezifische Rolle verfielen, und damit die Nützlichkeit ihrer Aktivität schwächte, so taten es doch viele nicht – und es gab inmitten des Kampfes eine Kapazität für ernsthafte Kritik, die es uns erlaubt von den Ereignissen zu lernen. Schlussendlich führte harte staatliche Repression in Kombination mit dem Säen von Missverständnissen zwischen den Menschen in der Revolte zur Zerstreuung dieser Bewegung. Als der Staat zuschlug, war die Bewegung nicht darauf vorbereitet sich zu verteidigen. Auch wenn es Hinweise auf die Möglichkeit einer Ausbreitung des bewaffneten Kampfes gibt (Individuen, die nicht Teil einer spezialisierten bewaffneten Gruppe waren, begannen sich zu Verteidigungszwecken zu bewaffnen), verhinderte eine Kombination von Statements bestimmter linker Gruppen, die sagten, dass die Zeit nicht reif sei für den bewaffneten Konflikt, zusammen mit der Spektakularisierung spezialisierter bewaffneter Gruppen durch die Medien jede Klarheit in dieser Frage. Nichts desto weniger existieren eine Menge anarchistischer Analysen aus dieser Zeit, die die Fragen untersuchen, wie sich die aufständischen Kämpfe entwickeln, wie die anarchistische Intervention, der bewaffnete Kampf usw. Und ein großer Teil des Experimentierens und Erkundens findet in Italien auch heute noch entlang dieser Linien statt.

Spanien 1976-1979

Im Dezember 1975 starb Franco, der für mehr als 35 Jahre der Diktator Spaniens gewesen war. Als ein neues Regime die Ordnung in Form eines demokratischen Staates wiederherzustellen versuchte, brach eine Bewegung wilder Streiks aus, die Möglichkeiten für eine neue Gesellschaft eröffneten, in der Staaten und Bosse keinen Platz mehr haben würden. Diese Bewegung wilder Streiks spiegelte verschiedene Aspekte ihrer Zeit wieder: Die durch den Fall des Franco-Regimes entstandene Öffnung, die von der herrschenden Klasse auf Kosten der ArbeiterInnen gewünschte Umstrukturierung des spanischen Kapitals, den Kotau der Gewerkschaften und verschiedener linker Parteien vor den Forderungen der herrschenden Klasse in der Hoffnung legalisiert zu werden, die Bereitschaft der Ausgebeuteten, die Möglichkeit am Schopf zu packen und in ihrem eigenen Interesse zu handeln.
Der Kampf verbreitete sich in einer großen Zahl von Städten in Spanien. ArbeiterInnen blockierten die Straßen, machen spontane Demos, um die Neuigkeiten des Streiks überall zu verbreiten, bauten Barrikaden, kämpften gegen die Polizei und besetzten Fabriken und andere Räume. Die verschiedenen Aktionen der Streikenden wurden durch tägliche Versammlungen in den Fabriken organisiert, wo die wirklichen Entscheidungen getroffen wurden, sowie durch zweiwöchentliche gemeinsame Versammlungen, die nur koordinierende Funktion hatten. Außerdem wurden, als sich die Bewegung verbreitete, Nachbarschaftsversammlungen gebildet, die den Kampf gegen die Ausbeutung in alle Bereiche des täglichen Lebens hin ausbreitete. Interessanterweise war es die Ausbreitung der Bewegung der Versammlungen über die Fabriken hinaus, die zu weitreichender Kritik und der Infragestellung der Lohnarbeit an sich führte.
Die größte Schwäche dieser Versammlungen scheint ihre Toleranz für das Heckmeck der Gewerkschaften und Parteien auf den Versammlungen gewesen zu sein. Diese DienerInnen der verschiedenen oppositionellen Bürokratien riefen, natürlich, immer zur Mäßigung und zu Verhandlungen auf – und versuchten die Versammlungen unter ihre Kontrolle zu bringen. Auch wenn sie für gewöhnlich ignoriert wurden, so wurden sie doch nicht aus den Versammlungen geworfen und bei einigen Begebenheiten unterminierten sie laufende Kämpfe, indem sie sie an sich rissen und mit den Herrschenden verhandelten. Dies spielte bei der einsetzenden Zerstreuung der Revolte eine zentrale Rolle.
Da Spanien eine enorm starke anarchistische Geschichte hat, spielten AnarchistInnen ohne Zweifel eine bedeutende Rolle in diesem Kampf. Aber nicht durch irgendeine der wohlbekannten Organisationen. Die am besten bekannte »anarchistische« Organisation in Spanien, die CNT, bewies erneut, dass sie zu zuallererst eine Gewerkschaft der Arbeit ist, d.h. eine Organisation, welche die Kämpfe der ArbeiterInnen in Verhandlung mit den den Bossen repräsentiert. Wie alle anderen Gewerkschaften strebte sie nach Legalisierung im neuen Regime, und spielte von daher auch die gleiche Rolle wie sie – die im Versuch bestand, die Kämpfe in Richtung Mäßigung und Kompromiss zu manipulieren.
Auf der anderen Seite waren anti-politische RevolutionärInnen auf vielseitige Art an den wilden Streiks beteiligt. Zu dieser Zeit kursierten anonyme Schriften, in denen die Situation aus einer ausdrücklich revolutionärer Perspektive analysiert, und die Manipulationen von Gewerkschaften und Parteien entlarvt wurden. Eine Gruppe, die sich selbst die »Unkontrollierbaren« nannte – in Verwendung eines von RepublikanerInnen bis CNTlern in abfälliger Weise benutzten Begriffes, der sich gegen jene RevolutionärInnen richtete, die sich den kompromisslerischen Anführern der 1930er Jahre nicht beugen wollten – lieferte fortlaufend Analysen der Situation.
Hinzu kamen die »autonomen Gruppen«, die zu einem späteren Zeitpunkt in der Bewegung aktiv wurden. Diese Gruppen setzten sich aus Individuen der ausgebeuteten Klassen mit einer revolutionären Perspektive zusammen, die beschlossen, nicht mehr zu arbeiten, außerhalb des Gesetzes zu leben und von dort aus an den Kämpfen teilzunehmen. Ihre Praxis bestimmte sich aus ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen, aber da dies die Solidarität mit anderen beinhaltete, spiegelte sich diese Komplizenschaft in ihren Akten der Enteignung, des Vandalismus und der Sabotage wieder. Sie sahen sich selbst in keiner Weise als SpezialistInnen, sondern schlicht als Individuen, die eine Wahl darüber getroffen hatten, wie sie hier und jetzt im Kampf mit dieser soziale Ordnung leben, und entsprechend dieser Wahl handeln wollen. Ihre Interventionen waren präzise und gezielt, damit sie in Bezug auf die laufende Bewegung der wilden Streiks verstanden wurden.

Comiso, Sizilien 1982-83

Im Dezember 1979 trafen die USA mit der italienischen Regierung ein Abkommen über die Stationierung von Atomwaffen in Italien. Das Abkommen wurden im Geheimen getroffen, doch im Frühjahr 1981 sickerte die Nachricht nach draußen. Ein Flughafen nahe der Stadt Comiso im Süden Siziliens war ausgewählt worden, 112 Nuklearraketen zu beherbergen. Augenblicklich reagierten die Menschen der Region wütend darüber, wie offensichtlich hier über ihr Leben verfügt wurde. Die Leute begannen über die Sache zu diskutieren. AnarchistInnen nahmen an diesen Diskussionen teil, verteilten Flugblätter und besuchten Treffen über die Militärbasis.
Die üblichen VereinnahmerInnen erschienen sofort auf der Bildfläche: linke Parteien gründeten Friedenskomitees, die darauf abzielten mit symbolischem Protest die Entscheidungen der Herrschenden zu beeinflussen. Die AnarchistInnen aber riefen mit anderen RevolutionärInnen, die am radikalen Potential der wütenden Leute aus der Region interessiert waren, eine Organisierungsgruppe ins Leben, die vom Ansatz her auf direkte Aktion und Angriff zielte.
Während die Friedenskomitees symbolische Großdemonstrationen organisierten und »Frieden« forderten diskutierten AnarchistInnen und andere RevolutionärInnen in der Organisierungsgruppe darüber, auf welche spezifischen Ziele der Kampf in Cosimo und anderen Gegenden, die mit ähnlicher Fremdbestimmung konfrontiert waren, konzentriert werden könnte. AnarchistInnen aus Catania vertraten die Ansicht, der Kampf sollte auf einer sozialrevolutionären Grundlage geführt werden, mit einer Methodik des Angriffs auf Personen und Strukturen, die für die Entscheidung der Errichtung der Basis verantwortlich sind. 1982 spaltete sich die Organisierungsgruppe aufgrund unauflösbarer Widersprüche.
Im April 1982 organisierten die Friedenskomitees einen weiteren Friedensmarsch in Cosimo. Es ging um den üblichen befriedenden Bullshit, Spiegel des Opportunismus der linken Parteien. Im Mai entschieden sich die AnarchistInnen von Ragusa und Catania zu intervenieren und die massenhafte Opposition gegen die Militärbasis mit dem Ziel zusammenzubringen, den Bauplatz zu besetzen.
Über die nächsten Monate hinweg beriefen sie eine Reihe öffentlicher Treffen ein, sie verteilten Flugblätter und andere Literatur zum Thema. Anarchistische Frauen gingen von Tür zu Tür, um mit den Frauen der Region zu sprechen, die aufgrund der extrem patriarchalen regionalen Kultur nur selten das Haus verlassen. Da sie auf positive Resonanz in der örtlichen Bevölkerung stießen, schlugen die AnarchistInnen eine Methode vor, um den Kampf auf autonome Art zu organisieren. Der Geschichte Siziliens sind Rebellionen nicht fremd, und eine der Formen, die Selbst-Organisierung dort gewöhnlich genommen hatte war die der selbst-verwalteten Liga. Die AnarchistInnen empfahlen darüber nachzudenken, diese Form für den aktuellen Kampf wiederzubeleben. Am 31. Juli und 1. August fand eine anarchistische Konferenz statt, auf deren abschließender Versammlung unter freiem Himmel der Kampf gegen die Militärbasis mit der Verweigerung des Militarismus verbunden wurde, indem ein Anarchist seine Einberufungspapiere zerstörte.
Die selbst-verwaltete Ligen begannen Form anzunehmen. Die AnarchistInnen eröffneten ein Koordinationsbüro zur technischen Unterstützung und Förderung der Kommunikation zwischen den Ligen, während sie selbst damit fortfuhren, öffentliche Treffen abzuhalten und Flugblätter zu verteilen. Da sich Ligen bestehend aus ArbeiterInnen, StudentInnen, Erwerbslosen usw. gründeten, kam es zu verschiedenen Aktionen, die nicht selten darauf zielten, sich die für die Diskussion der Angelegenheit nötige Zeit und auch den Raum dafür zu nehmen. Insbesondere SchülerInnen der oberen Klassen streikten und nutzten die Zeit, um zu diskutieren, was zu tun sei.
Unterdessen wurden die Auswirkungen der Militärbasis klarer und klarer: ansässige BäuerInnen wurden von ihrem Land vertrieben, um Platz für Raketentests zu schaffen, amerikanische Militärs und NATO-Offiziere reservierten verschiedene Hotels und andere Dienstleistungen für sich, die Mafia nötigte und terrorisierte GegnerInnen der Militärbasis und versuchte ihnen Angst einzujagen. Die AnarchistInnen fuhren damit fort Kontakt zu ArbeiterInnen, Erwerbslosen, StudentInnen und Hausfrauen in der Gegend aufzunehmen, aber die Kräfte der Repression taten alles, um deren Aktivitäten durch Einschüchterung, Falschinformationen, usw. zu behindern.
Zur Besetzung selbst kam es nie. Als der Bau der Basis voranschritt, kam eine große Zahl AnarchistInnen nach Comiso, und die meisten waren der Ansicht, dass eine Besetzung zu diesem Zeitpunkt viel zu riskant wäre. Dennoch führten die fortgesetzten Aktivitäten in dieser Zeit zu einer Reihe explosiver Situationen und ganz sicher zeigten sie die Offenheit einer Menge Leute für selbst-organisierter Kämpfe. Die Initiative endete mit einer riesigen Demonstration zur Raketenbasis. Die Cops griffen die Demo mehrmals und über einige Stunden hinweg gewaltsam an. Tatsächlich setzten sie den DemonstrantInnen kilometerweit nach. Die Militärbasis wurde Mitte der 80er in Betrieb genommen, aber 1992 wieder geschlossen.
Das interessante an dieser Initiative liegt nicht in Erfolg oder Niederlage, sondern im Bemühen um eine selbst-organisierten Revolte gegen die Basis – im Gegensatz zu den symbolischen Protesten, zu denen die italienische kommunistische Partei und andere Parteien aufriefen. Zu diesem Zweck zeigten die AnarchistInnen die Verbindungen zwischen der Militärbasis und den Realitäten der Ausbeutung in der Region auf – die Vertreibung der BäuerInnen von ihrem Land, die sich verschlechternde ökonomische Situation der ArbeiterInnen, die Vergänglichkeit der für die Dauer des Bauarbeiten der Basis versprochenen Jobs, usw. Sie bezogen sich auf vergangene Aufstände in der Region und schlugen Methoden der Selbst-Organisierung vor, die bei diesen Gelegenheiten entwickelt worden waren. Darüber hinaus halfen sie einfach dabei die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen. Entkamen sie mit dieser Vorgehensweise der Praxis von PolitikerInnen? Mir kommt es so vor, aber das ist ein Thema für die Debatte.

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